Hamburg - Ein neuer Fall von extremer Religionsausübung sorgt in Ägypten für heftige Debatten: Eine Lehrerin ist von der Schule verwiesen worden, weil sie angeblich "im Spaß" zwei zwölfjährigen Schülerinnen einen Teil der Haare abgeschnitten hatte. Der Gouverneur der Provinz Luxor nannte den Vorfall "beschämend", die Lehrerin sei versetzt worden.
Eine Frauenrechtsorganisation verurteilte die Aktion als eine Verletzung der Menschenrechte: Der Nationale Rat für Frauen teilte mit, der Vorgang verletze "ägyptisches Recht, Menschenrechte und Kinderrechte".
Auch der Vater eines der Mädchen machte nun, eine Woche nach dem Vorfall, seinem Ärger öffentlich Luft. Berbesh Khairi El-Rawi sagte, er habe eine Beschwerde beim Staatsanwalt eingereicht. Die beiden Mädchen hätten in der vergangenen Woche zunächst zwei Stunden lang mit den Händen über dem Kopf in der Schule stehen müssen, dann hätte die Lehrerin ihnen die Haare abgeschnitten. Die Schule liegt 500 Kilometer südlich von Kairo.
Die beiden Schülerinnen sollen die einzigen in der Klasse gewesen sein, die kein Kopftuch tragen wollten. Auf einem Foto wird die Lehrerin Abu Bakar Kilany laut Nachrichtenagentur AP mit einem kompletten Gesichtsschleier gezeigt, unter dem nur die Augen zu sehen sind. Kilany sagte, sie habe alle Mädchen ab zehn Jahren aufgefordert, ihr Haar zu bedecken. "Unsere Religion schreibt das vor", sagte sie. "Es begann als Witz. Ich sagte zu den Mädchen, ich würde ihnen die Haare abschneiden, wenn sie kein Kopftuch trügen", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters die Lehrerin.
"Nicht mehr als zwei Zentimeter abgeschnitten"
Wiederholt habe sie die Mädchen aufgefordert, ihre Köpfe zu bedecken. Nach mehrmaligen Ermahnungen habe ein Schüler ihr aus seiner Tasche eine Schere gegeben und die Lehrerin ermuntert, ihre Drohungen umzusetzen. Daraufhin habe sie den Schülerinnen die Haare geschnitten, allerdings nicht mehr als zwei Zentimeter, so die Lehrerin. Viele muslimische Frauen in Ägypten tragen ein Kopftuch, allerdings steigt die Zahl der Trägerinnen des konservativen kompletten Gesichtsschleiers.
Die Aktion reiht sich ein in eine Serie juristischer Fälle in Ägypten. Dabei geht es vor allem um Christen, die angeblich die islamische Religion missachtet haben. So sehen Kritiker in dem Vorfall einen Zusammenhang mit der erstarkenden Stellung der Islamisten in der ägyptischen Politik und Gesellschaft. Linke und liberale Parteien protestieren seit dem Sturz des langjährigen Präsidenten Husni Mubarak immer wieder gegen den ultrakonservativen Kurs der neuen Regierung - die Muslimbruderschaft stellt den Präsidenten Mohammed Mursi und die größte Fraktion im Parlament. Auch das Verfassungskomitee wird von Islamisten dominiert.
Streit gibt es daher auch über die Frage, wie die Rolle der Religion in der Verfassung definiert wird - Mursi bestreitet öffentlich die Einführung von islamischen Codizes, säkulare und christliche Ägypter fürchten aber genau das.
lgr/Reuters/AP
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