Arme Lehrer: "Notfalls gehe ich putzen"

Von Merle Schmalenbach

Zweiklassengesellschaft im Schulbetrieb: Reiche Bundesländer werben armen mit Gehaltszuschlägen, Beamtenstatus und aggressiver Werbung die Pädagogen ab. Pech hat, wer bleibt und ein mageres Gehalt mit Nebenjobs aufbessern muss - etwa als Pizzabote für die eigenen Schüler.

Die verblüfften Blicke kennt er schon. Jörg Pohlers, 46, liefert Pizza aus, dreimal die Woche, zwischen 17 und 22 Uhr, für vier Euro pro Stunde; ein ganz normaler Nebenjob, eigentlich. Doch wenn er klingelt, passiert es regelmäßig, dass seine Kunden erst mal ungläubig staunen.

Denn Jörg Pohlers arbeitet als Technik-, Wirtschafts- und Sportlehrer in Leipzig, festangestellt, seit 20 Jahren. Als Pizzabote beliefert er häufig seine eigenen Schüler. Wie viele andere Lehrer in Sachsen hat er nur eine Teilzeitstelle. Weil im Osten die Geburtenzahlen einbrachen und die Schülerzahlen zurückgingen, machte das Bundesland Schulen dicht und verdonnerte viele Lehrer zur Teilzeit - was weniger Geld für den einzelnen Lehrer bedeutet. Auch deswegen streikten am Freitag wieder Tausende Lehrer im Osten: Rund 1000 sächsische Schulen waren laut Bildungsgewerkschaft GEW von dem Ausstand betroffen, von insgesamt 1400. Das Ziel: acht Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro mehr pro Monat.

Selten war der Markt für junge, flexible, leistungsbereite Lehrer so attraktiv. Die Bundesländer wetteifern heftig um fähige Pädagogen. In Kampagnen locken die Kultusminister mit besseren Arbeitsbedingungen, dem Beamtenstatus und vor allem mit mehr Geld. Wer nicht so flexibel ist, an seine Stadt gebunden oder an seine Familie, muss sich mit weniger Geld begnügen - oder sich einen Nebenjob suchen. Mit voller Wucht schlägt das Prinzip von Angebot und Nachfrage auf den Pädagogenmarkt durch.

Baden-Württemberg lockt mit sofortiger Verbeamtung

"Anfangs haben meine Schüler noch 'Pizza, Pizza' im Unterricht gerufen", sagt Pohlers. Doch das schreckt ihn nicht. Er brauche den Pizza-Job, sagt er: Das Ausliefern bringe ihm monatlich gut 200 Euro ein, plus 50 Euro Trinkgeld. Wieviel genau er als Lehrer verdient, will er öffentlich nicht sagen. Doch eins sei klar: Von seinem Lehrergehalt könne er die Raten für sein Haus nicht stemmen, geschweige denn die vierköpfige Familie ernähren. Doch umziehen in ein anderes Bundesland will der 46-Jährige trotzdem nicht, dafür sei seine Familie zu sehr in Leipzig verwurzelt. "Doch wer jung und unabhängig ist, sollte gehen", rät Pohlers.

Hessen, Hamburg und Baden-Württemberg bieten Lehrern mehr Geld als Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen. Die Süddeutschen locken mit sofortiger Verbeamtung und zahlen zum Beispiel einem 28-jährigen, verheirateten, kinderlosen Lehrer 3433 Euro brutto - davon bleibt einem Beamten eine ganze Menge. In Hessen winkt Lehrern die Verbeamtung bis zum 50. Lebensjahr, in Hamburg helfen Schulen neuen Kollegen bei der Suche nach einer Wohnung oder dem Kita-Platz.

Begehrt sind vor allem Lehrer, die Latein, Mathe, Chemie oder Physik unterrichten. Wer die falschen Fächer studiert hat oder an seine Stadt gebunden ist, fällt aus der Zielgruppe heraus. Manchen bleibt dann nur der Nebenjob als Alternative.

In Berlin sorgte ein junger Sportlehrer für Schlagzeilen: Der werdende Vater arbeitete sonntags nebenbei in einem Fitness-Studio, für 200 Euro im Monat, sein Lehrer-Gehalt von 1729 Euro netto reichte ihm nicht. Schließlich bewarb er sich weg, nach Baden-Württemberg. Die Berufsschule, an der er in Berlin unterrichtete, hätte den Mann gerne behalten, denn er sprach türkisch und hatte einen guten Draht zu seinen Schülern.

Berlins Bildungsbehörde: "So sexy waren wir doch nicht"

In der Hauptstadt bündeln sich die Probleme derzeit. Um zu sparen, verbeamtet Berlin seit Jahren keine Lehrer mehr. Weil Berlin eine attraktive Stadt ist, ging man davon aus, dass trotzdem genug junge, gute Lehrer hier arbeiten wollen. Doch seit dem Sommer sank die Zahl der Bewerber enorm, ein Mangel zeichnet sich ab in Fächern wie Mathematik und Chemie. "Berlin gilt als arm, aber sexy", sagt ein Sprecher des Bildungssenators, "aber so sexy waren wir am Ende dann doch nicht." Jetzt versucht es die hochverschuldete Stadt mit mehr Geld für die Berufseinsteiger: In Einzelfällen können sie bis zu 1200 Euro brutto mehr bekommen als bisher.

Denn die Konkurrenz wirbt offensiv: Baden-Württemberg etwa wildert - wie schon Hessen zuvor - in den anderen Bundesländern. Das Ländle schaltete Zeitungsanzeigen und ließ 500 Großplakate aufhängen: "Sehr guten Morgen, Herr Lehrer", stand dort, darunter die Aufforderung: "Jetzt bewerben" - und zwar in Baden-Württemberg. Die Kampagne soll im April wiederholt werden, sie kostet das Land 375.000 Euro.

Berlin versucht, den Wettkampf mit Humor zu nehmen. Als Karnevalsscherz zeigte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ein Plakat, auf dem zu lesen ist: "Hegel, Einstein, Sie. Wenn Schwaben etwas werden wollen, kommen sie nach Berlin."

Im Vergleich verdienen Lehrer noch immer gut

Grundschullehrerin Lore T.* kann darüber nicht lachen. Die junge Frau überlegt schon länger, Berlin zu verlassen. Sie ist alleinerziehende Mutter, verdient 1700 Euro netto. Durch einen Neuanfang bei den Schwaben könnte sie 800 Euro mehr verdienen, schätzt sie. Das Problem: Der Vater ihres Kindes lebt ihn Berlin. "Wenn ich umziehe, muss ich meinen Sohn von seinem Papa trennen", sagt sie. Deshalb überlegt sie, sich bald in Berlin einen Nebenjob zu suchen: "Am liebsten möchte ich im Fitness-Studio arbeiten, notfalls gehe ich putzen".

Doch verglichen mit anderen Jungakademikern stehen Lehrer ganz gut da. Berufseinsteiger verdienen nach dem Studium in der Regel deutlich weniger: ein Krankenhausarzt bekommt anfangs etwa 2750 Euro, ein Architekt etwa 3000 Euro - alles brutto, so ist es auf Portalen wie jobturbo.de nachzulesen.

Was Lehrer verdienen
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Was Lehrer verdienen

Auch in Sachsen zeigt sich, dass Lehrqualität und Lohntabelle nicht zwingend zusammenhängen. Das Bundesland belegte trotz magerer Lehrergehälter den Spitzenplatz im Pisa-Test. Doch das lässt Thomas Langer vom Philologenverband Sachsen nicht gelten. Natürlich könne auch ein ärmerer Lehrer sehr gut unterrichten, aber noch lieber wandere er ab: "Mehr Geld könnte helfen, den Schwund aufzuhalten und die Leistung noch weiter zu steigern." Das sächsische Kultusministerium wehrt ab: "Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse", sagt Sprecherin Annett Pabst. Auch Bildungsforscher sagen: Mehr Geld allein verbessert die Schulen nicht.

Lehrersprecher Langer glaubt jedoch: "Der Leidensdruck nimmt zu." Er könne spontan zehn Leute aus seinem Kollegium aufzählen, die nebenbei arbeiteten, etwa Kurse an Volkshochschulen leiteten. "Das gab's früher nicht", sagt er. Viele Lehrer würden zunehmend an den Rand gedrängt, das spüre er sogar am eigenen Leib: Von seinen etwa 1500 Euro netto könne er kaum etwas zurücklegen: "Die letzten Zahnarztbehandlung mussten meine Eltern zahlen", sagt der 34-jährige Gymnasiallehrer.

Regale einräumen, Baby sitten - Jobs für Referendare

Härter noch fühlen sich Sachsens Referendare getroffen, auch von ihnen arbeiten viele in Nebenjobs: "Sie räumen im Supermarkt Regale ein, sitten Babys, es gibt sogar einen Referendar, der als Türsteher arbeitet", sagt Langer.

Katja M.*, 24, zum Beispiel ernähre sich am Monatsende nur von Toastbrot, sagt sie. Sie ist Referendarin in Sachsen - und Hartz-IV-Empfängerin. Für ihre Arbeit an der Schule bekommt sie 776 Euro netto, davon bezahle sie auch Bücher und Kopien, sagt sie. Damit sie nicht in die Armut abrutsche, habe sie Hartz-IV beantragt, 187 Euro bekomme sie zusätzlich an Sozialleistungen. "Unglaublich ist das", sagt sie.

Viele ihrer Kollegen wollen nach dem zweiten Staatsexamen in ein reiches Bundesland wechseln. Für Katja M. scheidet diese Perspektive wohl aus: Sie unterrichtet Geschichte und Gemeinschaftskunde, das sind eher Ladenhüter.

Auch der Pizzabote Pohlers klingt resigniert: "Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich wohl etwas anderes studiert - obwohl ich den Beruf liebe", sagt er.

*Der Name ist der Redaktion bekannt.

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Forum - Bildung - Wettkampf der Länder um die besten Lehrer?
insgesamt 235 Beiträge
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1. Lehrer-"Mangel"
discipulus 19.07.2008
Zitat von sysopLehrer werden ist einfacher geworden: Der Mangel an Pädagogen bringt die Länder dazu, mit verschiedenen Mitteln um neue Lehrer zu werben. Eine gute Entwicklung in der Bildungslandschaft?
Verehrter sysop, mit Verlaub: Der tiefere Sinn dieses Topic erschließt sich mir nicht. Soll hier der x-te Thread zum Thema Lehrer-Bashing mit den altbekannten "Experten" aus der Troll-Liga oder aus der Wirtschaft eröffnet werden? http://tausendreporter.stern.de/story.php?title=Die-L%C3%A4nder-entlassen-im-Sommer-Tausende-Lehrer-%E2%80%93-um-sie-im-Herbst-wieder-einzustellen-1 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26704/1.html
2.
Peter-Freimann 20.07.2008
Zitat von discipulusVerehrter sysop, mit Verlaub: Der tiefere Sinn dieses Topic erschließt sich mir nicht. Soll hier der x-te Thread zum Thema Lehrer-Bashing mit den altbekannten "Experten" aus der Troll-Liga oder aus der Wirtschaft eröffnet werden? http://tausendreporter.stern.de/story.php?title=Die-L%C3%A4nder-entlassen-im-Sommer-Tausende-Lehrer-%E2%80%93-um-sie-im-Herbst-wieder-einzustellen-1 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26704/1.html
Es gehört schon eine Menge Chuzpe dazu, weniger Geld für die Bildung auszugeben und gleichzeitig die Kampagne zu inszenieren, die suggerieren soll, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Auf Kosten aller Beteiligten, besonders der Bildung und der Schüler, soll uns hier ein weiterer (Bambus)Bär aufgebunden werden.
3. Wettbewerb?
dickebank 20.07.2008
Zitat von Peter-FreimannEs gehört schon eine Menge Chuzpe dazu, weniger Geld für die Bildung auszugeben und gleichzeitig die Kampagne zu inszenieren, die suggerieren soll, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Auf Kosten aller Beteiligten, besonders der Bildung und der Schüler, soll uns hier ein weiterer (Bambus)Bär aufgebunden werden.
Wieso weniger Geld? Hessen beliebt es im SekI-Bereich LAA (Lehramt GHR) aus NRW mit dem Versprechen auf eine A13-Stelle zu übernehmen. Ferner weiten einige Bundesländer die Altersobergrenze für die Verbeamtung aus. Also kostspielige Instrumente gibt es eine ganze Menge. Nur das Grundübel kann nicht gelöst werden, es gibt zu wenig LAAs für bestimmte Fächer, obwohl die Stundentafeln schon bis zum "geht nicht mehr" optimiert worden sind.
4.
namlob 20.07.2008
Zitat von dickebankWieso weniger Geld? Hessen beliebt es im SekI-Bereich LAA (Lehramt GHR) aus NRW mit dem Versprechen auf eine A13-Stelle zu übernehmen. Ferner weiten einige Bundesländer die Altersobergrenze für die Verbeamtung aus. Also kostspielige Instrumente gibt es eine ganze Menge. Nur das Grundübel kann nicht gelöst werden, es gibt zu wenig LAAs für bestimmte Fächer, obwohl die Stundentafeln schon bis zum "geht nicht mehr" optimiert worden sind.
Wie will man z.B.: Lehrer für die naturwissenschaftlichen Fächer gewinnen, wenn diese Fächer schon auf der Schule von den "Geistenwissenschaftlern" abfällig angesprochen werden. In Hessen meinte die früheren Kultusministerin ja schon, Creationismus (Mythenkunde) müsse im Biologieunterricht "behandelt" werden. Die Schüler "saugen" dies auf und gehen, wenn sie schon Naturwissenschaften studieren lieber in die von den Lehrern geschmähte "Wirtschaft". (Der Mangel von Religionslehrern ist wohl eher zu Verschmerzen)
5. Naturwissenschaften in der Schule: Fachidiotie!
discipulus 20.07.2008
Zitat von namlobWie will man z.B.: Lehrer für die naturwissenschaftlichen Fächer gewinnen, wenn diese Fächer schon auf der Schule von den "Geistenwissenschaftlern" abfällig angesprochen werden. In Hessen meinte die früheren Kultusministerin ja schon, Creationismus (Mythenkunde) müsse im Biologieunterricht "behandelt" werden. Die Schüler "saugen" dies auf und gehen, wenn sie schon Naturwissenschaften studieren lieber in die von den Lehrern geschmähte "Wirtschaft". (Der Mangel von Religionslehrern ist wohl eher zu Verschmerzen)
Sehr geehrter namlob, Ihre Argumentation erscheint mir statisch, ja geradezu historisch. Es ist doch nicht der Fachlehrer für naturwissenschaftliche Fächer, der für unsere Schulen zu gewinnen ist: Fachidioten sind dort wahrhaftig in Überzahl vertreten. Leitbild ist doch eher der fachignorante Coach, Lernbegleiter und Moderator nach den Erkenntnissen des ganz Großen Lehrerbildners Struck: http://www.studienseminare-ge-gym.nrw.de/re/Deutsch/Seifert/Polemik.htm
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