Willkür statt Wehrpflicht: Tauglich aus Gewissensgründen

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Benachteiligung beim Wehrdienst, zigtausendfach: Wer schon vor der Musterung verweigert, gilt viel öfter als tauglich - diesen Vorwurf untermauern Kriegsdienstverweigerer nun mit Statistiken. Andere, ebenso gesunde junge Männer werden ausgesiebt, weil sie lang genug taktieren.

Bundeswehr, Zivildienst oder nichts von beidem? Alles eine Frage des richtigen Timings - so sieht es jedenfalls Werner Glenewinkel, Vorsitzender eines Vereins mit dem länglichen Namen Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (KDV).

Rekruten: Wie steht es um die Wehrgerechtigkeit?
DPA

Rekruten: Wie steht es um die Wehrgerechtigkeit?

Nach seinen Angaben kommt es bei der Musterung stark darauf an, wann ein junger Mann zeigt, dass er plant, den Dienst an der Waffe zu verweigern. "Wer seine Gewissensentscheidung zu früh bekannt gibt, bekommt Schwierigkeiten", sagte Glenewinkel SPIEGEL ONLINE. Es werde mit zweierlei Maß gemessen.

In vielen Fällen würden angehende Zivis als dienstfähig eingestuft, obwohl sie für die militärische Ausbildung nicht geeignet wären. Die Zentralstelle empfiehlt daher allen Wehrpflichtigen, den Kriegsdienst an der Waffe erst bei der Einberufung zu verweigern - und nicht schon vor der Musterung.

"Ersatz für nichts"

Seit Jahren schon diskutieren Gegner und Befürworter der Wehrpflicht die heikle Frage der "Wehrgerechtigkeit". Und viel spricht dafür, dass Deutschland sich tatsächlich Schritt für Schritt vom hehren Vorsatz verabschiedet, alle jungen Männer gleich zu behandeln, jedenfalls in Sachen Dienst am Vaterland.

Denn die Aussiebquote ist binnen weniger Jahre auf absurde Höhen geschnellt: Noch vor sieben Jahren wurden lediglich 16,9 Prozent aller Wehrpflichtigen ausgemustert - inzwischen ist es nahezu die Hälfte. Das geht aus Statistiken hervor, die auf Angaben des Verteidigungsministeriums beruhen. Die Zentralstelle KDV hat sie veröffentlicht und moniert, dass die Kreiswehrersatzämter kräftig aussortierten und so künstlich die Zahl der tauglichen Wehrpflichtigen senkten - mit Gleichbehandlung habe das wenig zu tun.

Auch der neue Vorwurf lässt sich beziffern: Rund 25.000 junge Männer leisten nach Schätzung von Glenewinkels Interessenverband derzeit Zivildienst, obwohl die Bundeswehr sie wahrscheinlich nicht einberufen hätte. "Ersatz für nichts", nennt Glenewinkel das.

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Wer nicht schon frühzeitig verweigere und stattdessen auf die konkrete Einberufung warte, habe eine fast 50-prozentige Chance, entweder ausgemustert oder zumindest nicht zum Dienst herangezogen zu werden. Auf diese Weise könne auch die Zivildienstzeit umgangen werden. Wer dagegen frühzeitig verweigere, müsse eher damit rechnen, zum Dienst herangezogen zu werden, sagt Glenewinkel.

Der Verein stützt seine Schlussfolgerung auf die Berichte von Verweigerern, auf eigene Recherchen - und auf statistische Werte. Die Rechnung ist nicht ganz einfach, und beweisen lässt sich der Vorwurf damit auch nicht vollends, aber die Sicht der Zentralstelle KDV scheint plausibel.

Nach Angaben des Verbandes wurden 2008 insgesamt rund 456.000 Männer gemustert, 5000 mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig wurden etwa 5000 Männer weniger als tauglich eingestuft, nämlich etwa 243.000.

Rund 100.000 verweigerten erfolgreich den Dienst an der Waffe. Davon wiederum wurden 92.000 Kriegsdienstverweigerer zum Zivildienst, einem ökologischen Jahr oder ähnlichem herangezogen. Fast jeder Verweigerer also, bis auf wenige Ausnahmen, fährt Essen aus, pflegt Kranke oder kümmert sich um Obdachlose.

Sind denn Zivis etwa so viel fitter?

Hingegen wurden insgesamt nur rund 70.000 Wehrpflichtige zur Bundeswehr einberufen - also nur jeder Zweite der tauglich gemusterten jungen Männer, die nicht verweigert haben. Von ihnen müssen demnach prozentual deutlich weniger Männer ins Grünzeug springen, als Zivis Dienst schieben müssen.

Dabei geht die Zentralstelle davon aus, dass es beim gesundheitlichen Zustand kaum Unterschiede zwischen den Gruppen geben dürfte. Denn warum sollten angehende Zivis im Schnitt so deutlich fitter und gesünder sein als die Nicht-Verweigerer? "Die Bundesregierung organisiert damit nicht nur eine grobe Wehrungerechtigkeit, sondern fördert auch eine Ungleichheit zwischen den Diensten", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins.

Wenn Glenewinkel den Trend richtig deutet, reagieren die Kriegsdienstverweigerer inzwischen cleverer: Weil auch die Zahl der Verweigerungs-Anträge zurückging, folgert er, "dass immer mehr Wehrpflichtige abwarten, ob sie überhaupt tauglich gemustert und anschließend einberufen werden". Das Taktieren und Warten sei "klug" - er könne es jedem jungen Mann empfehlen.

Beim Verteidigungsministerium indes weist man die Vorwürfe zurück. "Die Musterungskriterien sind alle einheitlich", sagte ein Sprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Politische Kriterien seien nicht vorstellbar, die Bundeswehr sei ans Gesetz gebunden. "Es ist klar, dass wir einheitlich mustern", sagte der Sprecher.

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Forum - Ausmusterungen - wo bleibt die Wehrgerechtigkeit?
insgesamt 552 Beiträge
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    Seite 1    
1.
herve64 08.04.2008
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Was sind Ihre Erfahrungen?
Wehrgerechtigkeit - was ist das? Ist es etwa gerecht, dass Männer prinzipiell zum Wehrdienst gezwungen sind wohingegen Frauen sich für den Beruf der Soldatin entscheiden können? Die ganze Wehrpflicht ist eine Diskriminierung des Mannes aufgrund seines Geschlechts und damit per se eigentlich ungerecht.
2.
atzlan 08.04.2008
Zitat von sysopVon Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden.
Wehrgerechtigkeit hat es nie gegeben, denn Frauen werden nicht gezwungen, Wehr- oder Zivildienst zu leisten. Dagegen ist die derzeitige Ungerechtigkeit unter Männern eine Kleinigkeit.
3.
touri 08.04.2008
Zitat von sysopImmer mehr Wehrdienstpflichtige werden aus teils unverständlichen Gründen ausgemustert. Von Wehrgerechtigkeit kann oft kaum noch gesprochen werden. Was sind Ihre Erfahrungen?
Nun, ich kann schon verstehen, das überdurchschnittlich viele übergewichtige Menschen in der Bundeswehr Dienst tun, was anderes bleibt ja auch kaum übrig. Meine Erfahrung: Als in meiner Schulzeit die Musterungen losgingen hat man mitbekommen wer gleich aussortiert wurde - und das waren praktisch alle Sportler. Ohne Witz, ich selbst habe in meiner besten Zeit 13 von 15p auf 1000m geholt, es wurden Leute ausgemustert, die mich glatt stehen liesen (ich wurde genommen). Die Begründung? Kaputte Gelenke! Scheinbar ist Fußballspielen und praktisch alle Sportarten dermaßen gesundheitsschädlich, dass sie verboten gehören! Nun nachdem alle Sportskanonen ausgemustert werden, bleiben natürlich überproportional viele übergewichtige "hängen" (obwohl ich aus meiner Persöhnlichen Bundeswehrerfahrung sagen kann, dass in unserem Battalion in Hammelburg nur eine kleine Handvoll wirklich so unsportlich waren, dass sie nicht durchgehalten hätten).
4.
kdshp 08.04.2008
Zitat von herve64Wehrgerechtigkeit - was ist das? Ist es etwa gerecht, dass Männer prinzipiell zum Wehrdienst gezwungen sind wohingegen Frauen sich für den Beruf der Soldatin entscheiden können? Die ganze Wehrpflicht ist eine Diskriminierung des Mannes aufgrund seines Geschlechts und damit per se eigentlich ungerecht.
Hallo, dem schließe ich mich an. Die ganze wehrpflicht ist doch nur noch ein pseudonym für "gerechtigkeit". Wie auch bei der wehrpflicht wird die ungerechtigkeit in D immer größer. Was mir aufgefallen ist (geschichtlich) das je mehr über gerechtigkeit in einer gesellschaft gesprochen wird desto größer ist die ungerechtigkeit in eben dieser gesellschaft.
5.
Rasmuss 08.04.2008
Ich sehe die Wehrpflicht auch als Zwangsarbeit an die abgeschafft gehört. Eine Berufsarmee wäre meiner Meinung nach das Beste und ich glaube in ganz Europa gibt es auch nur noch ein Land dass eine Wehrpflicht so wie bei uns hat. Griechenland?? Das Problem ist nur, dass es dann im sozialen Sektor "brennen" würde, hier hat man ganze Berufsstände über Jahrzehnte durch "Zivis" kaputtgespart.
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