Von Almut Steinecke
Die Türen zweier nebeneinander liegender Räume im Untergeschoss der Arbeitsagentur Dortmund stehen sperrangelweit offen. Darin sind jeweils fünf Tische aufgebaut, an denen ängstlich guckende junge Menschen gelassen dreinblickenden Erwachsenen gegenüber sitzen.
Malte Siepenkort sitzt bei den Ängstlichen: Der 18-Jährige geht noch zur Schule, in die 12. Klasse am Lipper Berufskolleg im nordrheinwestfälischen Lünen und gehört zu den 35 angehenden Abiturienten, die heute in die Arbeitsagentur gekommen sind. Sie bemühen sich um Ausbildungsplätze bei Banken und Versicherungen und nutzen ein recht neues Werkzeug zur Vermittlung, das Job-Speed-Dating.
Maltes Date heißt gerade Reinhard Wolbeck, 50, Leiter der Personalentwicklung einer großen Versicherung. Wolbeck ist einer von insgesamt zehn Unternehmensvertretern, die der Einladung der Dortmunder Arbeitsagentur zum Job-Speed-Dating ins Berufsbildungszentrum gefolgt sind.
140 Minuten Bewerbungs-Marathon
Das Job-Speed-Dating, das die Behörde wahlweise auch "Chef-Dating" nennt, findet in Dortmund zum dritten Mal statt. Die Versuchsanordnung funktioniert wie beim klassischen Flirt-Quickie: Sie fußt auf der These, dass nicht nur in der Liebe der erste persönliche Eindruck entscheidend ist. Chef und möglicher Azubi "flirten" in einem auf 20 Minuten begrenzten Vorstellungsgespräch. Ist die Zeit um, klingelt Job-Beraterin Ingrid Berner, 52, mit einem kleinen goldenen Glöckchen. Ein Zeichen für die Chefs, das Gespräch zu beenden und für die Bewerber, an einen anderen Tisch zu wechseln. So geht es Schlag auf Schlag: Begrüßung, Gespräch, Glöckchen, Tisch wechseln.
In sieben Phasen gliedert sich ein Bewerbungsgespräch.
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Deshalb müsste Schüler Malte eigentlich gar nicht so nervös sein. Malte hat insgesamt sieben Gespräche heute, 140 Minuten Bewerbungsmarathon vor insgesamt sieben Personalern. Drei hat er schon hinter sich. Es ist unruhig, Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft. Malte knetet seine Hände, während Reinhard Wolbeck langsam in den Bewerbungsunterlagen des 18-Jährigen blättert.
"Wir machen kein Verhör hier" - dann beginnt das Verhör
Als Maltes Blick auf einen Zettel in den Händen Wolbecks fällt, greift er fahrig über den Tisch: "Sorry, der gehört gar nicht in die Unterlagen, das ist mein Spicker." Auf dem Papier hatte Malte sich Fragen zur jeweiligen Firma notiert. Nun ist er verlegen, Personaler Wolbeck reagiert locker. "Den dürfen Sie natürlich behalten, aber Sie brauchen den eigentlich nicht, wir machen kein Verhör hier", sagt er und lächelt. Dann beginnt er sein Verhör.
"Besser zu sein als andere, ist das ein Anreiz für Sie?" "Was würde uns denn verloren gehen, wenn wir Sie nicht einstellten?" "Haben Sie eine Schwäche?" "Können Sie mir ein Beispiel für Ihre Teamorientiertheit nennen?" Malte hat hier und da kleine Konzentrationshänger, trifft jedoch auf Verständnis, "nicht schlimm, ist ja auch ganz schön stressig, den ganzen Tag Gespräche führen", sagt Personaler Wolbeck.
Da weht am Nachbartisch ein deutlich schärferer Wind. Hier schwitzt Christian Schuhmacher, 20, der an der Ruhr-Universität Bochum im dritten Semester Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert. Als Versicherungskaufmann wünsche er sich Kundennähe, sagt er, denn von der Uni kenne er eher "unpersönliche Atmosphäre und überfüllte Hörsäle". "Wo haben Sie bisher gelebt?", fällt ihm Volker Sicker, 48, ins Wort. "Auf dem Mond?"
Sicker ist Geschäftsstellenleiter einer ebenfalls bekannten Versicherung und streng mit jungen Menschen. "Eben hatte ich eine Schülerin hier, hätte sie sich bei mir rein schriftlich beworben, sie hätte keine Chance gehabt", sagt Sicker. Sechzehn Fehlstunden seien im Schulzeugnis dieses Mädchens verzeichnet. "Unentschuldigt!", schnarrte Sicker. "Das hätte ich mir nicht mal angeguckt!"
Bei Malte und Herrn Wolbeck hat es gefunkt
Doch so, von Angesicht zu Angesicht, sei die Kandidatin "ein ganz sympathisches, offenes Mädchen" gewesen, die Sicker dann auch zu einem Folgegespräch eingeladen hat. Das ist genau das Ziel des Job-Speed-Datings, deren kurze Erstgespräche ein "Türöffner" sein sollen, sagt Agentur-Sprecherin Hanzen-Paprotta. Die Chance, im persönlichen Gespräch zu überzeugen, helfe insbesondere Jugendlichen, die aufgrund ihrer mäßigen Noten oder Nachlässigkeiten bei einer rein schriftlichen Bewerbung "wahrscheinlich aussortiert" würden.
Trotzdem solle das Job-Speed-Dating kein Auffangbecken für schwierige Fälle sein, sagt Hanzen-Paprotta, es richte sich generell an alle interessierten Schüler. Per Zeitungsannonce hatte die Dortmund Agentur Ende August die Jugendlichen zum Mitmachen aufgerufen. Die Idee habe Schule gemacht, seit beim ersten Job-Speed-Dating in Potsdam von 55 jungen Akademikern zwölf eine Stelle bekamen.
Nach Potsdam war Dortmund die zweite Agentur, die die flinken Vorstellungsrunden einführt, die viele Arbeitsagenturen nun kopierten, sagt Hanzen-Paprotta. In München und Gelsenkirchen hielten die Agenturen sogar Massen-Job-Speed-Datings für Langzeitarbeitslose ab, in der Arena "Auf Schalke" kamen dafür gut 1200 Teilnehmer.
Auch wenn er sehr auf eine Ausbildungsstelle hofft, ein Job-Event im Fußballstation von Schalke 04 hätte Malte Siepenkort wohl ausgeschlagen. Er ist Borussia-Dortmund-Fan und hat eine Dauerkarte fürs Westfalen-Stadion. Läuft es für Malte gut, hat er bald auch ein Ticket für die Arbeitswelt, denn zwischen ihm und Personaler Wollbeck hat es beim Job-Speed-Dating gefunkt. Malte ist eine Runde weiter und wartet jetzt auf sein offizielles Vorstellungsgespräch - und das könnte zu einer Stelle als Azubi führen.
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