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07. November 2011, 09:06 Uhr

Freiwilligendienst am Wattenmeer

Ein Eisschrank voller toter Tiere

Von Veronika Widmann

Wattwürmer ausbuddeln, Vögel zählen, Kadaver sammeln: Ilka Beermann tut all das mit großer Begeisterung. Als freiwillige Helferin in einer Nordsee-Schutzstation erklärt sie Kindern das Watt und hilft der Umwelt - all das barfuß und manchmal ganz vom tosenden Wasser eingekreist.

"Kommt mal alle zurück zum Ufer, ich such uns noch einen Wattwurm", sagt Ilka Beermann, 20, sticht die Forke ins graubraune Watt und hängt sich mit ihrem ganzen Gewicht an den Stiel.

Sie muss tief in die Knie gehen, bis der Boden aufbricht. Dann bückt sie sich, holt den nassen Sand in festem Klumpen aus dem Loch und schaufelt hektisch mit beiden Händen, während Wasser in das Loch strömt. Eine Gruppe Viertklässler springt um sie herum. Beim zweiten Versuch fängt Ilka einen der dicken rotbraunen Würmer.

Seit dem Sommer ist die Nordsee Ilkas Arbeitsplatz. Sie ist eine von aktuell rund 12.000 Teilnehmern am Bundesfreiwilligendienst (BFD). Gemeinsam mit zwei anderen "Bufdis" und einer Teilnehmerin am Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) betreut Ilka die Schutzstation Wattenmeer in Büsum. Wattwanderungen mit Schulklassen und Touristen gehören dabei genauso zum Job wie Vogelzählungen und Büroarbeit.

"Seht ihr das Sekret auf meiner Hand?"

Für Ilka die perfekte Mischung: "Ich wollte nach der Schule gerne was mit Umwelt und Kindern machen", sagt sie. In ihrer Heimatstadt in Nordrhein-Westfalen ist Ilka seit 15 Jahren bei den Pfandfindern. Sie kann sich gut vorstellen, später Pädagogik oder Ökologie zu studieren.

In kurzer Hose, blauer Kutte mit dem Logo ihrer Schutzstation und Strickmütze über den blonden Haaren steht Ilka jetzt vor der Klasse und kämpft mit ihrer Stimme gegen den Wind an. Der Wattwurm windet sich behäbig auf ihrer Handfläche und hinterlässt eine gelbe Schleimspur. "Seht ihr das Sekret auf meiner Hand? Das gibt der Wurm ab, damit seine Tunnel hinter ihm nicht zufallen", erklärt Ilka. Manche Kinder hören aufmerksam zu, ein kleiner Hobbybiologe weiß alles besser. Ein paar Jungs finden die Krabbe, die einer von ihnen gefangen hat, spannender als Ilka und krabbeln dem Tierchen mit der Kamera in der Hand hinterher.

Auf ihrem gelb-grünen Fahrrad mit Frosch-Hupe und Kunstrasen auf dem Gepäckträger radelt Ilka nach der Führung zurück zur Station - natürlich barfuß. "Ich bin schon immer gern barfuß gelaufen. In der Schule wird man blöd angeschaut, hier gehört es dazu. Es ist praktisch und eine Art Erkennungszeichen", sagt sie.

Vom Wasser eingeschlossen mitten im Meer

In dem von Weinranken bewachsenen Häuschen der Schutzstation wohnt und arbeitet Ilka zusammen mit Bastian und Frauke. Für alle drei ist es die erste WG-Erfahrung. Die Stimmung ist ausgelassen, während der Pause tanzt Ilka zu einem YouTube-Video im Zimmer herum. Der Härtetest kommt im Winter, wenn sie mehr Zeit auf engem Raum im Haus verbringen.

Ilka ist froh, mit dem Freiwilligendienst etwas Sinnvolles zu tun. "Wir klären die Leute auf und tragen zum Naturbewusstsein bei." Die Daten der Vogelzählungen oder Wattkartierungen geben sie an die Zentrale des Nationalparks weiter und helfen so bei der Erforschung des Watts.

Am liebsten sind Ilka aber die Tage auf Blauort, einer Sandbank rund sechs Kilometer vor Büsum, die knapp über dem Meeresspiegel liegt. Jede zweite Woche - vorausgesetzt der Wasserstand lässt das zu - laufen die Freiwilligen bei Niedrigwasser hinüber. Wenn das Hochwasser kommt, sind sie für mehrere Stunden "eingespült" - also vom Wasser eingeschlossen. "Es ist gigantisch, wenn man mitten im Meer steht", sagt Ilka. Angst habe sie dabei nicht. Die Zeit nutzen sie und ihre Kollegen zum Vögel zählen und Auflisten von Angeschwemmtem.

In der Kühltruhe lagern tote Vögel

Den Tagesablauf gibt das Meer vor. Wattwandern geht nur bei Niedrigwasser, Vögel lassen sich bei Hochwasser besser zählen, weil sie dann näher am Ufer sind. Heute steht noch "Spümo" auf dem Plan, wie Ilka, Bastian und Frauke das Spülsaum-Monitoring fast liebevoll nennen. An 300 Metern Küste sehen die drei sich alles ganz genau an und dokumentieren, was die Flut angeschwemmt hat. Die Freiwilligen im vergangenen Jahr fanden mal ein totes Reh mit Kitz, erzählt Ilka. Mit toten Tieren haben sie es öfter zu tun. In der Kühltruhe im Keller lagern mehrere Vögel, in Tüten verpackt. Anfangs war das ungewohnt, aber mittlerweile findet Ilka die toten Tiere "einfach interessant". Gut erhaltene Kadaver werden später an Tierpräparatoren weitergegeben, andere können für die Forschung interessant sein.

Eine Stunde nach Hochwasser ist beste "Spümo"-Zeit. Der Wind dröhnt mittlerweile laut in den Ohren und drückt das graubraune Nordseewasser wild an den Steinwall, den die Freiwilligen untersuchen. Sie fachsimpeln über rote Algen, die Ilka in der Hand hält. "Ist das Blasentang?" "Hm, ich hatte den irgendwie grüner in Erinnerung. Japanischer Bärentang ist es jedenfalls nicht", sagt Ilka und hüpft barfuß weiter von Stein zu Stein.

Bretter, Farbdosen, ein Schuh, eine blaue Kehrschaufel - alle Fundstücke werden aufgeschrieben. "Verdammt!", ruft Frauke plötzlich. Der Wind hat ihr das Plastikklemmbrett aus der Hand gerissen. Es schlägt auf und bricht in mehrere Stücke, von denen eines den Damm hinauffliegt und dahinter verschwindet. 20 Meter haben sie geschafft, da segelt auf einmal die Liste durch die Luft.

Ilka flucht und springt hinterher, doch das Papier ist schon außer Sicht. Von oben auf dem Damm gestikuliert sie wild, dass sie von zu Hause eine Neue holen will. Eine halbe Stunde später ist sie mit einer neuen Liste zurück, gut gelaunt - und bereit für die letzten 280 Meter.

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