Private Berufsberater: "Wir sind nicht das Orakel von Delphi"

Von Sonja Salzburger

Nach dem Abitur bricht die Zeit der Freiheit an - und die der großen Unsicherheit: Soll ich studieren, und wenn ja, was? Private Berufsberatungen stehen für alle bereit, die es sich leisten können. Die Entscheidungshilfe ist ziemlich teuer und enthält keine Erfolgsgarantie.

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Joshua Grodotzki

In der Oberstufe hatte Marco, da ging es ihm wie vielen seiner Mitschüler, keine Ahnung, was er studieren sollte. "Ich war so unsicher, dass ich richtige Zukunftsängste bekommen habe", erinnert sich der heute 20-Jährige. Weil Marcos Vater bei seinem älteren Sohn mit der Beratung des Arbeitsamtes unzufrieden gewesen war, schickte er Marco zu einer privaten Berufsberatung in Düsseldorf.

Einen Tag lang beschäftigte sich eine Beraterin aus dem Team der Personalberatung Dr. Vossen mit ihm. Sie sollte herausfinden, wo Marcos Talente liegen, um am Ende des Tages passende Studienfächer empfehlen zu können. Die Unterstützung für seinen Sohn ließ sich Marcos Vater einiges kosten: 1100 Euro zahlte er für die Beratung und die Option, dass Marco seine persönliche Beraterin auch später jederzeit kontaktieren konnte.

Der Tag begann für Marco morgens um halb neun mit einem zweistündigen Gespräch. Die Beraterin fragte ihn nach seiner Kindheit, sprach mit ihm über die Trennung seiner Eltern und erkundigte sich nach seinen Hobbys. "Ich hatte das Gefühl, dass sie mich genau kennenlernen wollte", sagt Marco.

Anschließend wurde er getestet. Marco musste Zahlenreihen ergänzen, anhand von Zeichnungen sein räumliches Vorstellungsvermögen unter Beweis stellen und Allgemeinbildungsfragen beantworten. Die Beraterin ließ ihn außerdem ein Bild malen und einen spontanen Kurzvortrag halten, um seine Spontaneität und Überzeugungskraft zu testen.

Stubenhockern wird vom Ausland abgeraten

Nachmittags besprach sie mit Marco und seinem Vater die Testergebnisse. Sie empfahl Marco vier Studiengänge: Wirtschaftspsychologie, Sport und Englisch auf Lehramt, Zahnmedizin sowie European Studies in Maastricht. Eine Woche später bekam Marco ein persönliches Profil zugesandt. Dort waren seine Fähigkeiten in vier Kategorien eingeteilt. Das Spektrum reichte von außergewöhnlich hoher Begabung bis zu durchschnittlicher Begabung. Eine negativere Einstufung gab es nicht.

"Wir verstehen uns nicht als reines Testinstitut", sagt Marie Dorothee Vossen, Gründerin der Beratung. Sie betrachte bei der Empfehlung der Studienfächer und Universitäten immer den ganzen Menschen, sagt die promovierte Pädagogin: "Jemanden, der nie von zu Hause weg wollte, dem würde ich eher eine heimatnahe Universität empfehlen. Wer in die große weite Welt strebt, dem empfehle ich Berlin oder das Ausland."

Ihr achtköpfiges Beraterteam besteht aus einem bunten Mix von Akademikerinnen, darunter auch eine Architektin und eine Maschinenbauerin. "Die wissen, welche besonderen Anforderungen im Studium auf sie gewartet haben und ob man das Studium dem jeweiligen Kandidaten zutrauen kann", so Vossen.

Die private Studienberatung von Dr. Vossen ist bei weitem nicht die einzige in Deutschland. Seit 1994 das Beratungsmonopol des Arbeitsamtes weggefallen ist, etablieren sich auf dem Markt zahlreiche Anbieter. Auch die Studienberatung der Wiesbadener Firma Töchter und Söhne kennt die Angst vor einer falschen Studienwahl und lockt Schulabgänger mit umfangreicher Beratung, die über die kostenlosen Angebote des Arbeitsamtes hinausgehen soll. Günstig ist diese Alternative allerdings nicht.

"Ein Semester falsch studiert, da sind 1000 Euro schnell ausgegeben"

Bei der Basisstudienberatung nehmen sich Detlef Kulessa und sein Team drei bis fünf Stunden Zeit für ein intensives Gespräch. Kosten: 950 Euro plus Mehrwertsteuer. Im Dialog wollen sie jungen Menschen helfen, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. "Wir tun das, was eigentlich die Eltern tun könnten, wenn die Kinder auf ihre Eltern hören würden", sagt Kulessa. Manchmal würden sie den Jugendlichen sogar das gleiche sagen wie zuvor die Eltern. "Bei Fremden sind sie aber eher bereit, auf Ratschläge zu hören."

Gegen Aufpreis bieten Töchter und Söhne auch Informationen über geeignete Hochschulen sowie Hilfe bei Bewerbungsverfahren. Die meisten Kunden stammen aus gutsituierten Elternhäusern. "Von denen muss sich keiner krumm machen, um das Geld für die Beratung bezahlen zu können", so Kulessa. Vor kurzem hat er allerdings einen begabten Jungen aus Eritrea beraten, dessen Vater Krankenpfleger, kein Akademiker ist. "Ihnen sind wir bei der Finanzierung der Beratung entgegengekommen", sagt Kulessa. Aber sie hätten auch den vollen Preis bezahlt.

Kulessa ist überzeugt, dass seine Hilfe das Geld wert ist. "Ein Semester falsch studiert - da haben Sie die 1000 Euro aber schnell ausgegeben. Wir sind sehr behilflich dabei, Fehlentscheidungen zu vermeiden." Eine Erfolgsgarantie kann Kulessa indes nicht geben. Und auch Marie Dorothee Vossen sagt: "Wir sind nicht das Orakel von Delphi."

Die Nachfrage ist riesig. Wer bei Vossens Personalberatung einen Termin möchte, muss sich ein Jahr im voraus darum bemühen. Internetrecherche dient beiden Beratern als wichtige Informationsquelle, "ersetzt aber nicht regelmäßige Besuche an Universitäten", so Vossen. Sie stehe in Kontakt zu Professoren, um sich ein Bild von den Anforderungen der jeweiligen Unis zu machen.

Der Sohn bricht ab, der Vater findet's trotzdem gut

"Es wäre von Vorteil, wenn man das Profil der akademischen Berater etwas standardisieren könnte", sagt Vossen. Denn die Bezeichnung Berufsberater ist nicht geschützt, jeder kann sich so nennen. Die Berater sind nicht verpflichtet, sich in einem Verband registrieren zu lassen. "Wir setzen uns seit Jahren für eine verbindliche Zertifizierung ein, leider bisher ohne Erfolg", sagt Barbara Knickrehm vom Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung. Die fehlende Regelung öffnet den Markt für schwarze Schafe. "Es gibt das gesamte Spektrum von sehr guten bis unqualifizierten Beratern", so Knickrehm.

Marco beherzigte die Studienvorschläge seiner Beraterin. Er entschied sich für European Studies in Maastricht, brach aber nach einem Semester ab. Obwohl Marco nicht in den Niederlanden geblieben ist, würde sein Vater die 1100 Euro für die Beratung jederzeit wieder bezahlen: "Es war für mich eine Erweiterung meines Horizonts. Die Beraterin hat Fähigkeiten bei meinem Sohn festgestellt, die ich vorher nie gesehen habe."

Seit einem Semester studiert Marco Sport und Mathe auf Lehramt in Duisburg und ist mit seiner Studienwahl zufrieden. Von einem Mathematikstudium wurde ihm bei Vossen zunächst abgeraten; laut Profil fehle dafür die notwendige Begabung. Vor der Umschreibung hat Marco mit seiner Studienberaterin telefoniert. Sie hat ihm gesagt, dass er mit dem genügend Durchhaltevermögen jedes Studienfach schaffen kann.

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