Abiturientin und Hauptschüler: Zukunft? Kommt darauf an

Die 18-jährige Lara und der 15-jährige Nico im Münchner Jugendzentrum Zur Großansicht
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Die 18-jährige Lara und der 15-jährige Nico im Münchner Jugendzentrum

Die eine muss sich nach dem Abi nur noch für den richtigen Weg entscheiden. Der andere hofft, nach seinem Hauptschulabschluss überhaupt eine Wahl zu haben. Mit Lara und Nico treffen zwei Schüler einer Generation aufeinander, deren Zukunft unterschiedlicher kaum sein könnte.

Auch wenn der Plan noch etwas vage ist, Lara freut sich auf ihre Zukunft. Die 18-Jährige hat einiges vor in nächster Zeit: erst mal Abi, dann studieren, gern im Ausland. Was genau, weiß sie noch nicht.

Lara spielt gern am Klavier, das ihre Eltern ihr gekauft haben. Außerdem geht sie gern shoppen und tanzen, sagt sie, und wann immer es passt, besucht sie ihren Freund in Wien. Ihr Taschengeld bessert sie mit Model-Jobs auf. Laras Eltern sind geschieden, ihr Vater war Unternehmer, ihre Mutter ist Kosmetikerin. Ihre Kindheit hat Lara auf einer Waldorfschule verbracht - ohne Hausaufgaben und, wie sie sagt, mit viel Betreuung. "Ich hätte aber mehr Druck gebraucht", sagt sie, "ich bin nicht so diszipliniert." Inzwischen hat Lara die Schule gewechselt.

Nico würde gern auf so eine Schule gehen. Der 15-jährige Hauptschüler kann sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn sich die Lehrer viel Zeit für jeden einzelnen Schüler nehmen, wenn sie ihn nicht "gestört" nennen und wenn sie geduldig sind. Wie es ist, Taschengeld zu bekommen, weiß er auch nicht. Aber der Matheunterricht bei seinem Lieblingslehrer, der macht ihm Spaß.

Nicos Mutter ist alleinerziehend und arbeitslos. Sie hat gerade nicht viel Zeit für ihn und seinen Bruder. "Wir müssen ja auch selbständig werden", sagt Nico. Seinen Vater, der weit weg wohnt, sieht er nie. Manchmal ruft er ihn an, wenn er Geld braucht - und manchmal bekommen er und sein Bruder dann etwas. In seiner Kindheit hat Nico schon einiges mitgemacht, doch darüber will er nicht sprechen.

Zwei Welten prallen aufeinander

Wenn Nico und Lara hier im Multikulturellen Jugendzentrum (MKJZ) im Münchner Westend zusammensitzen und erzählen, prallen zwei Welten aufeinander. Zwei Welten, wie sie typisch sind für das reiche Deutschland im Jahr 2013. Die Welt Laras, die behütet aufgewachsen ist und gefördert wurde. Sie macht im Jugendzentrum ein Praktikum, weil sie herausfinden will, was sie nach dem Abi tun möchte. Und das Leben von Nico, der seit Jahren fast jede freie Minute im Jugendzentrum verbringt - so wie viele andere auch.

Was die beiden verbindet: Sie müssen den Übergang in eine noch unsichere Erwachsenenwelt schaffen. Kein leichtes Stück, sagen Experten über diese Phase. Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München beschreibt die Übergangzeit als Herausforderung.

Vor allem Nico ist klar, wie wichtig die Schule für seine Zukunft sein könnte: Er würden gern Fleischereifachverkäufer werden. Dafür braucht er einen Hauptschulabschluss - doch ob er den schafft, steht noch etwas auf der Kippe. Im Gegensatz zu Nico hat die Abiturientin Lara das Gefühl, dass ihr fast alles offen steht. Die 18-Jährige wirkt optimistischer, sie erweckt den Eindruck, dass sie sich - unter den vielen möglichen - nur für den richtigen Weg entscheiden muss.

Doch selbst diejenigen, die es auf die Hochschulen schaffen, haben es laut Experte Gaiser alles andere als leicht. "Ihr Kampf fängt nur später an. Türen, die vor dem Abitur noch scheinbar offen stehen, schließen sich schnell." Der Eintritt ins Berufsleben sei für junge Erwachsene heute ungleich schwerer als noch für ihre Eltern - auf jedem Bildungsniveau. Das liegt auch an befristeten Arbeitsverträgen und permanent verlangter Mobilität.

Akademiker lassen ihre Kinder weniger fernsehen

Wie erfolgreich Jugendliche diese Phase meistern, hängt auch stark vom Elternhaus ab. Wer zu Hause gefördert und unterstützt wird und schon in jungen Jahren Bildung erlebt, hat es leichter in der Schule, sagt zum Beispiel der DJI-Direktor Thomas Rauschenbach in seinem Artikel "Ein anderer Blick auf Bildung". Schulerfolg ist dabei stark abhängig von der sozialen Herkunft. Ein Beispiel aus dem 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung vom Januar: Eltern mit Hauptschulabschluss lassen ihre Kinder im Schnitt 111 Minuten am Tag fernsehen. Bei Eltern mit Abitur oder Studium sind es 73 Minuten. Dafür lesen Kinder von Akademiker-Eltern im Schnitt deutlich mehr.

Nico aber will nicht den ganzen Tag fernsehen oder Computer spielen. Er will Verantwortung übernehmen für das Jugendzentrum, das ihm so wichtig ist und in dessen Jugendrat er gewählt wurde. Zusammen mit seinen Freunden schmiedet er Pläne, wie sie Spenden an Land ziehen können. Wenn jemand nicht zu den Planungstreffen kommt, wird der 15-Jährige wütend. "Das ist einfach nicht in Ordnung."

Die neueste Idee des Jugendrats: Eine "kleine Allianz-Arena" auf dem Bolzplatz neben dem Jugendzentrum. "Das wäre eine Touristen-Attraktion", sagt Nico. "Wir könnten die vermieten für andere Fußballmannschaften, wir könnten Turniere machen und wenn dann viele Leute sehen, wie toll das ist, dann ist das auch gut für den Ruf unseres Stadtteils." Einen Brief an den FC Bayern wollen Nico und seine Freunde schreiben - denn ohne Unterstützer ist vieles so unendlich schwer.

dpa/lgr

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insgesamt 162 Beiträge
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1. Traurige Naivität
betaknight 29.06.2013
Ich weiß nicht was genau ich von allem halten soll. Auf der einen Seite finde ich es schön, dass sich der Jugendliche für Projekte einsetzt. Andererseits mutet sein Traumziel im Berufsleben doch etwas naiv an. So bin ich einerseits beeindruckt, dass er trotz der Umstände recht vernünftig zu sein scheint, aber andererseits doch sehr Naiv über die Wirklichkeiten in diesem Land ist. Aber aufgrund des Alters ist dies wohl entschuldbar. Zu der Abiturentin lässt sich nicht viel sagen. Sie entspricht im positiven und negativen dem typischen Personenbild aus besseren Verhältnissen.
2. Das Abitur ist heute keine Garantie mehr...
doytom 29.06.2013
...um einen gutbezahlten Job zu ergattern da es im Studium härter zugeht (Master- Bachelor) als noch vor einigen Jahren. Nur die Auswahl zum Scheitern und Burnout ist bei Abiturienten breiter gestreut.
3.
muffelkopp 29.06.2013
Zitat von sysopDie eine muss sich nach dem Abi nur noch für den richtigen Weg entscheiden. Der andere hofft, nach seinem Hauptschulabschluss überhaupt eine Wahl zu haben. Mit Lara und Nico treffen zwei Schüler einer Generation aufeinander, deren Zukunft unterschiedlicher kaum sein könnte. Eintritt ins Berufsleben von Abiturientin und Hauptschüler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/eintritt-ins-berufsleben-von-abiturientin-und-hauptschueler-a-908339.html)
(fast) die ganze Problematik in einem Satz geschildert: Man müsste annehmen, dass sie sich vor Zeit nicht retten kann. Schade, dass individuelle Kompetenzlücken solche Auswirkungen haben. Ich wünsche Nico alles Gute, er wird es nicht leicht haben. Lara wünsche ich natürlich auch alles Gute.
4.
hador2 29.06.2013
Zitat von betaknightAndererseits mutet sein Traumziel im Berufsleben doch etwas naiv an.
Was soll denn daran naiv sein wenn ein Hauptschüler gerne Fleischereifachverkäufer werden möchte? Ich meine was soll er sich denn zum Ziel setzen wenn er gerade darum kämpft die Hauptschule zu schaffen? Architekt? Arzt? Millionär? Da erscheint mir Fleischereifachverkäufer doch schon eine sehr realitische Wahl.
5.
hador2 29.06.2013
Zitat von doytom...um einen gutbezahlten Job zu ergattern da es im Studium härter zugeht (Master- Bachelor) als noch vor einigen Jahren. Nur die Auswahl zum Scheitern und Burnout ist bei Abiturienten breiter gestreut.
Je nach Studienfach und Uni gehts auch heute im Studium nicht härter zu als früher. Auf jeden Fall anders geworden ist in den letzten 10 Jahren allerdings der Einstieg ins Berufsleben wo es heute deutlich schwerer ist als Berufsanfänger einen unbefristeten Vertrag zu bekommen.
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