Mein erstes Mal: Rahim, 19, kämpft sich von der Hauptschule zum Gymnasium

Was für eine Schulkarriere: Rahim Hamidi schaffte es von der Hauptschule zur Realschule und schließlich aufs Gymnasium. Nun ist er der erste Abiturient in seiner Familie - auch weil seine Freundin mit ihm nächtelang gebüffelt hat.

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Von der Hauptschule auf das Gymnasium: Rahim Hamidi studiert jetzt Mathematik

"In der Grundschule war ich ein mittelmäßiger Schüler. Ich habe oft an andere Dinge gedacht. In Mathe und Deutsch waren meine Noten geradezu katastrophal. Meine Lehrer haben mir darum empfohlen, die Hauptschule zu besuchen. Ich war damit ziemlich zufrieden, weil der Großteil meiner Freunde dorthin ging.

Ich habe mir erst spät Gedanken darüber gemacht, was nach der Schule kommt, welche Chancen mir mein Schulabschluss bieten würde. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich es mit Abitur und Studium später im Berufsleben leichter haben würde. Glücklicherweise waren meine Noten gut genug und ich konnte auf den Realschulzweig meiner Hauptschule wechseln.

Zunächst wollte ich nach dem Realschulabschluss Mediendesigner werden. Aber meine Bewerbung wurde abgelehnt, im Nachhinein war das vielleicht auch Glück. Ein Freund sagte mir dann, dass es an dem Wirtschaftsgymnasium, an dem er sich gerade eingeschrieben hatte, noch freie Plätze gab. Wirtschaftsgymnasium? Warum nicht. Einige meiner Lehrer an der Hauptschule hatten schon von Schülern erzählt, denen der Sprung gelungen war.

Auf dem Wirtschaftsgymnasium wurde ich sofort angenommen, es gab keine Zulassungsbeschränkung. Doch schon nach sechs Monaten wurde mir klar, dass ich es lieber auf einem regulären Gymnasium versuchen wollte. Die Lehrer vom Wirtschaftsgymnasium rieten mir jedoch ab: Ich sei zu schlecht in Sprachen, auf dem Wirtschaftsgymnasium lege man mehr Wert auf Mathematik und das sei doch meine Stärke. Zum Glück habe ich nicht auf sie gehört.

Die erste Zeit am Gymnasium war nicht einfach. Unfreundlich war niemand, aber viele meiner Mitschüler waren zurückhaltend, es war nicht einfach Freunde zu finden. In den ersten Monaten blieb ich daher meist alleine. In den Sommerferien lernte ich dann durch Zufall ein paar Leute aus meiner Stufe kennen, mit denen ich viel unternahm. Als das neue Schuljahr begann, war ich integriert.

Ich stieg wieder in die elfte Klasse ein, denn ich hatte ja vor den Ferien nur ein halbes Schuljahr mitgemacht. Durch meinen Wechsel auf das Gymnasium habe ich also letztendlich ein ganzes Schuljahr verloren. Bereut habe ich die Entscheidung trotzdem nie.

Der fleißigste Schüler war ich bis zum Ende nicht

Ehrlich gesagt, habe ich mir nie allzu viele Gedanken gemacht, ob ich es schaffen kann oder nicht. Ich bin kein Grüblertyp, sondern probiere Dinge aus. Einfach war es nicht. Ich musste feststellen, dass der Anspruch am Gymnasium ein vollkommen anderer ist. Viele grundlegende Dinge konnte ich nicht, wie beispielsweise eine Rede analysieren oder einen Sachtext. Meine Mitschüler hatten das schon im fünften und sechsten Schuljahr gelernt. Mir war das vollkommen unbekannt.

In der gesamten Oberstufenzeit wurde ich aber von vielen Seiten unterstützt. Meine Freundin, die ich am Gymnasium kennengelernt habe, hat mit mir vieles aufgearbeitet. Der Einsatz hat sich gelohnt. Von einer Fünf in Deutsch konnte ich mich auf eine Vier verbessern. Zwischendurch habe ich sogar einmal eine Zwei geschrieben.

Viele Lehrer wussten bis zum Schluss nicht, dass ich den Sprung von der Hauptschule aufs Gymnasium geschafft habe. Der fleißigste Schüler war ich zugegebenermaßen bis zum Ende nicht. Trotzdem hatte ich einen Abischnitt von 2,6.

Ich bin der Erste in meiner Familie mit Abitur. Das ist ein schönes Gefühl. Vor allem meine Eltern sind stolz auf mich. Aber sie haben mich nie unter Druck gesetzt. Im Gegenteil: Sie haben immer gesagt, dass ich es einfach ausprobieren soll. Aber ich hätte aufhören können, sobald ich das Gefühl hätte, dass es nicht klappt. Nur zum Lernen mussten meine Eltern mich manchmal drängen. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar, denn es hat sich gelohnt. Gerade habe ich mit meinem Mathematikstudium an der Universität in Köln begonnen."

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

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