Auffällige Jugendliche: Wohin mit wilden Schülern?

Von Nina Braun

Michael, 12, gilt als auffällig, prügelt sich oft. Als er seinen Lehrern zu anstrengend wird, schließen sie ihn vom Unterricht aus. Damit verstoßen sie gegen geltendes Recht: Förderbedürftige sollen gemeinsam mit anderen Kindern lernen. Die Umsetzung in der Praxis ist ein harter Kampf.

Verhaltensauffälige Schüler: Grenzen der Integration Fotos
Nina Braun

Wenn sich vor Michael* Hindernisse aufbauen, schlägt er um sich. Seine Mitschüler hatten das schnell raus. Sie nannten ihn "Dumpfbacke", hänselten ihn, provozierten und verfolgten ihn nach der Schule. Michael prügelte sich häufig.

Michael gilt als hyperaktiv, die Diagnose lautet ADHS. Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADS) oder auch Aufmerksamkeitsdefizit mit Hyperaktivitätsstörung (ADHS) fällt es schwer, sich zu konzentrieren, manchmal werden sie aggressiv. Einen eindeutigen Test, um ADHS zu diagnostizieren, gibt es nicht. In Deutschland tritt es - je nach Schätzung - bei zwei bis sechs Prozent der Kinder auf. Immer wieder heißt es, ADHS sei nur eine Modekrankheit.

In den Augen der Lehrer ist Michael der Täter, sagt seine Mutter. Der Gymnasiast ist ein Störenfried, gibt sie zu, aber auch ein intelligenter Junge, der stundenlang aus dem Kopf Star-Wars-Raumschiffe mit Legosteinen nachbaut.

Michael hat, wie es im Jugendhilfe-Deutsch heißt, sonderpädagogischen Förderbedarf. Kinder wie er sollen künftig mit allen anderen Kindern gemeinsam zur Schule gehen, dazu hat sich Deutschland mit der Uno-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Das gemeinsame Lernen sei vorteilhaft für die soziale und fachliche Entwicklung von allen Kindern, sagen Experten. In Deutschland ist davon bislang wenig zu spüren.

Von einer Jugendhilfe-Einrichtung zur nächsten

Das Leben mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist kompliziert. Michaels bisheriger Lebensweg klingt, obwohl er erst zwölf Jahre alt ist, wie eine Odyssee durch den Jugendhilfe-Dschungel: Er hat Einzelunterricht bekommen, eine stationäre Psychotherapie besucht, er hat mit seinen Eltern eine Familientherapie gemacht und allein mehrere Verhaltenstherapien. Dort lernte er beispielsweise, dass er den Provokationen seiner Mitschüler aus dem Weg gehen soll. Das klappte mehr schlecht als recht. Michael zog sich immer mehr zurück.

Im Mai 2011 verletzte er einen Mitschüler im Sportunterricht mit einem Badmintonschläger. Ein Versehen, sagte Michael. Die Schule glaubte ihm nicht und schloss ihn vom Unterricht aus.

Michaels Eltern wussten nicht weiter, fühlten sich von den Lehrern allein gelassen. Die Schule will nichts zu dem Fall sagen. Sie äußere sich aus Datenschutzgründen nicht zu einzelnen Kindern, teilt die Schulleitung mit. Gerlinde Bieker, als Schulaufsichtsbeamtin bei der Stadt Münster verantwortlich für Förderschulen, erklärt allgemein: "Als Ordnungsmaßnahme ist ein Ausschluss von der Schule für bis zu vier Wochen möglich. Es müssen aber anschließend Alternativen angeboten werden." Das sei nicht geschehen, sagt Michaels Mutter.

Gymnasien sind besonders schlecht vorbereitet

Zweifellos ist es nicht einfach, Kinder wie Michael in der Klasse zu haben - für Lehrer nicht, auch nicht für Mitschüler. Lisa Leifheit vom Selbsthilfeverein Selbstständigkeitshilfe bei Teilleistungsschwächen (SetH) in Münster kennt viele solcher Fälle. "Es gibt Hilfemöglichkeiten für Lehrer und Eltern, etwa Sozialpädagogen", sagt sie. "Häufig sind Schulen aber überfordert und nutzen diese Möglichkeiten nicht."

Gymnasien seien im Gegensatz zu Hauptschulen besonders schlecht auf verhaltensauffällige Schüler vorbereitet. Leifheit berät Eltern, deren Kinder etwa Autisten sind, Hochbegabte oder Legastheniker und deshalb die Schwierigkeiten in der Schule haben. Gerade hat sie eine Familie unterstützt, deren Sohn Autist ist und der wie Michael Disziplinprobleme in seiner Realschule hatte. Die Eltern hatten ihren Sohn auf einer Privatschule mit Kleingruppenunterricht angemeldet. Jetzt hat ein Gericht entschieden, dass die Hälfte des Aufenthalts dort von der Stadt Münster übernommen werden muss, weil sie zur Hilfe verpflichtet ist.

Eine Familienhelferin der Caritas machte Michaels Eltern Ende Mai 2011 neue Hoffnung. Sie brachte sie auf die Idee, Einzelunterricht zu beantragen. Das heißt, in den folgenden Monaten fuhr Michaels Mutter den Jungen dreimal pro Woche für jeweils zwei Stunden in ein Gymnasium, dort bekam er Unterricht in den Hauptfächern. Das reichte gerade so aus, um den Anschluss nicht völlig zu verpassen. "Ich hatte den Eindruck, die Lehrer wussten nicht mehr weiter", sagt die Mutter.

Intensivbetreuung zeigt Erfolg

Dann kommt doch noch ein Angebot von städtischer Seite. Seit Oktober lernt Michael in einer Kleingruppe, ein neues Projekt der Stadt Münster. Es sei eine Reaktion auf ein Urteil vom Oberverwaltungsgericht NRW aus dem Jahr 2009, sagt Schulaufsichtsbeamtin Bieker. Eltern eines Jungen mit Asperger-Syndrom hatten damals erstritten, dass ihnen die Kosten für den Besuch einer privaten Schule erstattet werden müssen. Sie hatten für ihren Sohn keine städtische Schule gefunden, die ihn angemessen fördert. Auch Realschulen und Gymnasien müssten verhaltensauffällige Kinder mit der entsprechenden Empfehlung integrieren, hielten die Richter in ihrem Urteil fest. Bisher wurden diese Kinder eher in Förderschulen oder - in Ausnahmefällen - in Internaten untergebracht.

"Als Michael hier ankam, machte er einen depressiven Eindruck", sagt Norbert Hartmann, der den Zwölfjährigen jetzt betreut. Der Anfang war schwer: Als es mit seinen drei Mitschülern zu einem Streit kam, versteckte Michael sich in einem Schrank. Hartmann fand ihn und päppelt seitdem sein Selbstbewusstsein. Der Sonderpädagoge betreut in dem Projekt gemeinsam mit einer Kollegin insgesamt vier Kinder. Zusätzlich kommen stundenweise Lehrer für den Fachunterricht.

Hartmann unterstützt Michael dabei, seine Stärken wieder zu entdecken. Er sitzt mit im Unterricht, spielt mit ihm Frisbee und geht Skateboard fahren. Hartmanns Intensivbetreuung zeigt Erfolg: Ihr Sohn habe wieder Spaß an der Schule und mache jeden Tag freiwillig seine Hausaufgaben, sagt seine Mutter.

Leifheit findet das Projekt sinnvoll, auch wenn es nicht dem Ideal des gemeinsamen Unterrichts, der Inklusion, entspricht: "Ich glaube nicht daran, dass man im gemeinsamen Unterricht immer allen gerecht werden kann." Schulaufsichtsbeamtin Bieker sieht es ähnlich: "Man kann keine Wunder vollbringen. Manchmal muss vorübergehend ein Kind aus der Klasse genommen werden, damit es nicht völlig scheitert."

Dass die Schulen für den gemeinsamen Unterricht von auffälligen und nicht-auffälligen Schülern noch nicht optimal aufgestellt sind, räumt auch Bieker ein. Deutschland stehe am Anfang, man brauche mehr Zeit: "Der Schüler muss den Umgang mit seinen Verhaltensweisen lernen, die Schule muss aber auch den Umgang mit diesen Schülern lernen."

In einigen Monaten soll Michael wieder an sein Gymnasium zurückkehren, zum normalen Schulalltag. Michaels Mutter ist skeptisch, ob das ihrem Sohn hilft. Viele Lehrer hätten bisher im Umgang mit ihrem Kind eher überheblich gewirkt. Sie mache sich Sorgen, dass ihr Sohn an einer normalen Schule wieder untergeht und alles von vorne losgeht, sagt sie.

* Name von der Redaktion geändert

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Fakten zu Förderschulen
Die Schüler
In Deutschland hat nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit nahezu eine halbe Million Schüler einen diagnostizierten, sonderpädagogischen Förderbedarf. Davon besuchen über 400.000 Schüler spezielle, eigens auf ihren Förderbedarf zugeschnittene Förderschulen. Weitere 85.000 Schüler lernen mit Gleichaltrigen an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht.
Die Bundesländer
Zwischen den Bundesländern gibt es starke Unterschiede. In Rheinland-Pfalz besuchen 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 10,9 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Ein anderer Blick auf die Unterschiede: Von den Schülern mit festgestelltem Förderbedarf besuchten in Bremen schon vor der Einrichtung der Inklusionsklassen 45 Prozent allgemeine Schulen, in Niedersachsen jedoch nur fünf Prozent.
Die Ausgaben
Für Förderschulen entstehen laut Bertelsmann Stiftung bundesweit jährlich 2,6 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben, nämlich für zusätzliche Lehrkräfte. Davon entfallen rund 800 Millionen Euro auf die 180.000 Schüler mit Förderschwerpunkt Lernen; die übrigen 1,8 Milliarden Euro fließen in die Förderung von 221.000 Schülern mit anderen Förderschwerpunkten.
Die Uno-Konvention
Deutschland gehört zu den Vertragsstaaten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 1. Januar 2009 rechtskräftig ist. Artikel 24 fordert für behinderte Menschen in der deutschen Übersetzung "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen". In der englischen und rechtlich entscheidenden Fassung wird allerdings ein "inclusive education system" gefordert - die deutschen Bürokraten operierten das Wort "inklusiv" bei der Übersetzung heraus.

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