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Kunsthandwerk als Beruf: Elfenbein schnitzen für die Scheichs

Der Handel mit Elefantenelfenbein ist verboten und der Beruf des Elfenbeinschnitzers nicht mehr sehr gefragt. Ein Berufsschulzentrum in Hessen bildet trotzdem in der raren Profession aus. Meist schnitzen die Azubis an Knochen, Nüssen - und an den Resten von toten Mammuts.

Kunsthandwerk: Azubis schnitzen am Mammutzahn Fotos
ddp

Mit feinen Bewegungen führt Cathrin Ulrich einen elektrischen Fräser über ein handflächengroßes Elfenbeinstück. Feiner Staub wirbelt durch die Luft und schon bald zeigt sich die Kontur eines Frauenkörpers.

Die 21-Jährige macht eine Ausbildung zur Elfenbeinschnitzerin am Beruflichen Schulzentrum Odenwald (BSO) im hessischen Michelstadt. Laut Drechsler- und Elfenbeinschnitzer-Innung Erbach ist diese Ausbildung einzigartig in ganz Europa. So einzigartig, dass die Schüler sogar Aufträge aus Abu Dhabi bekommen.

"Vor kurzem haben wir auf Anfrage spezielle Geschenkartikel für einen arabischen Scheich angefertigt", berichtet Schnitzermeister Helmut Jäger. Gemeinsam mit Meister Bernd Spachmann leitet er die Ausbildung an der Berufsfachschule für das Holz und Elfenbein verarbeitende Handwerk.

Azubis kommen auch aus der Schweiz und Dänemark

Pro Lehrjahr gibt es zwischen drei und fünf Schüler. Außerdem wurden in den vergangenen knapp zwanzig Jahren 14 Meister ausgebildet. Die Schüler kommen aus ganz Deutschland, gelegentlich sogar aus der Schweiz und Dänemark: "Die nehmen schon was in Kauf, um diese Ausbildung machen zu können."

So wie Cathrin. Sie fährt jeden Morgen von Offenbach über zwei Stunden lang mit Bus, S-Bahn und Zug, um pünktlich zu Unterrichtsbeginn in Michelstadt zu sein. "Das ist zwar ganz schön aufwendig, aber es lohnt sich", sagt sie und lacht. Schließlich habe sie schon immer etwas Handwerklich-Künstlerisches machen wollen.

Ihre Eltern seien bei einem Stand auf einem Weihnachtsmarkt auf die Ausbildung aufmerksam geworden und sie sei sofort begeistert gewesen: "Ich finde es toll, aus Rohmaterial etwas Schönes herzustellen." Nach einer umfangreichen Aufnahmeprüfung begann sie dann vor zwei Jahren ihre Ausbildung.

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Azubis: Tops und Flops bei der Bezahlung

Die Elfenbeinschnitzerei im Odenwald hat eine lange Tradition. Bereits 1783 wurde per Zunftbrief das Elfenbeinhandwerk genehmigt, um der ärmlichen Odenwaldregion wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Knapp hundert Jahre später wurde die Schule gegründet. Nach einer längeren Blütezeit sei die gesamte Branche im 20. Jahrhundert in eine schwere Krise geraten, als wegen des Artenschutzes der Handel mit Elefantenelfenbein verboten wurde, sagt Jäger. "Um zu überleben, mussten wir offen sein für neue Materialien." Seit dem Artenschutzabkommen müsse kein Elefant mehr für die Elfenbeinschnitzerei sterben.

An den Elefantenzahn wollen die Schüler nicht mehr ran

Zwar gebe es in Deutschland noch Restbestände an Elefantenelfenbein, doch diese zu verwenden sei mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden. In der Schule werde daher nur noch mit dem Elfenbein längst ausgestorbener Mammuts und elfenbeinähnlichen Materialien wie Rinderknochen und Taguanüssen gearbeitet. "Der Name 'Elfenbeinschnitzer' hat für viele etwas Schlechtes in sich, aber es ist einfach ein historisch gewachsener Begriff", sagt Jäger. Doch auch die Schüler wollten aus ethischen Gründen nicht mehr mit Elfenbein arbeiten.

Geöffnet habe sich die Schnitzerei jedoch nicht nur in Bezug auf die Materialien, sondern auch auf die Formen, berichtet Jäger. So gehöre es zum Konzept der Ausbildung, dass den Schülern viel Freiraum für eigene Ideen gegeben werde: "Die Werke haben eigentlich immer Unikat-Charakter."

Bereits in der Schule übernehmen die Schüler spezielle Auftragsarbeiten, um an die Kundschaft herangeführt zu werden. Verkauft werden die geschnitzten Stücke vor allem als Schmuck oder Kunstobjekte. Je ein Viertel der Schüler macht sich den Angaben zufolge nach der Ausbildung in der Elfenbeinbranche selbstständig oder ist als Künstler tätig, etwa die Hälfte arbeitet in verwandten Bereichen. Einige der Schüler nehmen auch eine Stelle im Erbacher Elfenbeinmuseum an.

Von Katja Scherer, ddp

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Alles, was Azubis Recht ist
Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend

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