Jobsuche als Schulfach: Was soll bloß aus mir werden?

Von Christina Schmitt

Abi, aber was dann... Die große Ratlosigkeit nach der Schule will Bayern mit einem neuen Pflichtfach bekämpfen: Ab Herbst 2009 sollen die Schüler fit gemacht werden für die Berufswahl. Einige Klassen haben den Testlauf bereits hinter sich - und sind enttäuscht.

Sie muss sich endlich entscheiden, vielleicht ist es die wichtigste Entscheidung ihres Lebens. Schließlich geht um ihre Zukunft. Doch Franziska, 20, kann sich einfach nicht auf ein Studienfach festlegen.

Romanistik und Anglistik in Erfurt brach sie nach einem Semester ab, Geisteswissenschaften hatte sie sich anders vorgestellt. Nun schwankt sie zwischen Jura und Kommunikationswissenschaft. Ein Praktikum bei der Lokalzeitung soll weiterhelfen.

So viel Unentschlossenheit unter den Abiturienten möchte das Bayerische Kultusministerium eigentlich vermeiden. Deshalb wird es ab dem Schuljahr 2009/2010 ein neues Pflichtfach für die Oberstufe geben: Studien- und Berufsorientierung.

Es ist die Antwort der bayerischen Bildungsbürokratie auf Fragen, die sich jeder Schüler stellt: Wo will ich hin? Was soll aus mir werden? Ausbildung, Studium, erstmal abwarten? Fragen, auf die bundesweit jeder dritte Abiturient keine Antworten weiß.

Es soll die Anleitung werden für die eigene Lebensplanung, für den eigenen Erfolg. Bayern will den Abiturienten erklären, wie sie den richtigen für sich Job finden.

"Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab"

Zum Anlass, das neue Fach einzuführen, nahm das Ministerium die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre - das umstrittene Turbo-Abitur. Dafür musste ein komplett neuer Lehrplan her, und in dieser Zeit des Wandels wurde entschieden, Berufsorientierung in den Stundenplänen zu platzieren. "Projekt-Seminar" soll das neue Fach heißen. Die wöchentliche Doppelstunde soll die ersten Schüler mit verkürzter Oberstufe fit für die Zukunft machen.

Doch Franziska hat das Schulfach wenig genutzt. Sie hat es mit ihrer Klasse am Gymnasium Casimirianum in Coburg bereits getestet, in einer Art Modellversuch. Trotzdem blieb sie ratlos bei der Studienfachwahl. "Wir waren im Projekt-Seminar völlig auf uns selbst gestellt", sagt die 20-Jährige. Der Unterricht sei von einem Lehrer abgehalten worden, der auf die Aufgabe nicht vorbereitet war und die Schüler lediglich Fragebögen zu Berufswünschen ausfüllen ließ.

Viel Mühe habe er sich beim Unterricht nicht gegeben, erzählt Franziska. Berufsbilder und Anforderungen hätten die Schüler in Referaten selbst vorstellen müssen - und es sich leicht gemacht, indem sie ohnehin bekannte Berufe vorstellten. "Wir saßen den Unterricht eigentlich nur ab", so Franziska. Wie eine Bewerbung aussehen muss, habe sie nicht erfahren, geschweige denn, wie es in einem Assessment-Center zugeht.

Leonie Linder vom Gymnasium in München-Moosach hat das Fach ebenfalls mit ihrer Klasse getestet und kürzlich ein Bewerbungstraining absolviert. "Das war hilfreich, doch weiß ich jetzt immer noch nicht genau, was ich nach dem Abitur machen will", sagt die 18-Jährige, die gerade ihre Abiturprüfungen macht.

Praktika? Fehlanzeige!

Die Mädchen glauben zu wissen, warum aus der Orientierung nichts werden konnte: Es fehlte ein strukturiertes Konzept, ein vernünftiger Lehrplan. Die Stunden schwammen nur so dahin. "Vor dem Lehrer sitzen 25 Schüler, die womöglich mehr als 50 verschiedene Berufswünsche haben", sagt Franziska. Individuelle Betreuung statt Frontalunterricht würde sie sich wünschen, vielleicht eine Sprechstunde. Auf jeden Fall aber solle es ein verpflichtendes Praktikum geben.

Erstsemester an deutschen Hochschulen 1998 bis 2008
Jahr Anzahl Anfänger-Quote* Trend
1998 271.999 29,2
1999 290.983 31,7
2000 314.539 33,6
2001 344.659 36,6
2002 358.792 38,3
2003 377.395 38,3
2004 358.704 37,1
2005 355.961 36,9
2006 344.822 35,9
2007 358.673 35,9
2008 385.500 39,3
*Anteil am Altersjahrgang
Quelle: Bildung in Deutschland 2008
Doch weder Praktikum noch Lehrplan wird es im kommenden Schuljahr für das Projekt-Seminar geben. "Wir hätten gerne ein verpflichtendes Praktikum eingeführt, doch haben sich die bayerischen Unternehmen geweigert. Sie sind ausgelastet mit den Haupt- und Realschülern", sagt Günter Manhardt vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (ISB).

Manhardt hat Entwicklung und Testphase des neuen Faches begleitet. "Auf einen Lehrplan haben wir bewusst verzichtet", verteidigt er die vagen Vorgaben zum Inhalt des Fachs. Man habe den Schulen mehr Freiheiten in der Gestaltung des Unterrichts geben wollen.

Nach welchen Kriterien lässt sich die Leistung beurteilen?

Wie das Projekt-Seminars genau ablaufen soll, ist deshalb nur in groben Zügen vorgegeben: Zuerst durchlaufen die Schüler ein halbes Jahr theoretische Orientierung, zuständige Lehrer können sich dafür einen Leitfaden des Ministeriums kopieren. Im zweiten Halbjahr sollen die Schüler gemeinsam mit einem Unternehmen ein Projekt selbstständig organisieren.

An Franziskas Schule zum Beispiel wird im nächsten Jahr ein Theaterstück organisiert, externer Partner soll ein Beleuchtungstechniker sein. Doch wie viele der 20 Schüler wollen Beleuchtungstechniker werden?

Ein weiteres Problem wird die Benotung sein, die immerhin mit zwei Halbjahresleistungen im Abitur einfließt. Eine gerechte Bewertung werde schwierig, das räumt auch Günter Manhardt vom ISB ein: "Hier muss der Schulleiter zusehen, dass alle angebotenen Projekte gleich schwer zu bearbeiten sind. Schüler, die Theater spielen, sollten nicht einfacher Einsen bekommen als die, die ein Buch erstellen."

"Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf"

Am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg hat man das neue Pflichtfach anders umgesetzt, als es für das kommende Schuljahr geplant ist - und wesentlich bessere Erfahrungen mit der Berufsorientierung gemacht. "Die meisten Schüler haben das Angebot freiwillig wahrgenommen", erzählt der Projektleiter Jochen Dotterweich.

Statt wöchentlichem Unterricht gab es einzelne Projekttage, an denen die Jugendlichen Unternehmen besuchten und im Assessment-Center saßen. Jeder Schüler wählte einen Beratungslehrer, der ihm half, einen Platz für das verpflichtende Praktikum zu finden. Wenn keine Prüfungen anstehen, können sich die Schüler für einige Tage vom Unterricht für das Praktikum befreien lassen.

Carina Wittmann, 20, hat auf diese Weise zwei Praktika während der Schulzeit absolviert und ihre Interessen erkannt: Ohne das Projekt würde sie jetzt kein duales Studium in einem Wirtschaftsunternehmen machen, sondern "irgendwas Soziales", sagt sie.

Trotz seiner gelungenen Umsetzung der Testphase sieht Lehrer Dotterweich das "Projekt-Seminar" skeptisch: "Berufsorientierung muss auch außerhalb der Schule stattfinden. Wir Lehrer kennen ja nur den einen Beruf."

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Vielleicht etwas weniger erwarten!
MasterMurks 15.05.2009
Man sollte sich erstmal darauf besinnen, was die Schule eigentlich soll: Wissen vermitteln, damit man später einen Beruf vernünftig erlernen kann und auch im sonstigen Leben vernünftig zurechtkommt. Wenn die Schule das richtig gut macht, dann weiß man eigentlich von vorneherein, was einem Spaß macht, und was nicht. Da aber die wenigsten Lehrer ihren Beruf ergriffen haben, weil sie anderen etwas beibringen wollten, zumindest hatte ich an Schule und Universität genau diesen Eindruck, können sie entweder schelecht lehren, oder wollen einfach nicht! Bevor man also der Schule neue Aufgaben gibt, nämlich unentschlossenen, postpubertären Gestalten ihre verkorksten Gedanken geraderücken, damit sie sich für EINEN Beruf entscheiden, sollte man erstmal dafür sorgen, dass Lehrer lehren wollen! Dann klappt das auch mit der Orientierung. Das Konzept, Berufswahl als Unterrichtsfach anzubieten ist ja wohl totaler Schwachsinn! Wie richtig geschrieben wurde, 25 Schüler, 50 Berufswünsche. Wie soll man denn da erschöpfend auf jeden eingehen? Praktika sind wichtig, aber einen Kurs geschlossen ein Praktikum machen zu lassen ist Quatsch, denn ja, wieviele wollen Beleuchtungstechniker werden? Das hätte aber mit jedem anderen Beruf nicht viel anders ausgesehen! Wieviele wollen Chemikant, Zerspaner, Buchdrucker werden? Also: Bevor man Jugendlichen die Entscheidungen abnehmen möchte, die sie im eigenen Interesse selbst treffen sollten, sollte man ihnen zu allererst das Handwerkszeug zum Treffen von Entscheidungen, nämlich Wissen, ordentlich vermitteln! Mit solchen Programmen an den Symtomen anzufangen ist Schwachsinn!
2. Vorbereitung aufs Lenen...
Silens Tempestas 15.05.2009
Grundsaetzlich finde ich den Gedankenansatz richtig. Aber nur Grundsaetzlich. Die Schule soll ja nicht nur auf den Job vorbereiten (sonst koennte man sich einiges ersparen (niemand den ich kenne braucht Wurzelrechnung!)). Aber genau das, scheint das Ziel zu sein. Nicht einen Job zu finden der den jungen Menschen gefaellt und sie ausfuellt bis sie in die Rente gehen, sondern sie schnell in die broeckelnde Wirtschaft, respektive ins Arbeitsamt zu bringen... Aber um auf meine Idee zurueckzukommen: Warum nicht eine Stunde (oder auch zwei) pro Woche in den vorletzten und letzten Klassen der Schulen mit dem Thema 'Lebensvorbereitung'? Neben den unterschiedlichen Berufsbildern kann man da auch mal was lernen wie: Steuererklaerung ausfuellen. Antraege vom Amt ausfuellen. Welche Behoerden bearbeiten was? Also lauter Zeug das man sich muehsam ueber die Jahre aneignet und meist trotzdem nur zur Haelfte kennt. Dann wuerde die Schule doch tatsaechlich mal wieder fuer's Leben lehren.
3. drollig
ArbeitsloserMathematiker 15.05.2009
Die heutigen verbeamteten Lehrer sind dafuer gaenzlich ungeeignet. Ein weiteres Glanzstueck im deutschen Schulsystem...
4. Versagen der kompletten Bürokratie
Ernst Robert 15.05.2009
Guter Artikel. Kommt für einige wahrscheinlich um Jahre zu spät. Für mich gibt es, auch nach vielen Gesprächen mit jungen Leuten, nur eine Zwischenbilanz, die sich auf folgende Weisheit reduziert: Nicht jede/r kann oder will Pflicht und Neigung vereinen, nicht jede/r kann oder will sich prinzipiell für eins von beiden entscheiden, mit den jeweiligen Konsequenzen. Oft siegen Faulheit und/oder Bequemlichkeit, weil irgendwie klar ist: "man fällt weich". Die meisten wissen inzwischen recht gut, in welchen Bereichen sie eine realistische und sichere Zukunft haben. Doch schon in der Schule wurden sie zu sehr auf 'durchmogeln' getrimmt, so dass sie auch jetzt denken: "vielleicht habe ich ja Glück und komme ohne viel Anstrengung durch und lande in meinem Traumjob". Wobei das Aussehen und das clevere Auftreten leider von einigen hoffnungslos überschätzt werden. Auch sogenannte 'soft skills' verlieren an Bedeutung, je größer die existentiellen Nöte werden. Und das werden sie! Die goldenen Zeiten sind vorbei. Leider suchen die, die es sich leisten können, ihr Heil in Privatschulen. Denn, auch wenn es eine vielleicht unzulässige Pauschalisierung ist: die öffentlichen Schulen haben zu Lasten von Chancengleichheit versagt, v.a. in der Vermittlung von solidem Grundwissen, in Fächern, wie den Naturwissenschaften, wo man auch einmal etwas länger sich konzentrieren muss, um zu einem Ergebnis zu kommen. Versagt haben auch die Arbeitsämter, für die seriöse, am machbaren orientierte Berufsberatung, rechtzeitige und objektive Eignungstest und ein enger Austausch beim Lehrstoff angeblich immer 'viel zu konkret' sind. Zwangsläufig oberflächliche 'Jobsuche als Schulfach' ist doch einfach ein Skandal! Man betrügt die jungen Leute um ihre Zukunft, wenn man Fleiß und Ausdauer als 'Sekundärtugenden' abtut und so tut als ginge es auch ohne sie. Es wird Jahre dauern bis diese Fehler wieder korrigiert werden.
5. Ich muss ihnen da widersprechen
Oi!Olli 15.05.2009
Zitat von Ernst RobertGuter Artikel. Kommt für einige wahrscheinlich um Jahre zu spät. Für mich gibt es, auch nach vielen Gesprächen mit jungen Leuten, nur eine Zwischenbilanz, die sich auf folgende Weisheit reduziert: Nicht jede/r kann oder will Pflicht und Neigung vereinen, nicht jede/r kann oder will sich prinzipiell für eins von beiden entscheiden, mit den jeweiligen Konsequenzen. Oft siegen Faulheit und/oder Bequemlichkeit, weil irgendwie klar ist: "man fällt weich". Die meisten wissen inzwischen recht gut, in welchen Bereichen sie eine realistische und sichere Zukunft haben. Doch schon in der Schule wurden sie zu sehr auf 'durchmogeln' getrimmt, so dass sie auch jetzt denken: "vielleicht habe ich ja Glück und komme ohne viel Anstrengung durch und lande in meinem Traumjob". Wobei das Aussehen und das clevere Auftreten leider von einigen hoffnungslos überschätzt werden. Auch sogenannte 'soft skills' verlieren an Bedeutung, je größer die existentiellen Nöte werden. Und das werden sie! Die goldenen Zeiten sind vorbei. Leider suchen die, die es sich leisten können, ihr Heil in Privatschulen. Denn, auch wenn es eine vielleicht unzulässige Pauschalisierung ist: die öffentlichen Schulen haben zu Lasten von Chancengleichheit versagt, v.a. in der Vermittlung von solidem Grundwissen, in Fächern, wie den Naturwissenschaften, wo man auch einmal etwas länger sich konzentrieren muss, um zu einem Ergebnis zu kommen.
Das durchmogeln klappt leider immer noch zu oft auch im späteren Berufsleben. Gerade im Bereich IT trifft man viele. Wobei hier natürlich noch dazu kommt das die meisten Entscheidungsträger selber nicht viel von Computern verstehen und nicht wissen was für ein großes Feld IT ist.
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