Türkisch als Prüfungsfach: Abitür für Müttersprachler

Von Anil Koese

Türkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten.

Türkisch-Abitur: "Wie soll ich denn da mithalten?" Fotos
Anil Köse

Türkischunterricht in einer Hamburger Oberstufe: Auf dem Stundenplan steht die Ghettoisierung der Türken. "Was sind die Faktoren, die zur Abschottung der Türken in unserem Stadtteil beitragen?", fragt Lehrer Tolga Yilmaz. Die Schüler verstecken ihre Köpfe hinter ihren Mäppchen und Ordnern. Yilmaz wartet geduldig, doch niemand meldet sich.

An der Nelson-Mandela-Schule in Hamburg bereiten sich 26 Schüler auf ihr Abitur im Fach Türkisch vor. Spätestens im kommenden Jahr sollten sie Antworten darauf parat haben, warum die Integration im Brennpunktviertel Wilhelmsburg so mühsam ist. Dann steht die schriftliche Prüfung an, und das Thema könnte drankommen.

Vor fast zehn Jahren richtete die Stadtteilschule Türkisch als Prüfungsfach im Abitur ein. Inzwischen bieten auch einige andere Hamburger Schulen sowie Schulen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bremen das Türkisch-Abi an. Bundesweit haben dieses Jahr knapp 230 Schüler die Prüfung bestanden.

Das sind zwar bei etwa 300.000 erfolgreichen Abiturienten immer noch nicht viele, doch Bildungspolitiker rechnen damit, dass das Fach noch gefragter wird. Nach Angaben der Hamburger Schulbehörde steigt die Zahl der Schüler, die sich in der Hansestadt fürs Türkisch-Abitur anmelden.

Türkisch nur für türkischstämmige Schüler

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) sieht darin einen "wichtigen Beitrag zur Integration". So wie Französisch und Latein müsse auch Türkisch in den Schulen gelehrt werden. Die Türkei sei ein Land, das sich dynamisch entwickle und von entsprechenden Sprachkenntnissen könne man profitieren. "Auch deutsche Schüler sollen deshalb Türkisch lernen", sagte Rabe.

Doch in der Praxis tun sie das selten: Den Türkisch-Kurs in der Oberstufe der Nelson-Mandela-Schule besuchen ausschließlich türkischstämmige Abiturienten. Kein einziger Schüler ist darunter, dessen Familie keine türkischen Wurzeln hat.

Das liegt vor allem an einer Hürde: Für das Fach werden - anders als in Französisch oder Spanisch - sehr gute Sprachkenntnisse vorausgesetzt. "So schließt man alle nicht türkischstämmigen Schüler von vorneherein aus dem Kurs aus", kritisiert Abiturientin Alina Klauke, 19. Sie habe nie erwogen, Türkisch in der Oberstufe zu belegen. "Wie soll ich denn mithalten bei so vielen Muttersprachlern in einer Klasse?"

Rein deutschsprachige Schüler hätten es im Türkischunterricht schwer, gibt Oberstufenleiterin Karin Claußen-Hortig zu. Die Schule habe aber derzeit keine Kapazitäten, einen zusätzlichen Türkisch-Abiturkurs für Anfänger anzubieten. Außerdem hätten sich bisher nicht genügend Schüler dafür interessiert. Schuld daran sei vor allem das schlechte Image der türkischen Sprache, vermutet Lehrer Yilmaz. "Türkisch gilt als Migrantensprache", sagt er. Als eine europäische Wirtschaftssprache werde sie hingegen seltener wahrgenommen.

Separate Kurse für Muttersprachler und Anfänger seien sowieso nicht Sinn der Sache, sagt der Sprecher der Schulbehörde, Peter Albrecht. Er schlägt vor, dass rein deutschsprachige Schüler bereits in der Mittelstufe mit Türkisch beginnen, damit sie in der Oberstufe mithalten können. "Ich denke, dann haben sie das Niveau erreicht, um mit türkischen Muttersprachlern in einem gemeinsamen Kurs zu lernen."

Gute Noten gibt es nicht geschenkt

Wie viele Schüler sich wohl auf das Risiko einlassen würden, eben nicht so schnell aufzuholen und im Abitur eine schlechte Note zu kassieren? Abiturientin Lisa Berlin, 19, gehört zu denen, die sagen: "Türkisch zu lernen, reizt mich überhaupt nicht". Das sei schließlich keine Weltsprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch. Ihre Mitschülerin Alina verspricht sich nicht einmal Vorteile auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie Türkisch wählen würde. "Es gibt schließlich genug türkischstämmige Migranten, die sowohl Deutsch als auch Türkisch gut beherrschen."

Und so bleiben türkische Einwandererkinder unter sich, wenn sie an der Nelson-Mandela-Schule über Integration diskutieren. Lehrer Yilmaz findet das Fach trotzdem sinnvoll. "Wir vermitteln Wissen zur Kultur und Geschichte ihres Heimatlandes", sagt er. Das sei wichtig für die Identität und das Selbstbewusstsein junger Türken in Deutschland.

Eine gute Abi-Note im Fach Türkisch kriegen jedoch auch Muttersprachler nicht geschenkt. Die Schüler schreiben Erörterungen, lesen türkische Literatur. Im vergangenen Schuljahr haben sie zum Beispiel die Erzählung "Konyali Kiz" ("Das Mädchen aus Konya") von Fakir Baykurt gelesen und den Text auf sprachliche Stilmittel untersucht. Es geht darin um Kopftuchzwang in der Türkei.

Ahmet Celik, 18, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Zu Hause mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern spricht er meistens Deutsch. Er belegt den Türkischkurs, um sicherer in seiner Muttersprache zu werden. "Selbst Chemie finde ich leichter", sagt er. Von Einsen könnten er und die Mitschüler, die nie in der Türkei gelebt hätten, nur träumen. Auch er sagt: "Ein Nicht-Muttersprachler hätte keine Chance mitzukommen."

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1.
c++ 19.11.2012
Zitat von sysopAnil KöseTürkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten. Abitur in Türkisch: Schule in Hamburg will Integration fördern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abitur-in-tuerkisch-schule-in-hamburg-will-integration-foerdern-a-862004.html)
In NRW können theoretisch viele Sprachen in der Schule angeboten werden. Wenn es aber heißt: "Auch deutsche Schüler sollen deshalb Türkisch lernen", sagte Rabe, dann ist das völliger Unsinn. Türkisch ist eine der Fremdsprachen, die gewählt werden können, aber Sinn macht es ausschließlich für Muttersprachler, so wie Aussiedler aus Russland eben oft Russisch nehmen. Das Angebot an Leuten mit türkischen Sprachkenntnissen in D übersteigt die Nachfrage enorm, gewählt wird es, um leichter das Abitur zu schaffen und später an der Schule unterrichten zu können. Oder ist schon mal im Abitur irgend jemand in Türkisch durchgefallen? Mit Sicherheit nicht. Wer keine Hobbys betreiben will, lernt die Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, vor allem aber Chinesisch, dann evt. Französisch, Portugiesisch, Polnisch, Italienisch oder Japanisch. Aber Türkisch hilft einem, besonders in D, überhaupt nicht weiter, weil hier zu viele diese Sprache als Muttersprache sprechen. Dass "Bildungspolitiker" das anders sehen, verwundert nicht, leben die doch häufig in einem anderen Kosmos ohne Kontakt zu den gesellschaftlichen Realitäten
2.
themistokles 19.11.2012
Zitat von sysopAnil KöseTürkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten. Abitur in Türkisch: Schule in Hamburg will Integration fördern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abitur-in-tuerkisch-schule-in-hamburg-will-integration-foerdern-a-862004.html)
Aha. Welchen Sinn diese Maßnahme hat, dürfte wohl offensichtlich sein: Hier sollen gezielt nicht-türkische Schüler/innen ausgeschlossen werden. Oder was soll diese eingebaute Sprachbarriere? Eine FREMD(!)Sprache in der SCHULE lernt man von Grund auf. Alles andere ist politisch motiviert.
3. ?
Florentinio 19.11.2012
Zitat von c++In NRW können theoretisch viele Sprachen in der Schule angeboten werden. Wenn es aber heißt: "Auch deutsche Schüler sollen deshalb Türkisch lernen", sagte Rabe, dann ist das völliger Unsinn. Türkisch ist eine der Fremdsprachen, die gewählt werden können, aber Sinn macht es ausschließlich für Muttersprachler, so wie Aussiedler aus Russland eben oft Russisch nehmen. Das Angebot an Leuten mit türkischen Sprachkenntnissen in D übersteigt die Nachfrage enorm, gewählt wird es, um leichter das Abitur zu schaffen und später an der Schule unterrichten zu können. Oder ist schon mal im Abitur irgend jemand in Türkisch durchgefallen? Mit Sicherheit nicht. Wer keine Hobbys betreiben will, lernt die Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, vor allem aber Chinesisch, dann evt. Französisch, Portugiesisch, Polnisch, Italienisch oder Japanisch. Aber Türkisch hilft einem, besonders in D, überhaupt nicht weiter, weil hier zu viele diese Sprache als Muttersprache sprechen. Dass "Bildungspolitiker" das anders sehen, verwundert nicht, leben die doch häufig in einem anderen Kosmos ohne Kontakt zu den gesellschaftlichen Realitäten
Und warum wählt ein Deutsch-Muttersprachler Deutsch als Prüfungsfach? Wie häufig fallen dabei welche durchs Abitur? Ich glaube Deutsch ist Plichtfach in Deutschland damit möglichst viele Deutsche das Abitur schaffen.
4.
Atheist_Crusader 19.11.2012
Zitat von sysopAnil KöseTürkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten. Abitur in Türkisch: Schule in Hamburg will Integration fördern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abitur-in-tuerkisch-schule-in-hamburg-will-integration-foerdern-a-862004.html)
Schuld ist nicht das Image der türkischen Sprache. Schuld ist das Image der in Deutschland lebenden Türken, der in der Türkei lebenden Türken und der Türkei selbst. Davon abgesehen ist es doch eher nutzlos, weil geographisch extrem beschränkt und - wie im Artikel erwähnt - für einen Nicht-Muttersprachler dank der Konkurrenzsituation ohnehin sinnlos. Da wäre es sinnvoller, arabisch zu lernen, damit kann man sich mit weit mehr Menschen und Ländern verständigen.
5.
shuggarcgn 19.11.2012
Zitat von sysopAnil KöseTürkisch in der Oberstufe sei gut für die Integration, sagen Bildungspolitiker. Doch meist bleiben türkischstämmige Schüler im Unterricht unter sich. Denn wer kein Muttersprachler ist, kann kaum mithalten. Abitur in Türkisch: Schule in Hamburg will Integration fördern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/abitur-in-tuerkisch-schule-in-hamburg-will-integration-foerdern-a-862004.html)
Das ist ja eine politisch inkorrekte und damit weise Äußerung der sog. "Bildungs"politiker, denn die Auswanderung hierlebender Türken in die Türkei ist bekanntlich größeren Ausmaßes, als die der durch sog. "Familienzusammenführung" einwandernder Türken nach Deutschland. Die rückkehrenden jungen Türken mit akademischem Bildungsgrad haben dagegen massive Probleme sich in der Türkei zu integrieren. Diese Türken bereits in Deutschland so zu fördern damit später die Integration in der Türkei leichter fällt, ist daher die klugste Entscheidung die deutsche Bildungspolitiker seit dem Pisa-Reinfall je fällen konnten. Insbesondere der chauvinistische Anteil der deutschen Bevölkerung dürfte ihnen jetzt schon sehr dankbar dafür sein...
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Türkische Grundschule: Anrennen gegen Vorurteile

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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland


Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.
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