Aus für die Schreibschrift: Schnörkel-Luxus oder Kulturgut?

Hier ein Köpfchen, dort ein Schleifchen - das war einmal: An vielen Schulen verschwindet die gute, alte Schreibschrift. Recht so, sagt der Didaktiker Hans Brügelmann, Schönschreiben gehört in die Kunststunde. Die Schreibtrainerin Ute Andresen hält dagegen: Es droht ein Kulturverfall.

Auf dem Weg zum Schriftbild: Bislang lernen Kinder erst Druck- und dann Schreibschrift Zur Großansicht
AP

Auf dem Weg zum Schriftbild: Bislang lernen Kinder erst Druck- und dann Schreibschrift

PRO

Hans Brügelmann, Grundschul-
didaktiker aus Siegen

Für ein Ende der standardisierten Schreibschrift

In Hamburg wird also die Schreibschrift abgeschafft und den Schulen dafür eine neue Schrift aufgezwungen? Das ist Unsinn! Warum informieren sich die Leute nicht, bevor sie lospoltern und das Ende des Abendlandes beschwören?

Hamburger Schulen wollen den Kindern den Weg zur persönlichen Handschrift erleichtern. Dazu wird ein Angebot des Grundschulverbands, in dem ich das Fachreferat für Qualitätsentwicklung leite, aufgegriffen: die Grundschrift (Schrift-Beispiele hier). Sie zielt auf eine gut lesbare Gebrauchsschrift. Auch ihre Buchstaben können beim Schreiben verbunden werden. Die ästhetische Gestaltung eines Textes ist eine andere Aufgabe. Schön in diesem Sinne schreibt man ein Gedicht, einen besonderen Brief, das Deckblatt für eine eigene Geschichte. Aber nicht einen Bericht, ein Protokoll, einen Urlaubsbrief. Und das schon seit langem – aber trotz Handschriftlehrgang leider oft mit einer verkrampften Hand und nicht formklar.

Kinder lernen drei Schriften, das muss nicht sein

Bis heute lernen Kinder vielerorts drei Schriften nacheinander. Sie starten mit der Druckschrift, die das Lesen- und das Schreibenlernen durch ihre deutliche Gliederung erheblich erleichtert. Kinder sehen sie im Alltag überall, sie ist ihnen schon vor der Schule vertraut. Zudem entlastet es die Feinmotorik, die Buchstaben aus wenigen Strichen und Bögen zu bauen.

Danach mussten sich die Kinder bisher noch eine verbundene Normschrift, landläufig Schreibschrift genannt, aneignen. In Hamburg ist es die Schulausgangschrift, andernorts etwa Lateinische Ausgangsschrift. Mit Schleifen-s und Köpfchen-e sieht sie anders aus als die Druckschrift und erfordert andere Bewegungsabläufe.

Sitzt die Schreibschrift, sollen Schüler eine eigene, eine persönliche Handschrift entwickeln. Dafür erhalten sie momentan allerdings kaum Unterstützung durch die Schule. Wie wenig bei diesem letzten Schritt schließlich von der Schreibschrift übrig bleibt, überprüfe jeder Erwachsene bitte an seiner eigenen Handschrift.

Die Kinder lernen also dreimal hintereinander schreiben. Dem soll unsere Grundschrift abhelfen. Sie spart Zeit, die dann für das Ausformen der eigenen Schrift genutzt werden kann. Dass Kinder lernen, nicht nur lesbar, sondern auch flüssig zu schreiben, bleibt also ein wichtiges Ziel. Wie in Ländern eben, die gar keine Schreibschrift kennen, etwa den USA. Dort schreiben Erwachsene eine durch kleine Übergangsstriche mehr oder weniger verbundene Schrift.

Wichtiger ist flüssiges Schreiben auf der Tastatur

Um das schnelle Schreiben zu ermöglichen, ist es tatsächlich hilfreich, Wörter mit Schwung aufs Blatt zu bringen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Buchstaben eines Wortes auch auf dem Papier sichtbar verbunden sein müssen. Luftsprünge finden sich in jeder ausgeschriebenen Handschrift. Andernfalls muss man komplizierte Übergänge konstruieren, die Drehrichtung der Bewegung wechseln und diese damit bremsen. Wie man das beim schnellen Schreiben vermeidet, zeigt die Neigung vieler erwachsener Schreiber, "u", "n" und "m" hinzuwischen. Für die Lesbarkeit nicht immer hilfreich.

Die Grundschrift unseres Verbandes vermeidet den Umweg über die verbundene Schreibschrift. Sie ist eine mit der Hand geschriebene Druckschrift, deren Buchstaben bereits Ansätze für Verbindungen enthalten. Aus diesen quasi gedruckten Buchstaben entwickeln die Kinder ihre persönliche verbundene Handschrift. Aber anders als im Unterricht vielerorts der Fall, will der Grundschulverband die Kinder an diesem Punkt nicht allein lassen.

Bisher wird so getan, als hätten die Kinder mit der Schreibschrift eine tragfähige Grundlage für die Entwicklung ihrer persönlichen Handschrift. Die Probleme in den weiterführenden Schulen und danach zeigen, dass das nicht der Fall ist. Mit der Grundschrift gewinnt die Schule Zeit und Hilfen, um die Kinder zu unterstützen. Lehrerinnen und Lehrern, denen die ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten der Schrift wichtig sind, können geschwungene Schriften auch gern im Kunstunterricht entwickeln. Für die heutige Zeit ist aber wichtiger: Schulen sollten sich später auf jeden Fall darum kümmern, dass alle Kinder lernen, flüssig auf einer Tastatur zu schreiben.

Hans Brügelmann, Jahrgang 1946, ist Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik und Fachreferent im Grundschulverband, die unter anderem für die neue Grundschrift streitet, die es nun in Hamburg gibt.

CONTRA

Ute Andresen, Schreib-
trainerin aus München

Gegen ein Ende der standardisierten Schreibschrift

"Wozu noch Schwimmunterricht? Hundepaddeln genügt doch: Der Kopf bleibt über Wasser und voran kommt man auch!" So ähnlich argumentiert der vermeintliche Fortschritt, wenn es um den Schreibunterricht für Grundschulkinder geht.

Der Grundschulverband behauptet, die Schreibschrift sei mühsam zu erlernen und geradezu eine zweite Schrift. Richtig! Jedoch nur, wenn Kinder Druckschrift in beliebiger Schreibweise eingeübt haben. So ist es üblich beim eigenaktiven Schriftspracherwerb. Den setzt der Grundschulverband als Methode voraus. Eine Schreibschrift nach Vorbild ist damit nicht vereinbar, denn die eigenwillige Schreibweise von Buchstaben haftet zäh und ist nur mit äußerster Mühe zu überwinden. Darum sollen nun alle Kinder ihre Schrift selbst gestalten, angelehnt an eine Grundschrift. Das Ergebnis wird als "persönliche Handschrift" geadelt, auch wenn es nur unbeholfen ist. So wird Schriftkultur untergraben. (Schrift-Beispiele hier)

Wer Kinder mit der Grundschrift auf die Freiheit verpflichtet, sich Buchstaben und deren Verbindung weitgehend selbst beizubringen, macht sie zu Versuchskaninchen. Eltern, die dabei Fehlentwicklungen beobachten und eingreifen möchten, entmündigt man mit einer ihnen unbekannten Methode. Und der Übergang in eine Schule, in der man Schreibschrift schreibt, wird schwieriger.

Die neuen Bundesländer schreiben noch heute schöner

Das ferne Ziel traditionellen Schriftunterrichts ist eine mühelos und elegant geschriebene Handschrift. Das Individuum soll sich in ihr zeigen und spiegeln, sich seiner selbst vergewissern können. In einer Schrift, die der Aussage des Textes dient. Es beginnt mit großen und kleinen Druckbuchstaben. Wer angeleitet wird, die von Anfang an verbindungsgünstig zu schreiben, für den ist später die Schreibschrift nur eine Verflüssigung des Gewohnten, plausibel und leicht lernbar. Auch abwechselnd mit Druckschrift zu schreiben. Und ganz allmählich beginnt sich dann eine persönliche, anpassungsfähige Handschrift zu entwickeln.

"Schrift und insbesondere Handschrift sind Teil der Identität", schreibt der bekannte Sprachwissenschaftler Harald Haarmann, Autor des Buches "Geschichte der Schrift". Er urteilt: "Wenn Schönschrift nicht mehr unterrichtet wird, verwehrt man dem Individuum den Zugang zur Identitätsfindung." Mit "Handschrift" und "Schönschrift" ist fließend verbundene Schreibschrift gemeint.

Schönschreibunterricht wurde im Westen längst abgeschafft. In der ehemaligen DDR gab es ihn bis 1989. Dort schreibt man heute noch schöner und lesbarer als in westlichen Bundesländern. Guter Schriftunterricht quält nicht, er ist ein Glück für die Lernenden und heute noch möglich. Er ist aber selten geworden, weil die Lehrerausbildung ihn nicht mehr vorsieht.

Sind Formen und Verbindungen einer Handschrift zu eigenwillig, kann man damit nichts kommunizieren oder dokumentieren und auch keine Prüfungen bestehen. Darum gibt es normierte Schreibschriften, sogenannte Ausgangsschriften. Sie geben, geduldig eingeübt, dem flüssigen Schreiben eine stabile Grundlage. Bewährt haben sich die Lateinische Ausgangsschrift (LA) und die Schulausgangsschrift (SAS). Sie bleiben auch in individueller Vereinfachung allgemein lesbar.

Besonders schadet auch die Ignoranz

Die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) aber ist eine Hauptursache des Schriftverfalls. Sie ist eher ruckweise als flüssig zu schreiben und provoziert Verformungen bis zur Unleserlichkeit. Dabei wurde sie durchgesetzt als Fortschritt, der das Schreiben der Kinder erleichtert und verbessert. Und zwar von eben dem Verband, der jetzt mit der Grundschrift dem Schriftverfall abhelfen will. Wieder verspricht er Erleichterung, ohne aber vorab sein altes Projekt und dessen böse Folgen zu analysieren. Das ist verantwortungslos.

Keine Wertschätzung guter Handschriften, kein achtsames Schreiben, gehetztes Abschreiben von der Tafel und Lückenfüllen in Vorgedrucktem – auch das trägt zum Schriftverfall bei. Besonders verhängnisvoll ist obendrein die Ignoranz: Man weiß nicht, was Schreibanfänger erkennen und was sie entscheiden können. Man kennt die Bedingungen motorischen Lernens nicht. Man hat vergessen, was und wie geübt werden muss.

Harald Haarmann beendet sein Buch zur Geschichte der Schrift mit einer Warnung: Die sekundäre - digitale - Schriftlichkeit emanzipiert die Massen der Analphabeten nicht. Sie "macht lediglich eine spezialisierte Informationstechnologie für diejenigen nutzbar, die ohnehin im Milieu der traditionellen Schriftlichkeit leben".

Die Grundschule als Schule für alle Kinder muss dafür sorgen, dass sie frühzeitig die Voraussetzung für Teilhabe an diesem Milieu erwerben – und zwar alle Kinder. Wer mittels Grundschrift und Verbannung der Schreibschrift die Ansprüche herabsetzt, erreicht das Gegenteil.

Ute Andresen, Jahrgang 1940, ist heute freiberufliche Schreiblehrerin und war Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben. Als Grundschullehrerin arbeitete sie 38 Jahre in der Schule und an Universitäten. Sie verfasst für Kinder und Erwachsene Artikel, Bücher, Radiosendungen und entwickelt Konzepte und Materialien für Unterricht und Fortbildung, zu finden unter www.atelier-fuer-unterricht.de und www.atelier-fuer-unterricht.de.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 565 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. oooo
inci 04.07.2011
Zitat von sysopHier ein Köpfchen, dort ein Schleifchen -*das war einmal: An vielen Schulen verschwindet die gute, alte Schreibschrift. Recht so, sagt der Didaktiker Hans Brügelmann, Schönschreiben gehört in die Kunststunde. Die Schreibtrainerin Ute Andresen hält dagegen: Es droht*ein*Kulturverfall. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,771875,00.html
warum so zögerlich? die kinder sollten gleich lernen, nur auf einer tastatur zu schreiben. handschrift ist so was von gestern und individualtiät sowieso das letzte. individualität führt im schlimmsten fall zu denkenden individuen, das letzte was auf dieser welt gebraucht wird. wer sarkasmus findet - bitte im fundbüro neben dem friseur in der 1. etage abgeben!
2. Wer stoppt den Irrweg?
Hardliner 1, 04.07.2011
Zitat von sysopHier ein Köpfchen, dort ein Schleifchen -*das war einmal: An vielen Schulen verschwindet die gute, alte Schreibschrift. Recht so, sagt der Didaktiker Hans Brügelmann, Schönschreiben gehört in die Kunststunde. Die Schreibtrainerin Ute Andresen hält dagegen: Es droht*ein*Kulturverfall. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,771875,00.html
Auf für Schreibschrift, aus für Schulnoten, aus für Sitzenbleiben, wer stoppt diesen Irrweg in Richtung Analphabetismus und Bildungsferne?
3. Gute Nacht, Deutschland
catalina67 04.07.2011
Zitat von sysopHier ein Köpfchen, dort ein Schleifchen -*das war einmal: An vielen Schulen verschwindet die gute, alte Schreibschrift. Recht so, sagt der Didaktiker Hans Brügelmann, Schönschreiben gehört in die Kunststunde. Die Schreibtrainerin Ute Andresen hält dagegen: Es droht*ein*Kulturverfall. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,771875,00.html
Schreiben, Lesen und Rechnen sollte nur noch an Privatschulen gelehrt werden.
4.
x3Ray 04.07.2011
Was ist so schlimm daran, etwas (überspitzt ausgedrückt) drei Mal zu lernen? Jede Stufe verbessert die bis dahin angeeigneten Fähigkeiten. Man könnte den Kindern auch einfach ein paar Stempel in die Händer drücken, mit denen dann Texte zusammengebastelt werden. Das erspart dann das erste unnötige Lernen gleich auch noch. ;) Man sieht doch (an sich selbst und an den Diskussionen um Schulausbildung etc.), wie viel Gelerntes hängen bleibt, da kann jede Wiederholung und Erweiterung nur nützlich sein.
5. ...
JensDD 04.07.2011
und nach der Schreibschrift schaffen wir auch die für jeden verbindliche Rechtschreibung ab - damit jeder die Worte nach seinen individuellen Vorstellungen erstellen kann - ao als Zeichen des besonders persönlichen - willkommen in der Vergangenheit. Ein Vorteil wäre für künftige Generationen - 2120 kommt ein ganz schlauer und reformiert den ganzen Käse (wie einst Konrad Duden von Kaisers Gnaden) und zeigt damit wie reformfreudig Deutschland doch ist...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Rechtschreibung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 565 Kommentare
Schriftproben: Besser alt oder neu? Zur Großansicht

Schriftproben: Besser alt oder neu?


Vote
Schreibschrift - wichtig oder überflüssig?

Wie stehen Sie zur Einführung einer Grundschrift und, damit verbunden, dem Ende der Schreibschrift an deutschen Schulen?


Social Networks