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72-jähriger Abiturient: "Meine Mitschüler wollten, dass ich zum Abiball komme"

Ein Interview von Christian Engel

Robert Spieß will jetzt noch Journalismus studieren Zur Großansicht
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Robert Spieß will jetzt noch Journalismus studieren

Mit 72 Jahren hat Robert Spieß sein Abitur in Wiesbaden nachgemacht - und will jetzt noch studieren. Hier erzählt er, warum er trotz Sympathie zu seinen jungen Mitschülern keine Klassenreisen mitgemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Spieß, die meisten Abiturienten sind gerade einmal volljährig. Sie haben das Abitur mit 72 gemacht. Warum?

Spieß: Nach meinem Realschulabschluss habe ich vier Jahrzehnte lang als Flugrouten-Planer gearbeitet. Da das ein recht anspruchsvoller Beruf ist, ging es mir darum, auch als Rentner meinen Kopf weiter zu trainieren. Ich hatte vorher einige Kurse an der Volkshochschule belegt. Aber da fehlte mir der Anreiz. Ich brauchte das Abitur als Ziel vor Augen.

SPIEGEL ONLINE: Ging Ihnen das viele Lernen nicht manchmal auf die Nerven?

Spieß: Nein, bis auf Mathe und Chemie hat mir eigentlich alles Spaß gemacht. Besonders gern mochte ich Englisch, Deutsch und Wirtschaft und Soziales. In Geschichte musste ich mich immer bremsen. Sonst hätte ich meine Mitschüler mit Erzählungen zum Mauerbau und zur Wiedervereinigung gelangweilt.

Zur Person
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    Robert Spieß, Jahrgang 1942, hat Jahrzehnte lang als Flugrouten-Planer für Lufthansa gearbeitet. Mit 72 Jahren hat er nun nach dreieinhalb Jahren am Hessenkolleg Wiesbaden, einer Schule für Erwachsene, sein Abitur nachgemacht - Gesamtnote: 2,5.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Ihrer Mitschüler am Kolleg waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Wie war das Verhältnis zu Ihren Klassenkameraden?

Spieß: Viele haben mich erst mal gesiezt. Einige, die mich nicht kannten, haben mich sogar für einen Lehrer gehalten und brav den Diener gemacht, um gute Noten zu bekommen. Mit der Zeit hat sich das aber gelegt und ich bin mit allen sehr gut zurechtgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Auch außerhalb der Schule?

Spieß: Ja, wir waren auch mal zusammen mit den Tutoren auf dem Weinfest. Nur auf Ausflügen in Städte wie London oder Prag war ich nie dabei. Ich bin es gewohnt, in guten Hotels Urlaub zu machen - da konnte ich mir ein Sechs-Bett-Zimmer in einer Jugendherberge nicht vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Abitur mit 2,5 bestanden. Wie haben Ihre Familie und Ihre Freunde darauf reagiert?

Spieß: Viele haben mir gesagt, dass sie meine Leistung bewundern.

SPIEGEL ONLINE: Und gefeiert haben Sie Ihr Abitur auch?

Spieß: Ja, meine Mitschüler wollten unbedingt, dass ich zum Abiball komme. Meine Frau hatte keine Lust mit jungen Leuten zu feiern, deshalb bin ich mit unserer Klassensprecherin hingegangen. Ich habe dann auch ein Gedicht von mir vorgetragen. Das kam sehr gut an.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie jetzt vor?

Spieß: Nächstes Jahr im Sommersemester möchte ich anfangen zu studieren - in jedem Fall etwas, das mit Schreiben zu tun hat. Bei meinem Bachelor bin ich mir aber noch nicht ganz sicher. Vielleicht Germanistik oder Politologie. Mein Master steht für mich schon fest - Journalismus in Mainz. Nach dem Studium würde ich gern als freier Mitarbeiter einer Zeitung über Politik schreiben.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. ja warum nicht, ich finde es toll
radamriese 01.07.2015
einfach abrocken
2. Respekt
andreika123 01.07.2015
Wenn ich auch in der Rente bin, gehe dann Studieren um das Gehirm zu trainieren.
3. Meine Hochachtung
new_eagle 01.07.2015
zwar habe ich schon Abitur und auch einen Hochschulabschluss aber dennoch hoffe ich sehr, dass auch ich im Alter von über 70 geistig (und körperlich) noch fit genug für solche Leistungen sein werde.
4. Supertyp, Hut ab...
mainzelmännchen 1 01.07.2015
...vor solch "älteren Semestern": Am Ende bekommt er noch einen aufgesetzt, einen Doktorhut.
5. Na dann
hubie 01.07.2015
hoffen wir mal, dass der Herr Spieß noch viele gesunde Jahre hat um sein Vorhaben auch in die Tat umsetzen zu können! Chapeau
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