Vertretungslehrer: Sommerferien auf Hartz IV

Von Wiebke Toebelmann

Pädagogische Vertretung (Symbolbild): Tausende Lehrer unterrichten nur auf Zeit Zur Großansicht
Corbis

Pädagogische Vertretung (Symbolbild): Tausende Lehrer unterrichten nur auf Zeit

Noch nie gab es so viele Vertretungslehrer wie heute. Als Saisonkräfte arbeiten sie ein knappes Jahr, im Sommer beziehen viele Hartz IV. Die Bundesländer halten die Junglehrer hin - und sparen Geld auf Kosten der Sozialkassen.

Für die meisten Lehrer sind die Sommerferien der lang ersehnte große Urlaub. Für Annika Weber*, 33, aus Heidelberg sind sie wie ein großes Stoppschild. Denn Ende Juli wartet auf sie wieder die Arbeitslosigkeit.

"Es wird komisch sein", sagt sie. Weber ist eine von Zehntausenden Vertretungslehrern, die täglich in deutschen Klassenzimmern stehen und sich auf den ersten Blick gar nicht von ihren Kollegen unterscheiden.

Dabei ist der Unterschied immens: Während die einen als Staatsdiener gut versorgt sind, hangeln sich die anderen von einem Fristvertrag zum nächsten. Weber hatte sich eigentlich nicht vorgestellt, nach ihrem Referendariat ihre Fächer Französisch und Sozialkunde bloß als Vertretungslehrerin zu unterrichten. Am liebsten hätte die Mutter eines zweijährigen Sohnes in Baden-Württemberg gelehrt. Um ihre Chancen zu erhöhen, bewarb sie sich zusätzlich noch in den benachbarten Bundesländern Rheinland-Pfalz und Hessen. Vergeblich.

Nicht die beste, aber die kostengünstigste Lösung

Leicht war es hingegen, an einem Gymnasium in Rheinland-Pfalz eine Krankheitsvertretung zu übernehmen. Als der Kollege später zurückkehrte, wurde der Halbjahresvertrag noch mal um eine Mutterschutzvertretung verlängert. Weber hoffte auf eine unbefristete Übernahme, doch damit war sie nicht allein: "Allein an meiner Schule gab es sechs Vertretungslehrer, als ich dort anfing. Der Bedarf scheint ja da zu sein, trotzdem darf keiner bleiben." Sie und einige Kollegen mit Fristverträgen hätten anfangs noch versucht, mit besonderem Engagement aufzufallen, um ihre Chancen auf eine Festanstellung zu erhöhen. "Doch daraus wird meistens nichts", sagt Weber.

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Qualifizierte Arbeitskräfte werden so zu Lückenbüßern ohne klare Perspektive, kritisiert auch die Bildungsgewerkschaft GEW. Sie prangert an, dass es einen stabilen Trend zu immer mehr Aushilfslehrern mit Fristverträgen gibt. Zählte die Gewerkschaft in den neunziger Jahren gerade mal rund 10.000 Vertretungslehrer bundesweit, habe sich deren Zahl mittlerweile verfünffacht.

"Die Länder versuchen heute, nicht mehr die beste Lösung zu finden, sondern die kostengünstigste", sagt Ilse Schaad, GEW-Expertin für Angestellten- und Beamtenpolitik. Der Vertretungsbedarf in dem großen System Schule sei vorhersehbar. "Wir wissen, dass täglich mehr als tausend Lehrer vertreten werden müssen. Dafür könnte man ohne Weiteres auch unbefristet Lehrer anstellen", sagt Gewerkschafterin Schaad.

Im Kultusministerium in Baden-Württemberg sieht man das anders: In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, den Nachwuchslehrkräften fehle es an Flexibilität. Außerdem handle es sich bei vielen Vertretungslehrern auf Zeit um Berufsanfänger, "die aufgrund ihrer Qualifikation oder aber auch wegen eines speziellen Ortswunsches (...) nicht eingestellt wurden." Warum die Lehrer nicht unbefristet eingestellt werden können, schreibt das Ministerium nicht. Es heißt lediglich: "Sie erwerben sich durch die Vertretungstätigkeit zusätzliche Qualifikationen für das Bewerbungsverfahren für eine künftige Einstellung in den öffentlichen Schuldienst."

"Fehlt die Flexibilität, Naturtalente zu erkennen"

Die Schulen hingegen würden oftmals gern ihre Vertretungskräfte behalten, doch scheitern sie an der Einstellungspolitik der Länder. "Dem starren, deutschen System fehlt die Flexibilität, Naturtalente zu erkennen und zu fördern", sagt Uwe Thölen, Personalrat an einer Hamburger Stadtteilschule.

"Es wäre schön, wenn Vertretungslehrer die Kraft, die sie in ihre Existenzsicherung investieren müssen, ganz ihren Schülern widmen könnten", sagt Thölen. Und nicht zuletzt schade es auch den Schulen, wenn immer wieder neue Leute kommen und gehen.

Viele der zu den Ferien entlassenen Lehrer werden nach den Ferien zwar wieder eingestellt - in der Zwischenzeit ist jedoch die Arbeitsagentur für sie zuständig. Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben die jungen Lehrer meist nicht. Genau wie Annika Weber bleibt ihnen für die Sommerwochen nur Hartz IV und die Hoffnung auf den nächsten Fristvertrag. Und vielleicht, so hofft die examinierte Lehrerin, einmal eine echte Stelle.

* Name geändert


Zur Großansicht
Corbis

Schul-Klischees im Faktencheck: Lehrer haben es leicht - oder doch nicht? Viele Menschen glauben, dass Lehrer einen entspannten Job haben. Die Pädagogen sehen das anders. In einer fünfteiligen Serie geht SPIEGEL ONLINE gängigen Annahmen über den Lehrerberuf nach und deckt auf, was davon Fakt und was Mythos ist. Lesen Sie mehr...

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 228 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warum machen wir es eigentlich...
Roueca 24.07.2013
Zitat von sysopNoch nie gab es so viele Vertretungslehrer wie heute. Als Saisonkräfte arbeiten sie ein knappes Jahr, im Sommer beziehen viele Hartz IV. Die Bundesländer halten die Junglehrer hin - und sparen Geld auf Kosten der Sozialkassen. Vertretungslehrer beziehen in den Sommerferien Hartz IV - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/vertretungslehrer-beziehen-in-den-sommerferien-hartz-iv-a-904968.html)
..nicht Merkel so, dann müßten wir Steuerzahler jetzt nicht ihre Wahlkampfreise bezahlen. Ist doch ganz einfach, alle Politiker werden vor den Sommerferien entlassen und wenn sie Glück haben und dem Volke dienen bekommen sie vielleicht wieder einen Job. Ist doch egal wer unser Land verkauft mitsamt den Renten und Spareinlagen.
2.
balmy_matrix 24.07.2013
Ein schönes Modell. Einstellung auf 10 oder 11 Monate befristet, die Lehrkräfte drücken monatlich 300-600 in die Sozialkassen ab, dann endet der Vertrag und wird 6-8 Wochen später wieder erneuert. Kein ALG I Anspruch, direkt Hartz4 und von ihren Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung sehen diese Menschen gar nichts, geschweige denn von persönlicher Sicherheit. Und das beste ist, nicht irgendein schneidiges Unternehmen hat dieses Modell entwickelt, sondern die Bundesländer! Auf die Bildung!
3.
ismiruebl 24.07.2013
Zitat von Roueca..nicht Merkel so, dann müßten wir Steuerzahler jetzt nicht ihre Wahlkampfreise bezahlen. Ist doch ganz einfach, alle Politiker werden vor den Sommerferien entlassen und wenn sie Glück haben und dem Volke dienen bekommen sie vielleicht wieder einen Job. Ist doch egal wer unser Land verkauft mitsamt den Renten und Spareinlagen.
Das nenne ich mal einen qualitativ hochwertigen Beitrag zum Thema. Super, weiter so.
4.
spielzeugland 24.07.2013
"Im Kultusministerium in Baden-Württemberg sieht man das anders: In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, den Nachwuchslehrkräften fehle es an Flexibilität. Außerdem handle es sich bei vielen Vertretungslehrern auf Zeit um Berufsanfänger, "die aufgrund ihrer Qualifikation oder aber auch wegen eines speziellen Ortswunsches (...) nicht eingestellt wurden."" Ja das doch mal ne gute aussage. Überall in der Politik nur dumme billige ausreden. :-(
5. wie erbärmlich...
louis-winthorpe 24.07.2013
...ist das angesichts der Mrds, die für "Bankenrettung", "Euro-Rettung" und Auftragsbeschaffungs-Rüstungprestige-groß-Projekte verballert werden ... Bildung ist nicht gewollt! Jedenfalls nicht für jeden! Ein genügend großer Teil muß blöde genug bleiben, um diesen ganzen Mist kritiklos zu schlucken
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Abi - und dann?
RSS
alles zum Thema Lehrer
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 228 Kommentare
Fotostrecke
Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß

Fotostrecke
Lehramtsstudium: Referendare unter Druck


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...