Mein erstes Mal: Max, 19, riskiert für ein Foto sein Leben

Um einen besonderen Berg zu fotografieren, wanderte Max Ruppert allein durch die argentinischen Anden. Dann stürzte er in eine Schlucht, die Sonne brannte, irgendwann hielt er Kakteen für Menschen. Nach Stunden fand er zur Straße zurück - und brach dort zusammen.

Max in Argentinien: Ein lebensgefährliches Foto Fotos
maxruppert.com

"Nach dem Abi flog ich nach Südamerika, um zu fotografieren. Die Reise gibt mir noch heute Kraft - weil ich sie überlebt habe. In Humahuaca, einer Kleinstadt in den Anden Argentiniens mit bunten Bergen und wüstenhaftem Klima, entdeckte ich durch Zufall einen Flyer vom Hornocal. Der Berg faszinierte mich sofort. Scharf und wild gezackt, bizarr geformt, erstrahlte er in sattem Rot und Orange. Ein krasses Landschaftswunder und ein spektakuläres Fotomotiv.

Eine geführte Tour mit Pick-ups war mir zu teuer, deswegen fuhr ich morgens um 4 Uhr mit einem Bus für Minen- und Landarbeiter zum Berg. Der Fahrer sagte, dass er mich um 9 Uhr abends wieder abholen würde. Im Dunkeln tappte ich auf den felsigen Westhang des Tals hinaus. Dort schlug ich ein Lager auf und frühstückte. Allmählich dämmerte es - für ein gutes Panoramabild musste ich den Berg frontal vor mir haben. Ich ließ alles Gepäck zurück und ging nur mit Kamera, Stativ und einer 0,5-Liter-Wasserflasche los. Das Gelände wurde immer unwegsamer, überall Geröll und hohes Gras, aber der Berg kam kaum näher. Schnell merkte ich, dass ich mich verschätzt hatte. Doch mein Ehrgeiz trieb mich weiter.

Ich rauschte in die Tiefe

Auf einmal stand ich am Rande einer Schlucht. Sie war nicht sonderlich breit, aber steil und etwa 15 Meter tief. Plötzlich brach das Randstück ab, auf dem ich stand und rutschte mit mir in die Tiefe. Ich stieß mein Stativ wie einen Meißel in den schottrigen Hang, um den Sturz zu bremsen. Es ging glimpflich ab, doch der Schock saß. Mühsam kletterte ich auf der anderen Seite aus der Schlucht hinaus und lief weiter bis auf ein Hochplateau. Dort endlich schoss ich mein Foto.

Gegen 12.30 machte ich mich auf den Rückweg, die Mittagssonne brannte, immer wieder wurde mir schwarz vor Augen. 'Atme, Max, atme', sagte ich mir, denn sobald ich tief Luft holte, sah ich kurz klar, bevor ich wieder wegdämmerte.

Ich suchte mein Lager, doch ich hatte mich verlaufen. Nie zuvor war ich so erschöpft. Inzwischen war es 18 Uhr. Ich wusste nicht wohin - bis ich einen Einfall hatte: Auf der Kamera betrachtete ich mein erstes Foto vom Hornocal, verglich es mit der jetzigen Sicht auf den Berg. Ich war zu weit hinabgestiegen und drehte wieder um. Auf allen vieren kletterte ich den Hang hinauf. Einmal sah ich einen Menschen ich winkte wild, schrie - aber beim Näherkommen war es nur ein Kaktus.

Dann endlich blitzte mein Gepäck zwischen Grasbüscheln auf. Gierig trank ich die verbliebenen zwei Liter, aß - und erbrach. Ich torkelte zur Straße, erschöpft, aber glücklich. Um 20 Uhr war ich dort, wartete auf den Bus, eine Stunde. Anderthalb. Zwei.

Kein Schmerz, kein Hunger, kein Durst

Der Bus kam nicht, es wurde dunkel, und ich bekam Panik. Weit in der Ferne sah ich schwaches Licht im Tal, der Ort war mehr als 30 Kilometer entfernt. Mit heroischen Phantasien versuchte ich mich zu pushen - ich als römischer Legionär: zäh und unbeugsam, eine Kampfmaschine. Es herrscht Krieg und ich bin auf einem nächtlichen Gewaltmarsch, um den überraschten Feind im Morgengrauen anzugreifen. Kein Schmerz, kein Hunger, kein Durst kann mich aufhalten. Rückblickend klingt das natürlich lächerlich, damals hat es mir tatsächlich geholfen.

Um 23.30 Uhr stieß ich auf eine Schlammpfütze, kniete nieder und trank. Ekelhaft, aber es half. Das Fotostativ nutzte ich als Krücke. Dann glitt ich allmählich in eine Art Trance hinüber, die Konturen um mich herum lösten sich auf. Ich sah mich schon auf meiner Beerdigung, wie meine Familie am offenen Grab steht, Kumpels, meine Freundin, dicht zusammengedrängt.

Jede Minute wurde mir schwarz vor Augen, doch ich musste weiter; ich durfte nicht verschnaufen - sonst, so spürte ich, würde ich sofort bewusstlos. Ich sah Sterne, dann Farbspiralen, die auf mich zuschossen, mich in einen Abgrund hineinsogen. Allmählich verlor ich die Kraft, dem zu widerstehen - ich wurde ohnmächtig.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, blendeten mich die Scheinwerfer eines Pick-ups. Ich lag am Straßenrand. Nur wenige Autofahrer kommen täglich diese Straße entlang. Mein Retter war ein mürrischer Mann, er sagte und fragte nichts, als ich einstieg. Als wir im Ort ankamen, wollte er Geld - ich kramte meine letzten Pesos zusammen, er nörgelte, ließ mich aber gehen.

Im Hostel schlief ich 16 Stunden. Ich war fast 18 Stunden gelaufen. Wenn es mir heute mal dreckig geht, erinnere ich an meinen Überlebenskampf von damals, an mein Glück, überhaupt noch hier zu sein. Vieles wird dann ziemlich leicht."

Aufgezeichnet von Christian Hambrecht

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Anwärter für den Darwin Preis
sikasuu 13.03.2012
Zitat von sysopmaxruppert.comUm einen besonderen Berg zu fotografieren, wanderte Max Ruppert allein durch die argentinischen Anden. Dann stürzte er in eine Schlucht, die Sonne brannte, irgendwann hielt er Kakteen für Menschen. Nach Stunden fand er zur Straße zurück - und brach dort zusammen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,816736,00.html
Toll. ALLEINE in den Bergen OHNE Proviant und Wasser. Wenn der Junge sich immer so verhält wird er nicht alt. Es scheint so, daß er das noch als Abenteuer sieht. . Super Beispiel für "Wie sollte ich es NICHT machen!" und unverantwortliches Handeln!!! . Kopfschüttelnde Gruesse Sikasuu
2. ?
vostei 13.03.2012
Zitat von sikasuuToll. ALLEINE in den Bergen OHNE Proviant und Wasser. Wenn der Junge sich immer so verhält wird er nicht alt. Es scheint so, daß er das noch als Abenteuer sieht. . Super Beispiel für "Wie sollte ich es NICHT machen!" und unverantwortliches Handeln!!! . Kopfschüttelnde Gruesse Sikasuu
Er hat doch überlebt, er hat eine spannende Geschichte zu erzählen und wieder mal führte derWwillen zum Ziel und retour, wenn auch knapp. Passt doch.
3. unglaublich
stampler2 13.03.2012
Zitat von sikasuuToll. ALLEINE in den Bergen OHNE Proviant und Wasser. Wenn der Junge sich immer so verhält wird er nicht alt. Es scheint so, daß er das noch als Abenteuer sieht. . Super Beispiel für "Wie sollte ich es NICHT machen!" und unverantwortliches Handeln!!! . Kopfschüttelnde Gruesse Sikasuu
Wer sind SIE eigentlich, dass sie sich herausnehmen, so vernichtend über den jungen Mann zu urteilen. Er hat etwas gewagt, wovor sie sich in die Hosen machen würden. DAS ist der Unterschied. Und da spielt es keine Rolle, in welche Lage er sich -unverantwortlicherweise- gebracht hat. Aber ihm so etwas vom hohen Ross aus vorzuwerfen ist lächerlich. Trauen sie sich erst einmal aus ihrer Luxushütte raus, bevor sie so einen Unsinn von sich geben.
4.
Matthias Franz 13.03.2012
Zitat von sikasuuToll. ALLEINE in den Bergen OHNE Proviant und Wasser. Wenn der Junge sich immer so verhält wird er nicht alt. Es scheint so, daß er das noch als Abenteuer sieht. . Super Beispiel für "Wie sollte ich es NICHT machen!" und unverantwortliches Handeln!!! . Kopfschüttelnde Gruesse Sikasuu
Haben Sie den Artikel gelesen? Er hatte beides dabei. Allerdings hilft das bei offenbar extremer Erschöpfung und Hitze eben auch nur begrenzt.
5. Wieso werden Sie...
frigor 13.03.2012
Zitat von stampler2Wer sind SIE eigentlich, dass sie sich herausnehmen, so vernichtend über den jungen Mann zu urteilen. Er hat etwas gewagt, wovor sie sich in die Hosen machen würden. DAS ist der Unterschied. Und da spielt es keine Rolle, in welche Lage er sich -unverantwortlicherweise- gebracht hat. Aber ihm so etwas vom hohen Ross aus vorzuwerfen ist lächerlich. Trauen sie sich erst einmal aus ihrer Luxushütte raus, bevor sie so einen Unsinn von sich geben.
...eigentlich gleich so heftig und beleidigend?
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