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02. November 2011, 14:08 Uhr

Freiwillig in der Seemannsmission

Ahoi Matrose, mach bei mir fest

Von Veronika Widmann

Bei seinem maritimen Freiwilligendienst lernt Jonne Rebber die ganze Welt kennen - von Hamburg aus. Bei der Seemannsmission verköstigt er Seeleute aus Kiribati, Malaysia und anderswo und kuriert ihr Heimweh. Hände und Füße sind dabei genauso wichtig wie Englisch.

Jonne Rebber, 20, beugt sich über den Verkaufstresen. "How can I help you, my friend", fragt er freundlich. Auf dem Regal hinter ihm liegen Waren, wie aus dem Sortiment eines Tante-Emma-Ladens: Schokoriegel, Zahnseide, Instantnudeln, Nivea-Creme.

Der Mann vor dem Tresen ist Malaysier, trägt aber trotzdem ein "I'm proud to be American" - Sweatshirt. Er möchte keine Snacks oder Pflegeprodukte, sondern eine Telefonkarte für zehn Dollar. Jonne sucht im Internet den günstigsten Anbieter für Malaysia, dann drückt er dem Mann die Karte in die Hand. "Here you are, my friend."

Seit August 2011 absolviert Jonne ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Deutschen Seemannsmission. Mitten im Hamburger Hafen zwischen Autobahn, Containerterminal und Bahnstrecke liegt der " Duckdalben", ein einstöckiges Backsteingebäude, das Seeleuten aus aller Welt einen Zufluchtsort vor "Kapitalismus und Materialismus" des Hafens bieten soll.

"Ohne unsere FSJ-ler wäre hier nix"

Ein Dalben ist ein Pfahl, an dem Schiffe festmachen, im Duckdalben sollen die Seeleute anlegen können, erklärt Jonne. In einem kleinen Laden können sie einkaufen, an der Bar ein Bier und Würstchen bestellen oder in einem der Aufenthaltsräume Billard spielen. Viele möchten einfach per Skype oder Telefon nach vielen Wochen auf See Kontakt zu ihren Familien aufnehmen. Da sie oft nur wenige Stunden Landgang haben, bietet der Duckdalben einen Shuttle-Service von und zum Schiff.

"Wir sind hier die Mädchen für alles", beschreibt Jonne die Arbeit der insgesamt fünf Freiwilligen. Sie verkaufen, holen Seeleute mit dem Kleinbus ab, nehmen Anrufe entgegen, koordinieren die Fahrten, kochen Würstchen, helfen bei einem verlorenen Pass oder haben in Gesprächen ein offenes Ohr. Jeden Tag von 15 bis 22.30 Uhr haben drei von ihnen Dienst, auch samstags und sonntags, aber nie mehr als drei Abende am Stück.

"Ohne unsere FSJ-ler wäre hier nix, die schmeißen alles", sagt die Seemannsdiakonin und verantwortliche Diensthabende Corinna Dohotariu, 28. Schon in den ersten Wochen habe Jonne dabei vor allem eines gelernt: Den Seeleuten auf Augenhöhe entgegenzutreten. Oft stammten sie aus Asien und begegneten den Europäern mit einer gewissen Unterwürfigkeit. Dann müsse man sie erst einmal "hochziehen", sagt Dohotariu.

Eigentlich wollte Jonne nach dem Abitur ins Ausland, jetzt lerne er die Welt eben von zu Hause aus kennen. "Weniger als zehn Nationen sind wir hier nie", sagt er. "Heute hatten wir zum Beispiel einen Seemann aus Kiribati." Diesen südpazifischen Inselstaat habe er zuvor nicht einmal gekannt. "Der wollte mir dann erzählen, dass dort 20 Millionen Menschen leben", lacht er. Als sie zusammen bei Wikipedia nachschauten, waren es doch nur 90.000. Eigentlich dachte Jonne, er würde hier sein Englisch verbessern. "Aber die hier", er hält seine Hände in die Luft und dreht sie hin und her, "sind auch ganz wichtig." Dass mit "Pon-Kad" eine "Phonecard" und mit "Pipteen" die Zahl "Fünfzehn" gemeint ist, musste er erst einmal lernen.

Erinnerungsfotos und Heiratsanträge

Für Jonne, der nach dem FSJ in Flensburg Nautik studieren und vielleicht Lotse werden will, ist der Duckdalben der perfekte Arbeitsplatz. Als Nordfriese habe er eine Verbundenheit zum Meer. In Gesprächen mit Seeleuten erfährt er viel über den Alltag auf See. Das ist nicht immer motivierend. Die meisten Filipinos zum Beispiel würden die Arbeit nur machen, um überhaupt einen Job zu haben. Auch Horrorgeschichten von verdorbenem Trinkwasser und gammeligen Lebensmitteln an Bord machen ab und an die Runde. Eine willkommene Abwechslung bei den vielen Klagen war deshalb das Gespräch mit einem schottischen Lotsen. "Der war total begeistert und meinte, ich soll das unbedingt auch machen."

Die Arbeit im Duckdalben kann stressig werden, an manchen Tagen kommen 200 Gäste. Die schönste Belohnung ist dann die Dankbarkeit der Seeleute, da sind sich Jonne und seine FSJ-Kollegin Jette einig. "Die freuen sich so, wenn man sich zu ihnen setzt und mit ihnen redet", sagt Jette. Sie kommt deshalb manchmal auch an ihren freien Tagen - und kann sich als Frau besonderer Aufmerksamkeit sicher sein. Die Männer wollen Fotos mit ihr und auch den ein oder anderen Heiratsantrag hat sie schon bekommen. Aufdringlich ist dabei aber fast keiner. "Ich lache dann halt und nehme es als Scherz."

Um halb elf nachts ist Schluss im Duckdalben. Zuvor hat Jonne die Rückfahrtsliste geschrieben, das heißt, alle Anwesenden nach ihren Schiffen gefragt und sie dann so auf die vier Kleinbusse verteilt, dass sie ohne Umwege ans Ziel kommen. Die meisten sind schon weg, eine kleine Gruppe wartet auf den Lumpensammler und schießt ein Erinnerungsfoto. Im Hintergrund dudelt halblaut "Time to say goodbye". Jonne und Jette gönnen sich ein Feierabendbier.

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