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07. Juli 2011, 16:58 Uhr

Verbrüdern beim Abi-Ball

Lehrer werden Menschen, Eltern bleiben peinlich

So feierfreudig und melancholisch sind Abiturienten nur einmal während ihrer Schulzeit: ganz am Ende, beim Abi-Ball. Rick Noack erzählt im letzten Teil seines Abi-Blogs von einer durchzechten Nacht, tanzenden Eltern - und den Geständnissen seiner Lehrer.

Alles hat ein Ende, nur die Schulzeit hat zwei. Als vor zwei Monaten meine letzte offizielle Schulstunde vorbei war, war ich glücklich. Jetzt kommt der Abi-Ball, das wirkliche Ende, und ich bin traurig.

Eine Lehrerin hatte mir vor drei Jahren gesagt, eine Schule sei wie eine Fabrik: Am Ende kommt etwas Fertiges raus. Und dieses fertige Etwas bin nun ich, Rick, 18 Jahre - Ex-Schüler. Immer wieder habe ich in den letzten Monaten das Ende der Schulzeit gefeiert: den letzten Schultag, die letzte Prüfung, die Langeweile danach.

Jetzt steht die letzte Feier an. Ich stehe auf der Bühne, schaue in einen Scheinwerfer, moderiere den Abschluss meiner Schulzeit. Melancholie schleicht sich ein. Viele meiner alten Klassenkameraden werde ich wohl erst beim nächsten Klassentreffen wiedersehen. Es fällt nicht leicht, Abschied zu nehmen von dem, was Erwachsene oft träumerisch als die "beste Zeit ihres Lebens" bezeichnen.

Abi-Bälle sind immer ein bisschen surreal, aus dem einfachen Grund: Viele Mitschüler sehen anders aus als sonst. Selbst Tom, der in der Schule stets das gleiche Sortiment Schlabber-Tshirts trug, spaziert an diesem Abend im perfekt sitzenden Anzug herum. Unsere Mädchen haben noch höhere Stöckelschuhe als in der Schule angezogen. Nur die Tatsache, dass sie sich im Minutentakt gegenseitig versichern, wie bezaubernd sie aussehen, hat sich im Vergleich zur Schulzeit nicht verändert.

Plötzlich mögen wir uns alle

Das Wichtigste ist, dass Lehrer plötzlich zu Menschen werden. Meine ehemalige Kunstlehrerin erzählt mir mit einem Grinsen, dass sie heimlich meinen Abi-Blog liest und ihn an ihre Kollegen verschickt. Und meine Englischlehrerin versichert, sie werde uns mal auf Facebook anchatten. Dann schießen wir schnell noch ein Foto mit ihr und versprechen, demnächst mit ihr Grillen zu gehen. Vergessen sind schlechte Noten oder verschlafene Stunden. Plötzlich mögen wir uns alle.

Das klingt nach melancholischer Selbstreflexion? Dazu neigen Abiturienten - wahrscheinlich fast alle. Ein bisschen auch zu Kitsch. Unser Jahrgangsbester, ein militärisch erzogener 20-jähriger angehender Medizinstudent, schrieb neulich bei Facebook: "Merkwürdig, wenn ein Leben Gestalt annimmt. Noch merkwürdiger, wenn es das eigene ist."

Und ein anderer Mitschüler schrieb nachts um drei Uhr über seinen aktuellen Aufenthaltsort: "Draußen am Feuer sitzen und die Ruhe genießen." Normalerweise verursacht er Ruhestörungen.

Feiern bis zum Morgengrauen

Als im Juni Kriminelle die Abi-Bälle Hunderter Schüler fast hätten ins Wasser fallen lassen, habe ich mich gefragt, warum das so schlimm sein soll. Menschen werden jeden Tag betrogen. Inzwischen weiß ich: Um den Abiball gebracht zu werden, ist grausam. Nirgendwo sonst hätte mir eine Freundin auf der Tanzfläche so liebenswürdig peinlich entgegen gegrölt: "Ich habe Abi!"

Nirgendwo sonst würden gegen ein Uhr noch ein paar Eltern tanzen zu "Verdammt ich lieb' Dich, ich lieb' dich nicht...", das aus den Lautsprechern dröhnt. Hinweis an alle mitlesenden Eltern: Die Kinder der Tanzenden sind nicht "frische Luft schnappen" gegangen - sie schämten sich auf der Toilette.

Doch je weniger Eltern am Rand stehen, desto stärker gewinnt die Party an Fahrt. Schon bald darauf hüpfen junge Männer und Frauen wild und ohne Hemmungen durch den Tanzsaal, es wird immer wärmer und die meisten Luftballons liegen zertreten auf dem von verschüttetem Bier kleben Boden. Die Party dauert bis zum frühen Morgen.

Als ich von der Bühne gestiegen bin, habe ich noch gesagt: "Das war der Abiball 2011. Danke, dass Sie gekommen sind." Die Zuschauer haben geklatscht. Seitdem dämmert mir, es ist bald vorbei. Und jetzt ist es soweit.

Auf der Heimfahrt kaufe ich mir eine neue Fahrkarte - ohne Ermäßigung, ohne Rabatt. Ich bin ja jetzt kein Schüler mehr. Schade eigentlich.

Lesen Sie hier Teil 5 des Abi-Blogs: Das Leben nach dem Abi: Karriere? Nicht mit uns!

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