Zivildienst im früheren KZ Auschwitz: "Wie kannst du hier leben?"

Von Sebastian Christ

Jeder Besucher des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz spürt die Beklemmung. Viele fürchten die direkte Konfrontation mit dem Ort, an dem die Nazis mehr als eine Million Menschen ermordeten. Doch genau hier leistet der 19-jährige Ludwig Elis seinen Zivildienst. Warum?

Geschichte - das ist für viele Jugendliche ein Schulfach und hört mit dem Gong auf. Keine Diktatoren mehr, keine Krisen, keine Kriege. Doch es gibt Orte, an denen endet Geschichte nie. In Oswiecim in Polen steckt sie in jeder Häuserritze. Sie kann am Bahnhof warten oder einfach in der Luft liegen. Man muss vielleicht eine besondere Beziehung zu alldem haben, um seinen Zivildienst hier zu leisten: in Auschwitz, wie der Ort auf Deutsch heißt und wo Geschichte so präsent ist, dass man sich mit ihr auseinandersetzen muss. Ob man will oder nicht.

Zivi Ludwig: "Wer das Eigentliche hier begreifen will, muss mit dem Herzen sehen"

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Ludwig Elis kannte Geschichte aus dem Leistungskurs in einem Erfurter Gymnasium; in seiner Freizeit nahm er an einigen Studienreisen teil. In Oswiecim besuchte er den riesigen Lagerkomplex am Ortsrand, den die Nazis dort ab 1941 gebaut hatten - im KZ Auschwitz brachten sie bis Kriegsende mehr als eine Million Menschen um. Gerade dorthin wollte Ludwig nach dem Abitur gehen.

Wegen der Geschichte.

Seit elf Monaten arbeitet er als Zivildienstleistender in der Jugendbegegnungsstätte Oswiecim. Empfängt Besuchergruppen, führt sie durch das ehemalige Konzentrationslager und spricht danach mit ihnen über das Erlebte. Sein Job ist es, jungen Deutschen die eigene Geschichte näher zu bringen. "In den Schulen wird Auschwitz relativ schnell abgehandelt", sagt er. "Das Problem ist, dass sich die Leute das einfach nicht vorstellen können. Es ist zu weit weg. Und dann diese Zahlen." Manchmal fällt es schwer, das Grauen auch nur ansatzweise zu erahnen. Das ist vielleicht der schwierigste Teil von Ludwigs Arbeit: die Vermittlung eines Gefühls für das Geschehene.

Oswiecim ist nicht Auschwitz

Die "Aktion Sühnezeichen" hat Ludwig nach Oswiecim geschickt. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft abseits der Ortsmitte, von dort sind es zehn Minuten zu Fuß bis zum früheren Lager, zehn Minuten bis zu seiner Arbeitsstelle. Natürlich sei es möglich, auch hier ein normales Leben zu führen, sagt Ludwig: Er habe sich sehr schnell integriert gefühlt, findet seine Arbeit interessant, mag seine Kollegen. "Ich fahre ja nicht nach Auschwitz. Ich fahre nach Oswiecim."

"Das ist von Außenstehenden immer wieder die Frage: Wie kannst du hier leben? Natürlich gibt es Leute, die es nicht schaffen, einfach weil es sie emotional zu sehr mitnimmt. Ich habe einen ganz guten Weg gefunden, das zu trennen. Nicht, dass ich abgestumpft wäre. Aber ich kann sagen: Jetzt ist es Arbeit. Und jetzt bin ich davon weg."

Am Anfang, sagt er, sei da ein "seltsames Gefühl" gewesen. Nachts ratterten Güterzüge durch den Bahnhof, einige hundert Meter Luftlinie von seiner Wohnung entfernt. Schleifende Achsen, quietschende Bremsen. Die Luft hing kalt und neblig über dem Ort. Seltsame Assoziationen, das Wissen aus dem Unterricht. Und eine Ahnung davon, dass dieser Lärm einst etwas anderes bedeutete. "Es ist wirklich wichtig, dass man sich mit der Geschichte auseinandersetzt", sagt er. "Scham empfinde ich dabei nicht. Es ist eher eine Verantwortung."

Ludwig steht vor dem Eingangsgebäude des sogenannten Stammlagers. Ein roter Backsteinbau, groß, wuchtig. Bevor die Nazis hier Menschen einsperrten und umbrachten, war auf dem Gelände eine Kaserne der polnischen Armee. Später wurde einige Kilometer entfernt das Lager Auschwitz-Birkenau errichtet. Es ist bei weitem größer, doch nach dem Krieg wurde die Gedenkstätte dort eingerichtet, wo alles begonnen hatte: in den roten Backsteingebäuden am Ortsrand.

Unsichtbare Beklemmung

Mehr als ein Dutzend Gruppen hat Ludwig auf dem Weg durch das Lagertor begleitet. "Bei vielen ist der Eindruck, dass es ganz anders aussieht, als man es sich vorstellt. Es wirkt recht friedlich. Man hört Vögel singen, es ist grün, auch die Ziegelbauten sehen nicht wie Häftlingsbaracken aus. Viele Menschen sind hier unterwegs, es ist bunt, auch laut zum Teil." Man sieht von den damaligen Verbrechen nichts mehr, sondern spürt sie höchstens.

Ludwig spricht über dieses Gefühl im Hals, das er hatte, als er zum ersten Mal hier war. Dieses Drücken, das ihn auf dem Weg durch das Lager begleitete. Es ist eine Mischung aus Betroffenheit und Wut, die man nicht los wird, solange man durch die Gassen des Lagers geht.

Die Beklemmung ist das eine. Das andere ist, dass man hier in Auschwitz auch ein Stück Hoffnung entdecken kann. Ludwig erzählt begeistert von den Überlebenden, die immer wieder geduldig von ihren Erlebnissen berichten. Von Bitterkeit sei bei den meisten nichts zu spüren. Es sind die Menschen, die Ludwig am meisten beeindruckt haben.

Er will jetzt Politik studieren, später dann in Friedens- und Konfliktforschung seinen Master-Abschluss machen. In Auschwitz und Oswiecim hat er sich zwölf Monate lang mit deutscher Geschichte auseinandergesetzt. Im Studium möchte er lernen, welche Schlüsse man daraus für die Zukunft ziehen muss.

Ludwig sagt, dass man sich auf das Lager einlassen muss, um die Wahrheit zu entdecken. Die wichtigsten Dinge sind manchmal eben unsichtbar. Um ihn herum stehen Bäume, es fliegen Schmetterlinge durchs Gras und Hummeln. Die Butterblumen blühen. Ludwig steht jetzt vor Block elf, wo Tausende Erschießungen stattfanden. Vielleicht wäre genau jetzt der richtige Moment, die Augen zu schließen. Ludwig sagt: "Wer das Eigentliche hier begreifen will, muss mit dem Herzen sehen."

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