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Unterwegs als Zimmermann: Bleiben, solange der Hund noch bellt

Von Christina Kufer

Was ist schwarz, trägt Hut und hält den Daumen raus? Ein Zimmermann auf der Walz. Enrico, 24, tippelt seit gut zwei Jahren durch Deutschland, Polen und Namibia. Er sucht die Freiheit und lebt ein Leben bestimmt von uralten Bräuchen. Träumt er von zu Hause, kriegt er einen Riesenschreck.

Tippeln bis Namibia: Enrico, 24, ist auf der Walz Fotos
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Knapp 400 Kilometer von Zuhause entfernt sitzt Enrico in einer Eckkneipe in Hamburg-Ottensen vor einer Flasche Astra. Viel kann man nicht erkennen von seinem Gesicht. Die Kneipe ist düster und der dunkle Hut hängt ihm über die Stirn. Seit sechs Wochen ist Enrico in Hamburg. Und seit zweieinhalb Jahren unterwegs. Immer in denselben Klamotten, immer mit demselben Gepäck. Der 24-Jährige "tippelt" als Zimmermann durch die Lande.

"Ich wollte abhauen, weg von Zuhause", erzählt Enrico. Die Zwänge und der Alltagstrott in seinem kleinen Heimatort Tabarz störten ihn. Es zog ihn raus, raus aus Thüringen und irgendwann sogar raus aus Deutschland. Enrico entschied sich für einen großen Schritt: Drei Jahre und einen Tag ist er reisender Geselle auf Wanderschaft. In diesem Zeitraum darf er seinen Heimatort und einen Umkreis von 50 Kilometern, den Bannkreis, nicht betreten. Bestimmungen wie der Bannkreis und die Dauer der Walz reichen bis ins Mittelalter zurück und werden noch heute von Generation zu Generation mündlich überliefert.

Das Nötigste zum Leben

Enricos Kleidung ist typisch für einen fremden Gesellen: Eine weite Schlaghose aus Cord, dazu eine passende Weste mit großen Knöpfen. Darunter trägt er ein weißes Hemd und um den Hals die schwarze Ehrbarkeit, eine Krawatte. Die Farbe variiert je nach Dachverein, unter dem die Gesellen wandern. Über den Hut der Gesellen erzählte man sich früher eine Geschichte: Im ersten Jahr war es der Hut mit der großen Krempe, weil die Gesellen noch dachten, dass die Welt flach ist. Im zweiten Jahr dann die Melone, denn sie wussten nun, dass die Welt rund ist. Im letzten Jahr ging es auf Brautschau, dafür musste der feierliche Zylinder her. "Heute denkt man eher praktisch", sagt Enrico und schiebt seinen Hut mit der kleinen Krempe ein Stück nach hinten.

Auf einem Barhocker liegt Enricos Bündel, der Charlottenburger, in dem sein komplettes Hab und Gut verstaut ist. Viel ist es nicht, Unterwäsche, Handwerkszeug, der Schlafsack. "Man lernt, mit wenig auszukommen", sagt der Zimmermann. Den einzigen persönlichen Gegenstand, den Enrico mithat, ist ein Taschenmesser.

Waschen kann Enrico in Waschsalons oder Herbergen. Es gibt aber auch Zeiten, da gibt es beide Möglichkeiten nicht. "Einmal hat eine Mitfahrgelegenheit bei zehn Grad Außentemperatur das Fenster runtergelassen - dann weiß man, dass man riecht"

Gesellen auf Wanderschaft trampen, denn öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt und zu teuer. Wenn die Autos nicht anhalten, geht Enrico zu Fuß weiter. Im Sommer ist das okay, aber im Winter wird es schwierig. "Der Tag ist zu kurz", erklärt der Geselle. Im Dunkeln sucht er nicht gerne nach einer Bleibe für die Nacht.

"Dann hat einer den Nagel angesetzt und durchgehauen"

Meist schläft Enrico in einer Herberge seines Dachvereins, der Gesellschaft rechtschaffener fremder Zimmer- und Schieferdeckergesellen. Diese Herbergen sind über das ganze Land verteilt. Mit viel Glück kommt er auch mal kostenlos in einer Pension unter oder arbeitet gegen Kost und Logis bei Privatleuten. Aber sein Schlafplatz ist nicht immer bequem. Enrico schläft auch schon mal in einem Sparkassenvorraum. Dort fliegt er allerdings bisweilen raus. Das kann ihm im "Sternenhotel" nicht passieren: Enrico hat auch schon im Wald oder auf der Parkbank übernachtet. Nur bei Wildwechsel empfiehlt er das "Sternenhotel" nicht: "Es ist nicht lustig, wenn alle fünf Minuten die Wildschweine vorbeikommen."

Ein alter Brauch unter den Gesellen ist, dass man mit fünf Euro loszieht und mit fünf Euro zurückkommt. "Quatsch", sagt Enrico. Er hatte ein bisschen mehr im Charlottenburger. Es gab aber auch Tage, an denen musste Enrico ohne Geld auskommen. "Da kann man auch überleben." Wie genau, will er nicht verraten, das gehört zum Zimmerergeheimnis. Aber er deutet an, dass die Männer in Kluft öfter mal was zugesteckt bekommen. In dem Punkt ist Enrico ein bisschen geheimniskrämerisch.

Hin und wieder blitzt unter Enricos schwarzem Hut der silberne Ohrring am linken Ohr hervor. Den hat er sich vor seiner Abreise im März 2008 noch stechen lassen. Nicht etwa beim Juwelier, sondern in einer Punkerkneipe. "Im größten Siffloch von Celle", sagt er und lacht.

Die anderen Gesellen haben ihn auf den Tresen gelegt und festgehalten. "Dann hat einer den Nagel angesetzt und durchgehauen." Viel wird Enrico davon nicht mitbekommen haben - seine Kumpels haben ihn zuvor mit Korn betäubt. Der Ohrring, den viele Gesellen auf der Walz tragen, hatte früher eine besondere Bedeutung: Wenn ein Geselle unterwegs starb, war das goldene Schmuckstück der Lohn für den Bestatter.

Alpträume vom Bannkreis

Die Gesellen, die heute tippeln, leben die Traditionen von früher. Aber sie sind auch mit der Zeit gegangen, was zum Beispiel die Reiseziele betrifft. Enrico war seit 2008 in 14 verschiedenen Ländern, darunter Schweden, Polen und Frankreich. Im Januar ist er nach Namibia geflogen, um dort weiterzuwandern. Als in der namibischen Stadt Swakopmund das Brauhauses abgebrannt ist, hat er beim Aufbauen geholfen. Das afrikanische Land hat den 24-Jährigen verändert. "Seitdem weiß ich, dass ich zwar nach Hause gehen will, aber dort nicht bleiben werde."

In den zweieinhalb Jahren Wanderschaft hat es Enrico nie länger als ein halbes Jahr an einem Ort ausgehalten. Er braucht die Freiheit und das ungezwungene Leben. "Wenn mich der Hofhund nicht mehr anbellt, reise ich ab", sagt er. Heimweh hat der Zimmermann nicht. Nur einen Tag gab es bisher, an dem er heim wollte. Er lief allein südlich von Bologna übers Land, es regnete und er fand keinen Schlafplatz. "Ich hab mich dann irgendwo hingelegt und am nächsten Tag war alles gut."

Einige Male hatte Enrico schon "Bannkreisträume". Das Phänomen ist unter reisenden Gesellen bekannt. "Man wacht an einem Ort auf und denkt, man ist im Bannkreis." Das gehört auch dazu, sagt Enrico. Er war schon mal richtig nah am Bannkreis, auf der A7 von Kassel nach Fulda. "Die geht drei Kilometer dran vorbei."

Schallern, Stiefeln und Schnacken gegen das Vergessen

Oft reisen Gesellen auch in einer Gruppe. Ein Teil ihrer Einnahmen wird dann in einer Kasse geteilt. Sollten sich die Männer verlieren, gibt es eine einfache Regel: Um zwölf am Rathaus. "Oder in der schäbigsten Kneipe ums Rathaus", sagt Enrico. Verabreden klappt bei den Gesellen auch ohne Internet und Handy. Das besitzen sie nämlich gar nicht.

Tradition und Moderne prallen oft aufeinander seit Enrico auf der Walz ist. Früher, sagt er, war Reisen "etwas Besonderes". Heute trifft man auf der ganzen Welt Backpacker. Ihre eigenen alten Traditionen lassen die reisenden Zimmermänner auf den Gesellenabenden aufleben. Dort wird geschallert, gestiefelt und geschnackt.

Schallern bedeutet singen, aber "nicht so schön wie in einem Chor". Beim Stiefeln wird reihum Bier aus einem Glas in Stiefelform getrunken, bisweilen sogar aus einem echten Schuh. Hat Enrico vor drei Wochen erst gemacht. Sein Fazit: "Ekelhaft". Und Schnacken? Das ist Reden, über Traditionen, Wandern und die Arbeit - oft bis tief in die Nacht hinein. Damit die Bräuche aus den letzten Jahrhunderten auch für die nächsten Generationen überliefert werden.

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1. Toll
mavoe 30.08.2010
Zitat von sysopWas ist schwarz, trägt Hut und hält den Daumen raus? Ein Zimmermann auf der Walz. Enrico, 24, tippelt seit gut zwei Jahren durch Deutschland, Polen und Namibia. Er sucht die Freiheit und lebt ein Leben* bestimmt von uralten Bräuchen. Träumt er von zu Hause, kriegt er einen Riesenschreck. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,712869,00.html
Find ich gut. Sollte man allen Berufsabsolventen empfehlen. Das hilft auch gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Habe sowas ähnliches auch gemacht. Mit dem Rucksack durch Afrika und Asien. 3 Jahre insgesamt. Vorher 9 Monate bei Benz gearbeitet und die Kohle dafür war im Sack. Bin Physiker und Informatiker und konnte mein Wissen vielen Leuten vor Ort vermitteln ("Teacher"). Frankfurt-Langstreckenflug-Kapstadt-Bali-Langstreckenflug-Frankfurt. Danach, wieder in D, noch promoviert. Sehr schön wars. Leider ist sowas heutzutage nicht mehr möglich. Grüße aus Berlin
2. was sonst noch so passierte ....
seine_merkwürden 30.08.2010
hallo, auch mein grossvater ist noch auf die walz gegangen, als bäcker. er hat mir als kind noch die passenden geschichten erzählt .... vor vielen orten gab es treffpunkte, an denen sich die wandergesellen der verschiedenen zünfte trafen. dort wurden naturalien und informationen ausgetauscht, etwa, welcher meister gerade einen gesellen suchte und ob es ratsam war, dort anzuheuern .... kam man als geselle zu einem meister, der einen nicht einstellen konnte oder wollte, so musste dieser über einen obulus oder eine naturalgabe (brot, wurst, obst ....) dem gesellen die weiterreise ermöglichen und/oder ein nachtquartier anbieten. hierüber wurden an den den wandergesellen bekannten treffpunkten informationen ausgetauscht ("willst du weiterziehen, gehe zum X, der kann dich nicht nehmen, dort schläft sich gut ...") und brot gegen wurst getauscht. auch gab es an den häusern der meister sogenannte "zinken", das waren geheime zeichen, die den wandergesellen über die lage im betrieb des meisters informierten und meist warnungen enthielten. wenn auch viele wandergesellen von früher diese zeit im nachhinein glorifizieren, muss sie doch für viele eine zeit der gefahren und entbehrungen gewesen sein, weil die ausbeutung der gesellen zumeist im vordergrund stand. es würde mich interessieren, ob die gepflogenheiten im umgang mit wandergesellen - auch in anderen als den vielleicht alleine übriggebliebenen zimmerleuten und dachdeckern - wie einen wanderobulus und oder sitte, ein einmaliges nachtquartier zu gewähren, auch bei meistern noch zu finden ist, die nicht den entsprechenden vereinen angehören - eventuell auch in anderen berufen.
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