Speed-Dating für Azubis: "Sorry, das ist mein Spicker"

Von Almut Steinecke

Kontaktfreudige Singles suchen ihr Glück gern bei Flirt-Quickies im Viertelstunden-Takt. Doch taugt Speed-Dating auch bei der Jobsuche? In Dortmund schauen sich potentielle Chefs und jugendliche Azubis tief in die Augen - und in die Bewerbungsunterlagen.

Azubi-Speed-Dating: Nimm mich, ich will was lernen Fotos
Michael Godehardt

Die Türen zweier nebeneinander liegender Räume im Untergeschoss der Arbeitsagentur Dortmund stehen sperrangelweit offen. Darin sind jeweils fünf Tische aufgebaut, an denen ängstlich guckende junge Menschen gelassen dreinblickenden Erwachsenen gegenüber sitzen.

Malte Siepenkort sitzt bei den Ängstlichen: Der 18-Jährige geht noch zur Schule, in die 12. Klasse am Lipper Berufskolleg im nordrheinwestfälischen Lünen und gehört zu den 35 angehenden Abiturienten, die heute in die Arbeitsagentur gekommen sind. Sie bemühen sich um Ausbildungsplätze bei Banken und Versicherungen und nutzen ein recht neues Werkzeug zur Vermittlung, das Job-Speed-Dating.

Maltes Date heißt gerade Reinhard Wolbeck, 50, Leiter der Personalentwicklung einer großen Versicherung. Wolbeck ist einer von insgesamt zehn Unternehmensvertretern, die der Einladung der Dortmunder Arbeitsagentur zum Job-Speed-Dating ins Berufsbildungszentrum gefolgt sind.

140 Minuten Bewerbungs-Marathon

Das Job-Speed-Dating, das die Behörde wahlweise auch "Chef-Dating" nennt, findet in Dortmund zum dritten Mal statt. Die Versuchsanordnung funktioniert wie beim klassischen Flirt-Quickie: Sie fußt auf der These, dass nicht nur in der Liebe der erste persönliche Eindruck entscheidend ist. Chef und möglicher Azubi "flirten" in einem auf 20 Minuten begrenzten Vorstellungsgespräch. Ist die Zeit um, klingelt Job-Beraterin Ingrid Berner, 52, mit einem kleinen goldenen Glöckchen. Ein Zeichen für die Chefs, das Gespräch zu beenden und für die Bewerber, an einen anderen Tisch zu wechseln. So geht es Schlag auf Schlag: Begrüßung, Gespräch, Glöckchen, Tisch wechseln.

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In sieben Phasen gliedert sich ein Bewerbungsgespräch.
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Der Wechsel passiert dabei nicht ganz wahllos, sagt Sabine Hanzen-Paprotta, die Sprecherin der Agentur in Dortmund: "Im Rahmen eines 'Castings' haben wir im Vorfeld geguckt, welcher Jugendliche mit Ausbildungswunsch Versicherungskaufmann zu welcher Versicherung passen könnte. Dann haben wir ihn entsprechend gründlich vorbereitet."

Deshalb müsste Schüler Malte eigentlich gar nicht so nervös sein. Malte hat insgesamt sieben Gespräche heute, 140 Minuten Bewerbungsmarathon vor insgesamt sieben Personalern. Drei hat er schon hinter sich. Es ist unruhig, Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft. Malte knetet seine Hände, während Reinhard Wolbeck langsam in den Bewerbungsunterlagen des 18-Jährigen blättert.

"Wir machen kein Verhör hier" - dann beginnt das Verhör

Als Maltes Blick auf einen Zettel in den Händen Wolbecks fällt, greift er fahrig über den Tisch: "Sorry, der gehört gar nicht in die Unterlagen, das ist mein Spicker." Auf dem Papier hatte Malte sich Fragen zur jeweiligen Firma notiert. Nun ist er verlegen, Personaler Wolbeck reagiert locker. "Den dürfen Sie natürlich behalten, aber Sie brauchen den eigentlich nicht, wir machen kein Verhör hier", sagt er und lächelt. Dann beginnt er sein Verhör.

"Besser zu sein als andere, ist das ein Anreiz für Sie?" "Was würde uns denn verloren gehen, wenn wir Sie nicht einstellten?" "Haben Sie eine Schwäche?" "Können Sie mir ein Beispiel für Ihre Teamorientiertheit nennen?" Malte hat hier und da kleine Konzentrationshänger, trifft jedoch auf Verständnis, "nicht schlimm, ist ja auch ganz schön stressig, den ganzen Tag Gespräche führen", sagt Personaler Wolbeck.

Da weht am Nachbartisch ein deutlich schärferer Wind. Hier schwitzt Christian Schuhmacher, 20, der an der Ruhr-Universität Bochum im dritten Semester Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert. Als Versicherungskaufmann wünsche er sich Kundennähe, sagt er, denn von der Uni kenne er eher "unpersönliche Atmosphäre und überfüllte Hörsäle". "Wo haben Sie bisher gelebt?", fällt ihm Volker Sicker, 48, ins Wort. "Auf dem Mond?"

Sicker ist Geschäftsstellenleiter einer ebenfalls bekannten Versicherung und streng mit jungen Menschen. "Eben hatte ich eine Schülerin hier, hätte sie sich bei mir rein schriftlich beworben, sie hätte keine Chance gehabt", sagt Sicker. Sechzehn Fehlstunden seien im Schulzeugnis dieses Mädchens verzeichnet. "Unentschuldigt!", schnarrte Sicker. "Das hätte ich mir nicht mal angeguckt!"

Bei Malte und Herrn Wolbeck hat es gefunkt

Doch so, von Angesicht zu Angesicht, sei die Kandidatin "ein ganz sympathisches, offenes Mädchen" gewesen, die Sicker dann auch zu einem Folgegespräch eingeladen hat. Das ist genau das Ziel des Job-Speed-Datings, deren kurze Erstgespräche ein "Türöffner" sein sollen, sagt Agentur-Sprecherin Hanzen-Paprotta. Die Chance, im persönlichen Gespräch zu überzeugen, helfe insbesondere Jugendlichen, die aufgrund ihrer mäßigen Noten oder Nachlässigkeiten bei einer rein schriftlichen Bewerbung "wahrscheinlich aussortiert" würden.

Trotzdem solle das Job-Speed-Dating kein Auffangbecken für schwierige Fälle sein, sagt Hanzen-Paprotta, es richte sich generell an alle interessierten Schüler. Per Zeitungsannonce hatte die Dortmund Agentur Ende August die Jugendlichen zum Mitmachen aufgerufen. Die Idee habe Schule gemacht, seit beim ersten Job-Speed-Dating in Potsdam von 55 jungen Akademikern zwölf eine Stelle bekamen.

Nach Potsdam war Dortmund die zweite Agentur, die die flinken Vorstellungsrunden einführt, die viele Arbeitsagenturen nun kopierten, sagt Hanzen-Paprotta. In München und Gelsenkirchen hielten die Agenturen sogar Massen-Job-Speed-Datings für Langzeitarbeitslose ab, in der Arena "Auf Schalke" kamen dafür gut 1200 Teilnehmer.

Auch wenn er sehr auf eine Ausbildungsstelle hofft, ein Job-Event im Fußballstation von Schalke 04 hätte Malte Siepenkort wohl ausgeschlagen. Er ist Borussia-Dortmund-Fan und hat eine Dauerkarte fürs Westfalen-Stadion. Läuft es für Malte gut, hat er bald auch ein Ticket für die Arbeitswelt, denn zwischen ihm und Personaler Wollbeck hat es beim Job-Speed-Dating gefunkt. Malte ist eine Runde weiter und wartet jetzt auf sein offizielles Vorstellungsgespräch - und das könnte zu einer Stelle als Azubi führen.

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen
Kein Auskommen mit dem Einkommen?
Auszubildende werden je nach Lehrberuf völlig unterschiedlich bezahlt - und oft können sie mit dem Geld nicht über die Runden kommen. In manchen Fällen springt der Staat ein.
Kindergeld
Für einen Lehrling - auch wenn er nicht mehr bei den Eltern wohnt - zahlt der Staat Kindergeld. Die Familienkasse der Arbeitsagentur überweist pro Monat 184 Euro, für das dritte Kind 190 Euro und jedes weitere Kind 215 Euro. Wenn der Azubi wenig verdient und die Eltern nichts zum Unterhalt beisteuern, steht das Geld dem Azubi zu: Auf Antrag bei der Familienkasse fließt es direkt aufs eigene Konto.

Das Kindergeld entfällt aber ab einem bestimmten Einkommen, die Grenze liegt bei 667 Euro monatlich; nach einem Gerichtsurteil vom Mai 2005 können die Sozialabgaben davon abgezogen werden.
Ausbildungsbeihilfe
Gegen Ebbe im Geldbeutel hilft auch die Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB. Diesen Zuschuss kann man ebenfalls bei der Arbeitsagentur beantragen. Allerdings gibt es die Beihilfe in der Regel nur für Erstlehrlinge. Abbrecher oder Umschüler haben nur in Ausnahmefällen eine Chance. Zudem werden für eine Gewährung des BAB das eigene Einkommen, das der Eltern und ebenso das des Lebenspartners durchleuchtet.
Wohngeld
Wer bei der Ausbildungsbeihilfe leer ausgeht, weil die Arbeitsagentur "dem Grunde nach" Einwände erhebt, hat immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Das ist kein Almosen des Staates; erfüllt man die Voraussetzungen, gibt es darauf einen Rechtsanspruch. Jede Gemeinde wartet mit einer Wohngeldstelle auf - wer die eigene Miete nicht zahlen kann, erhält hier einen Zuschuss.
Nebenjob
Ein Nebenjob lohnt sich für den, der günstige Arbeitszeiten hat und fit für das "Mehr" an Arbeit ist. Die sinnvollste Lösung ist ein 400-Euro-Job: Dabei werden weder Sozialabgaben noch Steuern fällig - alles wandert in die eigene Tasche. Nur der Arbeitgeber zahlt in die Sozialkassen ein. Doch Vorsicht: Wenn der Zweitjob zu sehr ermüdet und die Tätigkeiten in der eigentlichen Berufsausbildung schmälert, darf der Chef den Nebenverdienst verbieten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. ...
CorvusCornix 13.10.2010
Zitat von sysopKontaktfreudige Singles suchen ihr Glück gern bei Flirt-Quickies im Viertelstunden-Takt. Doch taugt Speed-Dating auch bei der Jobsuche? In Dortmund schauen sich potentielle Chefs und jugendliche Azubis tief in die Augen - und in die Bewerbungsunterlagen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,720465,00.html
Diese Art der Jobsuche ist nicht besser und schlechter als andere. Der eine Chef bringt's auf den Punkt; uU bekommen dadurch junge Leute eine Chance, die sonst nichtmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten hätten.
2. Interessant allemal
fusselchen123 19.10.2010
wenn dadurch Jugendliche eine Chance bekommen, die sonst keine hätten, dann ist das doch schon mal ein Indiz für eine bessere Art, oder? So hat es jeder selbst in der Hand wie er auftritt und kann damit das Ergebnis maßgeblich beeinflussen. Es ist auf jeden Fall eine interessante Variante, die ich weiter verfolgen werde, vielleicht kommt diese auch mal für meinen Arbeitgeber in Frage.
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Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend

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