Mit Rap zum Abi: Voll krass, der Kafka!

Von Jonas Leppin

So was machen HipHopper: Tobias Stoll, hier im Studio, machte kurzen "Proceß" Zur Großansicht
Tobias Stoll

So was machen HipHopper: Tobias Stoll, hier im Studio, machte kurzen "Proceß"

Die Abi-Pflichtlektüre "Der Proceß" war ihm zu langweilig, und so dichtete der Mannheimer Schüler Tobias Stoll, 18, die Inhaltsanalyse in einen Rap-Song um. Sein Deutschlehrer urteilte: eine Eins plus.

Dieser Typ, um den es geht, Josef K., hat gleich mal ein fettes Problem. Deutlich wird das schon in der ersten Zeile des Rap-Songs: Gerade aufgewacht, wird er verhaftet und landet auf der Anklagebank. Die Richter? Korrupt. Die Frauen? Leicht reizbar.

Aber so ist das Leben: "Wie mein Vater immer sagte/ Ich bin nur ein Nichtsnutz/ Ein Junge ohne Herz und Leben/ Der auf's Gericht spuckt." So reimt es Tobias Stoll, 18, in seinem Track "Der Raprozeß". Für den Schüler aus Mannheim ist das Lied mehr als nur ein Spaß, es wird ihm für das Abitur angerechnet.

Was nämlich wie harte Gangster-Musik klingt, ist in Wirklichkeit noch härterer Schulstoff. Und Josef K. ist nicht irgendein Berliner Vorstadt-Rapper, sondern die Hauptfigur des Romans "Der Proceß" von Franz Kafka.


Kurzer "Proceß": Der Kafka-Rap von Tobias als Video.


Für eine Präsentation im Fach Deutsch bastelte Tobias mehrere Wochen an einem Text über die Abi-Pflichtlektüre. Bei der sogenannten Gleichwertigen Feststellung von Schülerleistungen (GFS) ist es Schülern in Baden-Württemberg möglich, selbstständig ein Thema zu erarbeiten und das Ergebnis beurteilen zu lassen.

Zwischen Pullis und Jacken: Aufnahme im Kleiderschrank

"Normalerweise hält ein Schüler für die GFS dann ein Referat über Goethe oder eine literarische Epoche", sagt Christian Mahnke, 34, vom Peter-Petersen-Gymnasium in Mannheim. Tote Dichter sind für den Deutschlehrer Alltag im Leistungskurs, den auch Kafka-Rapper Tobias besucht. Weil Mahnke wusste, dass sein Schüler seit Jahren rappt, schlug er ihm für die Prüfung vor, seine Gedanken über Franz Kafka in einen Rap-Text zu verwandeln.

"Es war ungewohnt. Bisher habe ich nur für mich und ein paar Kumpel geschrieben", sagt Tobias. Dennoch besorgte er sich einen Beat und schrieb los. Vier Wochen später war das Lied fertig. Zwischen Pullis und Jacken nahm er den Song dann mit einem billigen Mikrofon in seinem Kleiderschrank auf.

Herausgekommen sind fünf Minuten und 52 Sekunden Bildung auf HipHop-Beats. Vollgepackt mit Interpretationen zum "Proceß", biografischen Bezügen zwischen Autor und Werk sowie typischen kafkaesken Sprachelementen. "Ich hatte zwischendurch allerdings auch einige Schreibblockaden", sagt Tobias.

Lehrer Mahnke ist mehr als zufrieden: "Ein Rap von bemerkenswerter Qualität." Die wichtigsten Motive aus dem Buch tauchen darin auf. Ebenso wird mit der Vieldeutigkeit der deutschen Sprache gespielt. "Eine Technik, die bei Kafka selbst stark ausgeprägt ist, aber auch traditionell im Rap verhaftet ist", sagt Mahnke.

Gedichte? Lieber Torch hören, sagt der Pädagoge

Mahnke selbst nutzt in seinem Unterricht gern deutschen HipHop, um seine Schüler für Gedichtinterpretationen zu begeistern. "Es muss nicht immer Goethe oder Eichendorff sein. Wer einmal den Song 'Ich hab geschrieben' von Torch gehört hat, der merkt, wie viel geniale Wortspiele und Metaphern in dieser Sprache möglich sind", sagt Mahnke.

Tobias sagt, er hätte beim Schreiben des Songs mehr über den Roman gelernt als im Unterricht. Selbst beim Spazierengehen mit seinem Hund kamen ihm immer wieder Ideen für Rap-Zeilen, die er in sein Handy tippte.

Mahnke, der seine Staatsexamensarbeit im Fach Literaturwissenschaft über "Rap als Literatur einer nicht-literarischen Jugendkultur" geschrieben hat, empfiehlt den Rap nun für den Einsatz im Deutschunterricht. Seinem Schüler Tobias hat er für den Text 15 Punkte gegeben, eine Eins plus.

Gerade schreibt Tobias an seiner ersten eigenen Rap-Platte, einem Konzeptalbum voll mit klassischen Jugendproblemen. Vielleicht gibt er das Werk diesmal nicht nur an ein paar Kumpels weiter, sagt Tobias.

Doch vorher will er zu einer zusätzlichen Abi-Prüfung antreten. Zwar ist ihm ein Einserschnitt schon sicher, aber die schriftliche Texterörterung ging bei ihm ziemlich daneben. Jetzt tritt er zur Nachprüfung an - ausgerechnet bei Herrn Mahnke in Deutsch.

Hier der Text zum kurzen "Proceß" von Tobias:

"Josef K., du bist verhaftet und egal, was du machst / Es gibt keinen Ausweg, also rein in die Schlacht / Du bist verhaftet (Ich will leben!), ziehst dich selbst in den Bann / Hast du keine Einsicht, bist du ewig gefangen (Lass mich raus!).

Ich wache auf und werd von Wächtern ohne Grund verhaftet / Sie selbst wissen nicht, warum, ich kann es nicht verkraften / Sag, wer sind die Leute und wer hat sie geschickt, denn ohne dass ich was getan hätte, ham sie mich erwischt / Nein, ich kann das nicht zulassen, geh weiter zur Bank / Doch die Anklage bringt mich langsam um den Verstand.

Will nicht zum Gerichtstermin, doch ich renne diesen Weg / Weil die Schuld in mir brennt und mich niemand versteht / Vor den zwei Parteien will ich mich verteidigen / Das Gericht ist unergründlich, muss mich nicht vereidigen / Die Decken engen mich ein, ich kann es nicht verstehn / Kann den Richter mit seinem Buch hier einfach nicht ernst nehm / Die Dachböden sind schmutzig, sie verkörpern das Unheil / Ich aber bin unschuldig und unwissend verurteilt / Die Richter sind korrupt und haben hier die Macht / Aber ich bin überlegen, und ich führe meinen Kampf.

Josef K., Du bist verhaftet und egal, was du machst / es gibt keinen Ausweg, also rein in die Schlacht / Du bist verhaftet, (Ich will leben!), ziehst dich selbst in den Bann / hast du keine Einsicht, bist du ewig gefangen (Lass mich raus!).

Der Student entführt die Frau, doch sie wehrt sich nie / Mich entführt der Prozeß, er ist mir so viel wert wie nie / Mein Advokat Huld verschiebt Schuld / Gibt mir Schutz, ich kämpfe ums Bewusstsein, trotz der stickigen Luft / Meine Sicht beginnt zu flimmern, will mich nicht erinnern / Versuch sie zu verdrängen, diese Schuld in meinem Innern / Was sie sagen, das Gericht zieht die Schuld an? Wenn ich so was höre, zuck ich nur mit den Schultern.

Und Lenis Blick trifft mich, legt offen und entlarvt mich / Fühl mich unterlegen und mein Atem versagt / Ich kündige dem Advokat, verkümmer innerlich / Lass den Prügler auf sie einschlagen und kümmere mich nicht / Aber irgendwann hilft mir Leni oder 'ne andere raus / Um den Prozeß zu gewinnen, brauch ich reizbare Frauen / Objekte der Begierde, ich kann sie wie Mauern bauen / Und durch ihre Augen in die Seele des Gerichts schauen.

Josef K., du bist verhaftet und egal, was du machst / Es gibt keinen Ausweg, also rein in die Schlacht / Du bist verhaftet (Ich will leben!), ziehst dich selbst in den Bann / Hast du keine Einsicht, bist du ewig gefangen (Lass mich raus!).

Ich sitz verzweifelt am Schreibtisch und weiß nicht, wo mein Kopf ist / Tagelang nicht konzentriert, hoff, ich verlier meinen Job nicht / Meine Kräfte schwinden, ich verliere diesen Kampf / Das Gericht muss nicht suchen, meine Schuld zieht es an / Was ist deren Plan, und warum bin ich verhaftet? / Was hab ich getan, warum habe ich die Kraft nicht? / Mein Es bestimmt mein Über-Ich, also bin ich nicht ich, nicht das Gericht spricht mich schuldig, ich richt mich.

Stickige Luft in den Kanzleien, spür das Unbehagen / Suche Antworten in Unterlagen, doch ich find nur Fragen / Denk an die Parabel, hör ich den Pfarrer sagen / Die Frage nach der Schuld, nicht zu klären, wie bei Kain und Abel / Wie mein Vater immer sagte, ich bin nur ein Nichtsnutz / Ein Junge ohne Herz und Leben, der auf's Gericht spuckt / Ich bin nie Mensch geworden, nur wie ein Hund gestorben / Denn um Mensch zu werden, musst ich wie ein Hund sterben.

Josef K., du bist verhaftet und egal, was du machst / Es gibt keinen Ausweg, also rein in die Schlacht / Du bist verhaftet (Ich will leben!), ziehst dich selbst in den Bann / Hast du keine Einsicht, bist du ewig gefangen (Lass mich raus!).

Josef K., du bist verhaftet und egal, was du machst / Es gibt keinen Ausweg, also rein in die Schlacht / Du bist verhaftet (Ich will leben!), ziehst dich selbst in den Bann / Hast du keine Einsicht, bist du ewig gefangen (Lass mich raus!).

Du bist verhaftet. Du bist verhaftet. Josef K., du bist verhaftet / Es gibt keinen Ausweg. Du bist verhaftet. Kein Ausweg. Du bist verhaftet / Verhaftet. Du bist verhaftet. Verhaftet. Verhaftet."

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insgesamt 69 Beiträge
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1. optional
Civility 17.06.2013
Eine ausgefallene Idee, die mir sehr gut gefällt. Schön, wenn ein Pädagoge solche Denkanstöße gibt und die Schüler motiviert andere Wege zu gehen. Chapeau!
2. Gut' Nacht, Marie!
überzwerg 17.06.2013
Rap an sich ist ja schon unerträglich; wenn man nun auch noch Kafka zu Rap verhunzt, dann 'Gut' Nacht Marie'. Kein Wunder, dass es mit diesem Land bergab geht.
3.
whodareswins00 17.06.2013
...heutzutage gibt es wohl für jeden mist eine anrechnung... an der uni wirds dann noch schlimmer; so kriegt man beisoielsweise an der uni basel ETCS wenn man den früchtekorb betreut. das stimmt mich sehr zuversichtlich im hinblick auf unsere bildungslandschaft, die mit den asiaten konkurrieren will, die uns bereits jetzt dominieren, was leistungsbereitschaft angeht. gute nacht, abendland
4. gute Idee
miamibass 17.06.2013
Einen Lehrer der seinen Schülern Tortch empfiehlt und Lieder vorspielt wegen der Lyrik find ich eh Klasse. Gut so Herr Lehrer .Sie haben's verstanden. Note 1. 15 Punkte.
5. Rettung für das Abendland!
Andr.e 17.06.2013
Dem Abendland ist in der Tat mehr geholfen, wenn man sich darüber im SPON-Forum auslässt... Ich stell dann jetzt mal die gewagte These auf, das der gute Schüler mehr Kreativität aus sich herausholt, als einige meiner Vorschreiber.
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