Geschichtsstunde bei der Kanzlerin: Mauer malen mit Frau Merkel

Vertretungsstunde mit Kanzlerin: "Sie können mich Frau Merkel nennen" Fotos
André Forner

Angela Merkel ist ein Kind der DDR, und darum gab sie für den "Spiesser" eine Vertretungsstunde in Geschichte. Mit Berliner Schülern sprach sie über die Unfreiheit in der "Sowjetischen Besatzungszone" und die Trennung von ihrem ersten Mann.

Die Tür geht auf, plötzlich ist sie da: Vollzeit-Bundeskanzlerin und Einmal-Vertretungslehrerin Angela Merkel. Eben hat sie sich noch durch die jubelnden Schüler vor dem Gebäude gekämpft, doch jetzt steht die eigentliche Herausforderung an: Die 25 Zwölftklässler des Leistungskurses Geschichte blicken ihr erwartungsvoll entgegen.

Merkel: Guten Tag! Man hat mir gesagt, als Erstes solle ich einmal meinen Namen an die Tafel schreiben, damit Sie wissen, wie man mich anspricht.

Die Bundeskanzlerin geht schnell die wenigen Schritte zur Tafel und schnörkelt ihren Namen an.

Merkel: Sie können "Frau Merkel" zu mir sagen. Wir machen heute Geschichtsunterricht, und es geht um den Mauerbau. Heute ist der 13. August, am 13. August 1961 ist die Mauer gebaut worden. 1961 war ich sieben Jahre alt. An seine Zeit als Siebenjährige hat man ja nicht so viele Erinnerungen; ich weiß nur, dass meine Eltern und alle unheimlich traurig waren. Nun wollen wir anfangen, indem Sie aufmalen, wo die Mauer überhaupt war. Wer hat Lust, hier vorne einmal auf der einen und einmal auf der anderen Karte zu zeichnen? Freiwillige vor!

Lea und Miriam trauen sich an die Tafel und zeichnen ihren "Da war die Mauer"-Tipp ein. Von Frau Merkel gibt es dafür ein "Guter-Versuch- Schmunzeln", als sie die Tafel aufklappt und so die Lösung freilegt.

Merkel: Na ja, hier im Westen haben wir noch eine kleine Ecke vergessen. Aber das macht einen sehr guten Eindruck. Können Sie sagen, warum die DDR sich zu diesem Mauerbau entschlossen hat? Bitte schön, Levon.

Levon: Ich habe das so gelernt, dass in den jeweiligen besetzten Vierteln, vor allem im sowjetisch besetzten Gebiet im Osten, viele Menschen - fast drei Millionen...

Merkel: Sowjetische Besatzungszone hat man das genannt.

Levon: Besatzungszone, ja - dass da fast drei Millionen Menschen in den Fünfzigern und auch schon vorher geflohen sind. Als das zunahm, wurde entschieden, eine Mauer zu errichten.

Merkel: Ja, die Fluchtbewegung ist immer stärker geworden. Und es war praktisch so, dass die innerdeutsche Grenze zwischen der sowjetischen Zone und den anderen drei Zonen schon etliche Jahre lang nicht mehr offen war. Dann hat man zu diesem äußersten Mittel gegriffen. War jemand von Ihnen schon einmal an der Gedenkstätte Bernauer Straße?

Laura: Wir waren in dem Turm drin.

Merkel: Das Interessante ist: Bernauer Straße, da waren die mutigsten Leute. Unter Einsatz des Lebens haben die Menschen dort in letzter Minute noch versucht, aus ihren Häusern zu springen. Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie damals auch gesprungen oder geflohen wären?

Tilmann: Ich glaube, das Leben wäre mir dann doch zu kostbar, als dass man das aufs Spiel setzt. Ich kann mir das eigentlich nicht richtig vorstellen.

Milena: Haben Sie es jemals versucht?

Merkel: Nein, ich habe es nicht versucht, weil auch ich Sorge hatte, also Angst. Aber ich habe sehr oft theoretisch mit meinen Eltern darüber gesprochen, denn für den Fall, dass es einmal ganz schlimm werden würde, konnte man ja auch einen Ausreiseantrag stellen. Ich kannte Leute, die zumindest Ausreiseanträge gestellt haben. Ich kannte persönlich niemanden, der in meiner Zeit selbst die Flucht geschafft hat. Was könnten Gründe dafür gewesen sein? Was war im Osten so viel schlechter, dass man einen Grund haben konnte zu sagen: "Ich setze mein Leben aufs Spiel"?

Max: Zum Beispiel, dass einfach alle Leute so extrem von der Staatssicherheit überwacht wurden.

Von der Seite kommt ein Kichern - von Kora. Das bleibt von der Vertretungslehrerin nicht unbemerkt.

Merkel: Sie haben eben so gelacht. Warum?

Kora: Nur wegen aktueller Sachen.

Merkel: Wegen der NSA? Na ja, nur damals war es so...

Kora unterbricht Frau Merkel hastig. Ihr scheint plötzlich wieder einzufallen, dass die Bundeskanzlerin vor ihr steht.

Kora: Sicherlich war das anders!

Merkel: Damals - ich wollte gerade den Unterschied nennen - war es so: Wenn der Vater etwas gemacht hat, dann durfte die Tochter schon nicht aufs Gymnasium gehen. Es wurde also die ganze Familie sozusagen in Sippenhaft genommen. Wenn man sich in der DDR geistig frei äußern wollte, seine Meinung sagen wollte, war es immer ein Ritt auf der Rasierklinge.

Martha: Gab es für Sie noch weitere Einschränkungen in der DDR oder eigentlich nicht?

Merkel: Doch, na klar! Durch diese Mauer und dann noch die innerdeutsche Grenze war unsere Reiserichtung total bestimmt. Dann ist man als Jugendlicher halt jedes Jahr mit dem Rucksack und einem Zelt gereist, und in den meisten Jahren habe ich die gleiche Tour - nach Prag, nach Bratislava - gemacht. In seinem Freundeskreis konnte man sich aber gut unterhalten, und man konnte sich auch mit den Kollegen unterhalten, aber wie man hinterher gesehen hat, hatte man in jeder Arbeitsgruppe mindestens einen Stasi-Spitzel, der alles aufgeschrieben hat - also mit wem man Mittagessen geht, wo man abends hingeht oder ob man irgendwelche Kirchenkontakte hat. Das wurde alles fein säuberlich aufgeführt. Es gab ein Klassenbuch, darin stand hinter dem Namen jedes Kindes, aus welcher Schicht oder Klasse die Eltern kommen. "A" stand für Arbeiterklasse, "I" für Intelligenz. Wenn wir eine Vertretungsstunde hatten, haben manche Lehrer gesagt - ich hieß damals Kasner: "Kasner, Angela, I, aufstehen! Was ist Ihr Vater? Jetzt stehen einmal alle auf, die zur Christenlehre gehen." Dann kommt wieder einer und fragt: "Was ist dein Vater?" "Pfarrer!" Einmal habe ich zu meiner Nachbarin gesagt: "Ach, ich bin wieder dran! Ob ich einfach Fahrer sage, damit er das nicht richtig mitkriegt?" Da hat meine Nachbarin gesagt: "Da steht doch 'I'. Es weiß doch jeder, dass das für Intelligenz steht." Na gut, dann habe ich wieder "Pfarrer" gesagt. Das war die Atmosphäre, weshalb manch einer gesagt hat: Ich kriege hier keine Luft mehr, ich muss hier raus.

Woran sieht man heute noch, ob man in Ost- oder in Westberlin ist?

Dario: Also möglicherweise an Gebäuden. Wenn man nach Ostberlin fährt, dann sagt man: Das ist typisch Ostbau.

Levon: Vielleicht sieht man es hin und wieder auch an den Wohnungen selbst. Man merkt oft, dass die eigenen Bedürfnisse der Umgebung angepasst werden und nicht anders herum. Also der Osten hat sich selbst so eingerichtet, wie die Umgebung es zugelassen hat.

Merkel: Zum Teil hing es ja auch davon ab, was man bekommen hat.

Angela Merkels Arme wirbeln beim Reden durch die Luft, die anfängliche Ich-hab-die-Hände-vor-der-Brust-ich-bin-eine-Kanzlerin-Haltung ist passé.

Merkel: Als ich mich von meinem ersten Mann getrennt habe, brauchte ich eine Wohnung. Da hat mir jemand den Tipp gegeben: in der Templiner Straße. Dann bin ich dort in die leerstehende Wohnung eingebrochen mit einem Schlüssel - nein, mit einem Schlüssel eben nicht. Ich habe das Schloss aufgebrochen. Als ich das erste Mal in die Wohnung komme und das Fenster in der Küche aufmache, schreit jemand aus einem anderen Teil des Hinterhauses: "Sind Sie jetzt die Neue?" Eines Tages fand ich in meinem Briefkasten einen Zettel: Alle müssen ausziehen und bekommen neue Wohnungen angeboten. So bin ich dann in die Schönhauser Allee 104 gekommen. Das war dann meine erste Wohnung mit Gasheizung und einem Bad.

Während Frau Merkel von ihren Einbruchtricks berichtet, lockert sich die Stimmung merk(e)lich auf.

Levon: In welchem Aufgang in der 104 haben Sie gewohnt?

Merkel: Haben Sie da auch gewohnt?

Levon: Ich wohne da immer noch.

Merkel: Gibt es da vorne noch einen Gemüseladen?

Levon: Nein, da gibt es einen Döner.

Merkel: Dann grüßen Sie mir einmal die 104. Wer merkt sonst noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Alex: Bei unserer Generation beziehungsweise bei mir ist es so, dass einen das Elternhaus so ein bisschen prägt. Meine Eltern sind halt totale... nicht totale Ossis, aber sie sind im Osten aufgewachsen und waren dann auch immer noch so ein bisschen geprägt gegen den Westen.

Merkel: Und woran macht sich das fest?

Alex: Bestimmte Äußerungen gegenüber Leuten aus dem Westen - zum Beispiel, dass sie eingebildet sind oder denken, sie wären etwas Besseres.

Merkel: Sonst noch Auffälligkeiten?

Max: Mir fällt noch etwas zum Verkehr ein. Mein Vater regt sich immer über die Ampelschaltungen auf, die im Osten sehr seltsam sind. Im Westen kann man einfach durchfahren.

Merkel: Eine "grüne Welle" sozusagen?

Max: Ja, genau.

Merkel: Das liegt vielleicht mehr am Stadtrat als am Osten.

Max: Vielleicht liegt es auch am Osten, dass die Ampeln immer eher rot sind.

Merkel: Spielt es in den Unterhaltungen zwischen Ihnen eine Rolle, woher die Eltern kommen, welche Lebenserfahrung sie haben?

Judith: Eigentlich betrifft uns das - meiner Meinung nach - überhaupt nicht mehr. Ich persönlich nehme das gar nicht mehr wahr, ob ich mich in Ostberlin oder in Westberlin befinde. Neulich hat mich einmal eine Frau darauf angesprochen, dass die Jugend von heute ja gar nicht mehr wisse, wo Ost und West gewesen ist. Wir wissen es schon noch. Aber es betrifft uns nicht mehr. Wir müssen uns ja nicht mehr wirklich Gedanken darüber machen. Denn glücklicherweise ist es vorbei.

Merkel: Glauben Sie, dass es wichtig ist, dass man sich damit noch beschäftigt? Oder ist das eher lästig?

Dario: Ich bin immer der Meinung, dass es wichtig ist, Sachen aufzuarbeiten, weil das ein Teil der Geschichte ist, die auch uns betrifft und das unser Hintergrund ist.

Lena: Man kommt ja gar nicht darum herum. Wir sind jetzt die Generation, deren Eltern das zum großen Teil miterlebt haben. Es ist doch klar, dass sie uns mit ihrem Gedankengut erziehen. Meine Mutter kommt zum Beispiel aus dem Osten, aber sie war damit total unglücklich. Sie erzieht mich jetzt natürlich so, dass ich mich darüber freue, dass die Mauer weg ist.

Merkel: Ich glaube, dass die Mauer weg ist, darüber sind fast alle froh - egal, ob sie den Westen oder den Osten gleichsam als Ideal gesehen haben. Es ist ja auch nicht so, dass wir heute in einer Welt leben, in der immer alles möglich ist. Bei uns ist manches sicherlich auch nicht einfach, aber insgesamt doch sehr viel besser als es zu Zeiten der DDR war. Gibt es noch eine Abschlussfrage an mich? Ich habe Sie jetzt einiges gefragt. Ich möchte jetzt nicht weggehen, und Sie sagen: "Ich habe die ganze Zeit noch etwas fragen wollen."

Uuuuuh, das war unvorsichtig. Jetzt wird losgeplaudert: über das Wohnen in der DDR und wie genau es Frau Merkel als Vertretungslehrerin an diese Schule verschlagen hat. Doch jede Vertretungsstunde geht zu Ende - diese mit einem letzten "Dann wünsche ich Ihnen am Ende dieses Jahres ein gutes Abitur" aus dem Mund von Frau Merkel, die sich auf kleinen Füßen aufmacht, um wieder die Bundeskanzlerin zu sein.

Von Milena Zwerenz für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Märchenstunde mit Tante Angie
RobPtrs 02.09.2013
Zitat von sysopAngela Merkel ist ein Kind der DDR, und darum gab sie für den "Spiesser" eine Vertretungsstunde in Geschichte. Mit Berliner Schülern sprach sie über die Unfreiheit in der "Sowjetische Besatzungszone" und die Trennung von ihrem ersten Mann. Angela Merkel in der Spiesser-Vertretungsstunde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/angela-merkel-in-der-spiesser-vertretungsstunde-a-919524.html)
Dass sie die millionenfache Überwachung ihrer eigenen Bürger relativiert ist erbärmlich.
2. Danke
meinmein 02.09.2013
Diese Frau ist ja sooo nett. Gut, dass sie Bundeskanzlerin bleibt!
3. Priviligierte Vergesserin....
danou 02.09.2013
Ha die Angelalala schon vergessen, dass sie während der DDR Zeit auch nach Hamburg reisen durfte? Insofern war sie durchaus priviligiert und tut nun so scheinheilig mitfühlend.... Einfach unglaubwürdig. Die Luft ist bei Ihr nach 8 Jahren raus, das Land braucht Veränderung!
4. schwache Geschichtsstunde
tomkey 02.09.2013
Zitat von sysopAngela Merkel ist ein Kind der DDR, und darum gab sie für den "Spiesser" eine Vertretungsstunde in Geschichte. Mit Berliner Schülern sprach sie über die Unfreiheit in der "Sowjetische Besatzungszone" und die Trennung von ihrem ersten Mann. Angela Merkel in der Spiesser-Vertretungsstunde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/angela-merkel-in-der-spiesser-vertretungsstunde-a-919524.html)
Die Frau saß beim Mauerfall in der Sauna. Außerdem tauchte sie erst im Wahlkampf/Dezember 1989 zur letzten Volkskammer im Dunstkreis des Stasi-Spitzel Wolfgang Schnur. Also als alles schon gegessen war bzw. der gefährliche Teil der Wende vorbei war. Vorher kannte man Merkel im Osten überhaupt nicht. Übrigens auch den heuten BP Gauck. Das sagt einiges überdie beiden aus. Eigentlich fehlt mal eine Aussage von Merkel zu ihrem UdSSR-Aufenthalt. Als Otto Normalverbruacher kam man nicht mal dort ohne Genehmigung hin, schneller kam man in die CSSR oder nach Ungarn. Und Merkel ist Pfarrerstochter, die vom System von vornherein geschnitten wurden. Das wäre eine bessere Geschichtsstunde geworden!
5.
alpenkraut 02.09.2013
Ich finde gut, dass hier jeder eine Chance bekommt. Frau Merkel zum Beispiel müsste doch allein aufgrund ihrer Herkunft mutmaßlich ungeeignet sein, die Interessen des typischen Durchschnittswestdeutschen zu vertreten...
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