Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Amokläufe an Schulen: "Emsdetten war vorhersehbar"

Gewalttaten an Schulen sind vorhersehbar, behaupten Forscher der TU Darmstadt und arbeiten an einem Frühwarnsystem. Auch Sebastian B. gab viele Hinweise auf seinen schrecklichen Plan. Psychologe Jens Hoffmann erklärt im Interview, wie Amokläufe verhindert werden können.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten an einer Studie zu amerikanischen und deutschen Amokläufern in Schulen. Inwiefern sind die Fälle vergleichbar?

Jens Hoffmann: Es ist aus nordamerikanischen Studien bekannt, welche Warnsignale es für Amokläufe an Schulen gibt. Wir haben die amerikanischen Ergebnisse mit deutschen Amokläufen verglichen und haargenau dieselben Indikatoren gefunden. Sogar der Zugang zu Schusswaffen war gar nicht so anders. Statistisch können wir leider mit so geringen Fallzahlen in Deutschland nicht arbeiten, strukturell lässt sich aber schon einiges vorhersagen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Anzeichen gibt es für einen geplanten Amoklauf?

Psychologe Jens Hoffmann: Amokläufe können verhindert werden
TU Darmstadt

Psychologe Jens Hoffmann: Amokläufe können verhindert werden

Hoffmann: Ein Amoklauf ist der Endpunkt eines Weges mit vielen Stufen, keine impulsive Tat. Ursächlich sind viele kleine Indikatoren. Eine frühe Stufe ist etwa die Begeisterung für Gewalt als Lösung einer Krise – Täter fangen früh an, Gewalttaten gut zu finden und darüber zu sprechen. Der nächste Schritt ist die Beschäftigung mit Amok-Vorbildern – im Emsdettener Fall etwa die Nachahmung des Massakers von Columbine, eine ähnliche Inszenierung und das Benutzen spezieller Wörter – Sebastian B. übernahm zum Beispiel den Ausdruck "Jocks" für besonders sportliche und beliebte Schüler. Mögliche Amokläufer identifizieren sich mit realen Vorbildern, aber auch mit fiktiven Idolen.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht jeder, der sich mit Gewalt beschäftigt, übt sie auch aus.

Hoffmann: Nein. Hinzu kommen konkretere Anzeichen: Jemand ist über einen längeren Zeitraum wütend auf eine bestimmte Personengruppe und macht sie für sein Leid verantwortlich. Die Person zeigt sich mit Schusswaffen und spricht Drohungen und Warnungen aus. Auslösend wirken dann Situationen, in denen ein wichtiger Faktor des Lebens wegfällt – im Fall Robert Steinhäuser brach am Tag der Zeugnisausgabe seine Welt zusammen, weil er keinen Schulabschluss hatte. Im Emsdettener Fall hatte der Täter einen pubertär anmutenden Männlichkeitswahn und Begeisterung für Waffen – und wegen unerlaubten Waffenbesitzes sollte er am nächsten Tag vor Gericht erscheinen. Das war sicher kein Zufall.

SPIEGEL ONLINE: Hätte man den Amoklauf in Emsdetten also vorhersehen können?

Hoffmann: Klar, man hätte auf jeden Fall sehen können, dass dort jemand auf dem möglichen Weg zu dieser Tat war. Der Fall war lehrbuchmäßig: Sebastian B. zeigte alle Indikatoren eines wahrscheinlichen Amokläufers, die man so kennt: Gewaltphantasien, Amok-Vorbilder, Hass auf sein Umfeld und die Gesellschaft, der finale Tunnelblick, das auslösende Moment.

SPIEGEL ONLINE: Wenn über längere Zeit jemand auffällig ist und kurz vor der Tat eine konkrete Kränkung hinzu kommt – dann folgt ein Amoklauf?

Hoffmann: Dieses Muster ist bei fast allen Fällen von geplanter Gewalt in Schulen zu finden. Für die Prävention bedeutet das: Bei solchen Menschen müssen wir genauer hinsehen, ob viele dieser Puzzleteile zusammen kommen und ob es wahrscheinlich ist, dass dieser Mensch diese Stufen durchlebt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Tat so offenkundig war, warum ist es trotzdem passiert?

Hoffmann: Das Problem ist: Der Eine bemerkt ein merkwürdiges Indiz, jemand anderem fällt etwas Komisches auf – nur jeder denkt: Na ja, wird schon nichts Schlimmes passieren. Es gibt keine zentralen Anlaufstellen, die beobachten, was eigentlich insgesamt passiert und sich um einzelne Fälle kümmern. Leute, die recherchieren, ob da jemand auf einem krisenhaften Weg ist und möglicherweise sich selbst oder anderen Gewalt antun kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll diese Aufgabe denn übernehmen?

Hoffmann: Erwachsene und Lehrer kriegen oft nicht genug mit. Fast immer aber wissen die "Peers", die Gleichaltrigen, über entscheidende Details Bescheid. Wir müssen von nun an Lehrer schulen, die Indikatoren für einen Amoklauf wahrzunehmen. Und man muss außerdem an Schulen ein Klima aufbauen, in dem Schüler jemandem Beobachtungen anvertrauen können, ohne dass gleich eine Hexenjagd nach dem "Amokläufer von morgen" ausgelöst wird. Ein solches System darf auch nicht dazu geeignet sein, Mitschüler zu diffamieren. Ansprechpartner könnten Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen sein.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn das Risiko eingehen, jemandem womöglich zu Unrecht einen so schrecklichen Plan wie einen Amoklauf zu unterstellen?

Hoffmann: Man darf natürlich nicht glauben, man könne ein demografisches Profil von Amokläufern erstellen. Damit würden wir viele unschuldige Leute verdächtigen und andere übersehen, die kurz davor stehen. Wir erstellen deshalb keine Stereotypen, sondern verhaltensorientierte Muster. Den Mythos vom Einzelgänger etwa sollte man vergessen. Es gibt natürlich die Gruppe der Gewalttäter am Rande der Gesellschaft, wahrscheinlich handelt es sich bei Amokläufern auch selten um Mitglieder des erfolgreichen Mainstreams. Aber es gibt durchaus Täter, die einen Freundeskreis und Beziehungen haben.

SPIEGEL ONLINE: Schiebt man den Schwarzen Peter damit nicht vom Täter zu dessen Umfeld?

Hoffmann: Nein. In Deutschland wird immer nach einem eindeutig Schuldigen gesucht. Das ist völlig kontraproduktiv und führt dazu, dass die Leute Angst haben, an solche Fälle ranzugehen. Man muss ein offenes, unvoreingenommenes Klima schaffen. Dazu gehört, sich etwa mit Gewaltdrohungen auseinanderzusetzen. Aber auch, mit dem betreffenden Schüler zu sprechen und zu recherchieren und Drohungen dann als das zu erkennen, was sie in den meisten Fällen sind: Ausbrüche im Affekt, im Streit. Die sind harmlos.

SPIEGEL ONLINE: Welche vorbeugenden Maßnahmen sollte man nun treffen?

Hoffmann: An unserem Institut für Psychologie und Sicherheit haben wir ein Präventionsprogramm entwickelt. Wir haben etwa den schulpsychologischen Dienst in Baden-Württemberg geschult und an einer Polizeiakademie in Freiburg, wo interdisziplinär gearbeitet wird. Als nächstes wollen wir nun schauen, ob sich auch bei Gewalttaten von Jugendlichen außerhalb der Schule konkrete Verhaltensmuster feststellen lassen.

Das Interview führte Carola Padtberg

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Internet-Videos: Selbstinszenierung eines Amokläufers

Social Networks