Elite-Studentin auf Probe: Aber so leben? Nein, danke

Von Heike Sonnberger

Schmuddel-WG oder Nobelzimmer, schön ausschlafen oder Lernstress? Das Projekt Quaestia zeigt Schülern für eine Woche, wie ein echtes Studentenleben aussieht. Abiturientin Annika, 18, hat es mit einer Tandempartnerin an der privaten Jacobs University ausprobiert.

Schülerin auf dem Campus: Reinschnuppern an der Elite-Uni Fotos
SPIEGEL ONLINE

Die Dozentin referiert über das Zytoskelett und Mikrofilamente - auf Englisch. Es fallen Begriffe wie "fixed myosin heads" und "strands of actin subunits". Nach 40 Minuten beginnt Annika Bierbrauer, 18, den Rand ihres Blocks anzukritzeln, nach 50 Minuten schiebt sie sich einen Kirschkaugummi in den Mund, kurz vor Schluss sinkt ihr Kopf für einen Moment auf den Tisch.

Annikas Sitznachbarin schläft da schon. Doch Annika hält durch und malt mit ihrem Füller fleißig die Körperzellen und Proteine von der Tafel ab. Auf ihrem rechten Mittelfinger prangt ein blauer Tintenklecks. Ansonsten fällt die Abiturientin kaum auf unter den 35 Studenten, die der Vorlesung in Zellbiologie und Biochemie lauschen und sich ihre Notizen mit Kugelschreiber machen.

Annika ist an die Jacobs University in Bremen gekommen, um eine Entscheidung zu fällen, die jedes Jahr Abiturienten quält: Soll ich studieren - und wenn ja, was und wo?

Damit Schüler wissen, worauf sie sich einlassen

Die schmale, blonde Schülerin aus Stuttgart macht bei einem neuen Projekt mit, das diese Entscheidung erleichtern soll. Über die Internetplattform Quaestia können Schüler Studenten kennenlernen, die sie ins Hochschulleben einführen sollen - inklusive Vorlesungen, Mensaessen, WG-Partys und was sonst noch dazugehört.

Seit März ist die Seite online, rund 200 Studenten und 60 Schüler haben sich bislang angemeldet. Die Schüler können sich einen Studenten nach Fachbereich und Standort aussuchen und drei bis fünf Tage bei ihm wohnen. Dann, so hoffen die Initiatoren, weiß der Schüler besser als nach jedem Hochschulinformationstag, worauf er sich einlässt - und bricht sein eigenes Studium seltener ab. Derzeit wirft etwa jeder fünfte Student sein Erststudium hin.

"Man bekommt nur ein gutes Bild von einer Stadt und einer Universität, wenn man dort war und es miterlebt hat", sagt Elisabeth Haller. Die 25-Jährige promoviert an der Universität Freiburg und hat Quaestia gemeinsam mit zwei Freundinnen aufgebaut. "Wir wollen die Studienabbrecherquote verringern", sagt sie, "und Frust und Enttäuschung vermeiden".

Annika hat die Suche nach dem richtigen Fach an eine private Elite-Hochschule nach angloamerikanischem Vorbild am Bremer Stadtrand geführt. Die Studiengebühren an der Jacobs University liegen bei 20.000 Euro im Jahr. Die Studenten kommen aus mehr als hundert Ländern und wurden aufgenommen, weil sie exzellente Noten haben und besonders engagiert sind. Mehr als die Hälfte bekommt ein Stipendium.

Es lohnt nicht, auf Deutsch zu "switchen"

Die Studentin, bei der Annika untergekommen ist, heißt Valeriya Azorina. Sie ist 21 Jahre alt, studiert Neurowissenschaften und kognitive Psychologie, gibt nebenbei Tanzstunden, unterrichtet Schulkinder und hat eine Campusgruppe für soziales Unternehmertum mitgegründet. Vor sieben Jahren kam Valeriya aus Russland nach Hamburg, doch das hört man nicht mehr, egal ob sie Deutsch oder Englisch spricht.

An der Uni spricht Valeriya meistens Englisch, auch mit deutschen Professoren. Selbst wenn man nur zu zweit sei, lohne es sich nicht zu "switchen", die Fachbegriffe kenne sie auf Deutsch sowieso nicht. Auch Valeriya bekommt ein Stipendium - und sie mag ihre Uni. Andere Hochschulen kennt sie allerdings kaum. Sie habe mal auf dem Campus der Hamburger Uni gefrühstückt, sagt sie. "Dort war es anonymer. Hier sind wir wie eine Familie und man kann überall ein Gespräch anfangen."

Neben Valeriyas Bett steht ein Käfig. Darin schläft Hamster Forrest, von Forrest Gump, weil er so schnell laufen kann. Im ersten Studienjahr musste Valeriya einen Hamster sezieren, doch das machte ihr nichts aus. "Das war ja nicht mein Hamster und es bringt nichts, sich anzustellen, das gehört dazu", sagt sie. "Gewöhnt man sich da nicht auch dran?", fragt Annika. Sie übernachtet auf einer Matratze am Fenster.

Weißer Kittel und kein Kaugummi

Vielleicht will sie Biologie studieren oder Medizin oder Psychologie, das weiß Annika noch nicht genau. Nach dem Mittagessen läuft sie über den gepflegten grünen Rasen zum Labor, um zuzuschauen, wie Studenten Zellen aus dem Eierstock eines Hamsters einfärben. 1958 wurden die Zellen aus einem chinesischen Hamster isoliert und danach künstlich weitergezüchtet, erklärt die Labortechnikerin, nachdem sie Annika ihren Kaugummi ausspucken ließ und ihr einen weißen Kittel verordnet hat.

Die letzte Vorlesung des Tages hält ein Psychologieprofessor. Es geht um künstliche Intelligenz und darum, wie Kultur und Gesellschaft unsere Gefühle steuern. Annika hat den Füller gegen einen grasgrünen Filzstift getauscht und hört aufmerksam zu, vor dem Fenster legt sich das Abendlicht auf die Klinkerbauten und Rhododendrensträucher.

Gegen Ende ihrer Schnupperwoche hat Annika ein paar Antworten gefunden auf dem Weg zum passenden Studium: "Ich weiß jetzt, dass ich mich mit Biologie länger beschäftigen könnte." Sie weiß, dass sie in Deutschland anfangen will zu studieren, um hier das Studentenleben kennenzulernen und weil das Geld für ein Leben im Ausland gerade nicht reicht.

An der Jacobs University will sie sich nicht bewerben, obwohl sie mit ihrem Notendurchschnitt vielleicht einen Platz und ein Stipendium bekäme. "Es ist mir zu unfrei hier", sagt sie. Die täglichen gemeinsamen Mahlzeiten im Studentenwohnheim, der rigide Stundenplan, das Stadtzentrum eine knappe halbe Stunde mit dem Zug entfernt - all das schreckt die Schülerin eher ab. "Ich möchte lieber nach Berlin."

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