Doppel-Interview zum Doppel-Abi: "So voll war der Jahrgang noch nie"

Lara, 18, und Julian, 17, büffelten beide fürs Abitur, obwohl sie in verschiedenen Jahrgangsstufen sind. Julian ist nach acht Jahren fertig, Lara nach neun. Im Interview berichten sie vom Stress im doppelten Jahrgang, von der Party-Planung für 400 Schüler und von Doppelkorn auf Abi-Shirts.

Abi-Shirt zum Doppeljahrgang: "So voll war der Jahrgang noch nie" Fotos
Constantin Hoferer

SPIEGEL ONLINE: In Baden-Württemberg schreiben gerade zwei Jahrgänge Abitur, G8 und G9. An eurer Schule sind es fast 400 Abiturienten. Gab es da Probleme?

Lara: Ich bin im Komitee für den Abi-Ball und es war sehr schwer, einen Raum zu finden für so viele Abiturienten und etwa 2000 Gäste. Wir haben uns für ein Zelt entschieden, es wird auf einem Fußballplatz aufgebaut. Kein Bierzelt! Es sollte etwas edler sein.

Julian: Beim Abi-Motto war es viel schwieriger, sich zu einigen. Schließlich haben wir uns für dieses entschieden: "Doppelkorn, so voll war der Jahrgang noch nie." Es war eines der wenigen, das den Doppeljahrgang thematisiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Am Montag haben die Abi-Prüfungen begonnen...

Lara: Allein in Deutsch und in Mathe sind wir 19 Kurse. Pro Kurs sind zwei Lehrer zur Aufsicht dabei, und dann gibt es noch eine Aufsicht im Gang und für die Garderobe. Ich habe gehört, dass sie einige pensionierte Lehrer für die Prüfungen aus dem Ruhestand geholt haben...

Julian: ...und die Zeugnisübergabe soll fünf Stunden dauern.

SPIEGEL ONLINE: 2010 wurden eure beiden Jahrgänge zusammengeworfen. Lara, du machst das Abitur nach neun Jahren, Julian hatte nur acht Jahre. Julian, wie hast du das geschafft?

Julian: Mir ist es mal in Mathe oder Physik passiert, dass ich eine Formel noch nicht hatte, die die G9er schon kannten. Dann hat man das innerhalb von zehn Minuten aufgearbeitet. Ich weiß zwar nicht genau, was bei uns aus dem Lehrplan gestrichen wurde, aber für die Oberstufe hat mein Wissen bisher gereicht. Mir fällt das Lernen allerdings auch nicht sehr schwer.

Lara: Ich fand die Oberstufe schon anstrengend. Ich hatte zweimal in der Woche bis nachmittags Schule, und es bleibt wenig vom Tag übrig, wenn man dann noch für Klausuren lernen muss. Ich war in der Elften und Zwölften außerdem Schülersprecherin, und da war ich oft länger in der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Julian, musstest du auf etwas verzichten, weil du im Turbo-Jahrgang warst?

Julian: Wäre ich nicht im G8-Zug gewesen, hätte ich gerne die Internationale Klasse besucht, in der man an unserer Schule für einige Monate mit Schülern aus der ganzen Welt und in englischer Sprache lernt. Aber ich bereue nichts und tröste mich damit, dass ich ein Jahr gewonnen habe.

Lara: Ich bin froh, dass ich ein Jahr länger Zeit hatte. Ich war in der Internationalen Klasse, zwei Monate auf Schüleraustausch in Frankreich und ich habe viele Chorreisen mitgemacht. Das sind Erfahrungen, die bereichern.

SPIEGEL ONLINE: In eurem Doppeljahrgang waren die jüngsten Schüler 16, die ältesten 20. Habt ihr den Altersunterschied gespürt?

Lara: Am Anfang dachten wir, dass uns sehr auffallen würde, dass wir mindestens ein Jahr auseinander sind. Aber die Skepsis hat sich nach ein paar Wochen gelegt. Am ehesten hat man im Deutschkurs einen Unterschied gemerkt, weil bei vielen erst in der elften Klasse ein Interesse für Literatur erwacht.

Julian: Ich hatte in der zehnten Klasse eine Deutschlehrerin, die uns gut auf den Doppeljahrgang vorbereitet hat. Und inzwischen sehen wir uns als einen großen Jahrgang. Wir Jüngeren reißen keine G9er-Witze. Und G8er-Witze habe ich auch noch nicht gehört.

SPIEGEL ONLINE: Macht ihr euch Sorgen, dass ihr schwerer einen Studienplatz bekommt?

Lara: Ich will ab Herbst in Freiburg Medizin studieren, aber da brauche ich sehr, sehr gute Noten. Ich mache mir schon etwas Sorgen, dass die Auswahlkriterien noch strenger sein könnten als sonst.

Julian: Ich studiere nicht gleich, sondern schiebe ein FSJ dazwischen. Ich stelle mich demnächst auf einer Wattenmeerschutzstation an der Nordsee vor. Viele der G8er machen erst mal was anderes, ein FSJ, den Bufdi oder eine Ausbildung zum Sanitäter.

SPIEGEL ONLINE: Du sagst, du freust dich über das gewonnene Jahr. Warum dann ein Pause einlegen?

Julian: Ich glaube nicht, dass es mir wirklich etwas bringt, wenn ich ein Jahr früher auf dem Arbeitsmarkt bin. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich mir mein Leben später vorstelle und möchte zuerst Erfahrungen im Umweltschutz sammeln. Was ich studieren will, weiß ich noch nicht genau - vielleicht etwas in Richtung Ingenieurwesen oder Mathe.

SPIEGEL ONLINE: Eure Schule stellt gerade den Antrag, den neunjährigen Zug wieder einzusetzen. Was haltet ihr davon?

Julian: Theoretisch hätte man G9 lassen und es manchen Schülern einfacher machen können, eine Klasse zu überspringen. Das wäre nicht so viel Aufwand.

Lara: Ich bin kein Fan von G8. Das zusätzliche Jahr finde ich gut. Es ist schön, dass man in der Schule nicht durch alles durchgehetzt wird und dass man Zeit hat, weil es auch um die persönliche Entwicklung geht - egal ob für schwächere oder stärkere Schüler. Aber wenn G9 jetzt wieder eingeführt wird, dann war doch irgendwie alles umsonst für uns.

Das Interview führten Constantin Hoferer und Heike Sonnberger

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Zur Person
Lara, 18, und Julian, 17, gehen aufs Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach am Neckar. In ihrer Freizeit liest Lara gern, hört Musik oder trifft sich mit Freunden. Nach den Prüfungen will sie Urlaub in Italien machen. Julian treibt viel Sport und hat keine große Reise geplant. Wenn die Prüfungen durch sind, will er seinem Vater in der KfZ-Werkstatt helfen.
Ricks Abi-Blog: Ein Ende als Anfang
Rick Noack
Da musste er durch: 2011 war Rick Noack 18 und machte sein Abitur an einem Dresdner Gymnasium. Im SchulSPIEGEL schrieb er über die schönsten und stressigsten Momente:

Teil 1: Bekenntnisse einer Mathenull
Teil 2: Zwischen Superstrebern und falschen Freunden
Teil 3: Abiturient sein heißt, vom Kindergarten zu träumen
Teil 4: "Seid ihr wirklich so dumm?"
Teil 5: "Karriere? Nicht mit uns!"


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