Vorwurf vom Integrationsrat: Eltern treiben Spaltung an Schulen voran

Wählerische Eltern schaden dem deutschen Schulsystem, kritisiert der Sachverständigenrat für Integration: Wenn sie ihre Kinder auf Grundschulen mit geringem Ausländeranteil schicken, verschärfen sie die soziale Spaltung. Einen Zwang zu mehr Vielfalt wollen die Experten aber nicht.

Kind mit Kopftuch in einer Grundschule: Schlechtere Chancen vom ersten Schultag an? Zur Großansicht
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Kind mit Kopftuch in einer Grundschule: Schlechtere Chancen vom ersten Schultag an?

Viele Eltern, die ihren Sprösslingen einen erfolgreichen Start ins Schulleben ermöglichen wollen, schicken sie auf eine Grundschule mit möglichst wenigen ausländischen Kindern - und schaden damit dem deutschen Bildungssystem. Zu diesem Schluss kommen Experten des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

Die Kinder, die an der Schule zurückblieben, hätten es dort dann noch schwerer, sagte SVR-Geschäftsführerin Gunilla Fincke. "Gerade Eltern der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind, verschlechtern dadurch aber ungewollt die Bedingungen für die verbleibenden Kinder vor allem mit Migrationshintergrund."

Im SVR haben sich acht Stiftungen zusammengeschlossen, darunter die Stiftung Mercator, die Bertelsmann-Stiftung und die Vodafone-Stiftung. Für das aktuelle Policy Brief, eine Art Kurzstudie, werteten Bildungsforscher die Daten von 108 Berliner Grundschulen und den umliegenden Schulbezirken aus.

Dabei kam heraus, dass der Ausländeranteil an knapp jeder fünften Schule im Schuljahr 2011/2012 mehr als doppelt so hoch war wie der im dazugehörigen Schulbezirk. Soll heißen: Auf diese Schulen sollten eigentlich viel mehr Kinder mit deutschem Pass gehen - wenn viele Eltern in der Umgebung die Einrichtungen nicht meiden und ihre Kleinen lieber auf andere, weiter entfernte Grundschulen schicken würden. Umgekehrt hatten Grundschulen, die bei deutschen Eltern höher im Kurs stehen, einen geringeren Anteil an ausländischen Schülern als ihr jeweiliger Schulbezirk.

"Schlechtere Chancen vom ersten Schultag an"

Die Folge: Die soziale Trennung zwischen ausländischen und deutschen Kindern ist an manchen Grundschulen noch krasser als in ihrer Nachbarschaft. Die Segregation führe vom ersten Schultag an zu schlechteren Chancen für Kinder mit Migrationshintergrund, sagte Fincke. "Es ist viel schwieriger, Deutsch zu lernen, wenn Kinder nichtdeutscher Herkunftssprachen weitgehend unter sich bleiben."

Die Forscher unterschieden nach deutscher und nichtdeutscher Staatszugehörigkeit, Kinder mit ausländischen Wurzeln und deutschem Pass wurden nicht gesondert ausgewertet. Die Ergebnisse seien zwar nicht auf ganz Deutschland übertragbar, verdeutlichten aber beispielhaft die Situation in westdeutschen Großstädten, schreiben die Autoren des Papiers.

Viele Eltern richten sich in ihrer Schulwahl offenbar auch nach der Zahl ausländischer Schüler, weil ihnen fundiertere Informationen fehlen. "Da die tatsächliche Qualität einer Schule häufig nicht in Erfahrung gebracht werden kann, nehmen viele Eltern den Zuwandereranteil einer Schule als Indiz für das Lernumfeld und das Leistungsniveau", heißt es in der Studie. Das sei aber nicht immer begründet: Andere Studien belegten, dass gemeinsames Lernen leistungsschwacher und leistungsstarker Schüler für letztere kein Nachteil sei. "Eltern sollten keine Pauschalurteile über Schulen mit einem hohen Anteil von Zuwandererkindern fällen", sagte Fincke.

In Deutschland weisen die Behörden einem Schulanfänger üblicherweise eine Grundschule zu. Die Eltern können sich jedoch darüber hinwegsetzen - mit mal mehr und mal weniger Aufwand. In Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen können sie ihr Kind zum Beispiel an einer anderen Schule außerhalb ihres Schulbezirks anmelden, ohne Gründe dafür zu nennen - sofern die Wunschschule noch Platz hat.

In anderen Bundesländern könnten die Eltern zum Beispiel argumentieren, dass ihre Kinder an der neuen Schule nachmittags besser betreut würden oder dass das Schulprofil besser passe. Die Entscheidung liegt in der Regel bei der Schulverwaltung. In Großstädten sorgten etwa zehn Prozent der Eltern mit Erfolg dafür, dass ihre Kinder auf die bevorzugte Grundschule wechseln können, heißt es in der Studie. Eltern mit Migrationshintergrund entschieden sich deutlich seltener gegen die zugewiesene Schule.

Es sei allerdings keine Lösung, eine Schülermischung zu erzwingen, sagte Fincke. "Schülerquoten oder Projekte wie 'Bussing', bei dem Schüler in einen anderen Bezirk gefahren werden, haben international keinen Erfolg gehabt." Es sei besser, die Lernmöglichkeiten an den Schulen gezielt zu verbessern und intensiv mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Vor allem angebliche "Problemschulen" sollten mit konkreten Informationen für sich werben.

son/dpa

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insgesamt 121 Beiträge
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1. optional
sprechweise 29.11.2012
Vielleicht sollte man ja die Problem an den Problemschulen lösen statt den Eltern Schuld zuzuschieben. Da wird Ursache und Wirkung verwechselt
2. ...
gestandeneFrau 29.11.2012
Zitat von sysopWählerische Eltern schaden dem deutschen Schulsystem, kritisiert der Sachverständigenrat für Integration: Wenn sie ihre Kinder auf Grundschulen mit geringem Ausländeranteil schicken, verschärfen sie die soziale Spaltung. Einen Zwang zur mehr Vielfalt wollen die Experten aber nicht. Ausländische Kinder an Grundschulen: Eltern treiben Spaltung voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/auslaendische-kinder-an-grundschulen-eltern-treiben-spaltung-voran-a-869849.html)
Mein Dasein als Mutter prädestiniert mich geradezu, daß Beste für mein Kind zu wollen. Und da unser Bildungssystem immer mehr versagt, muß ich das irgendwie ausgleichen.
3. Beispiel Berlin
superstrom 29.11.2012
Es ist ja nunmal ein Indiz. Und gerade auch bei den ach so toleranten Biomüttern aus Berlin sieht man, dass die Bereitschaft für Multikulti Experimente spätestens dann vorbei ist, wenn es ums eigene Kind geht. Aber ganz im Ernst, es ist doch nicht von den Eltern zu erwarten, dass sie die Zukunft ihrer Kinder aufs Spiel setzen, nur weil die Politik ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat.
4. Da fällt einem nicht mehr ein...
u.loose 29.11.2012
Die Kinder, die an der Schule zurückblieben, hätten es dort dann noch schwerer, sagte SVR-Geschäftsführerin Gunilla Fincke. Das heißt nichts anderes als schlicht und ergreifen: Migranten bremsen die Lernleistung aus und je mehr davon in einer Klasse sitzen, desto stärker.... Noch zynischer: Geht nicht andere Schulen, denn sonst kommt es nicht zum "Verdünnungseffekt"... Kein Wunder das Privatschulen Hochkonjunktur haben... Wobei natürlich anzumerken ist, dass ein Migrationshintergrund per se nichts über schulische Leistungen aussagt - Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn aber die Regel die ist, dass es schon bei der Sprache hapert, dann sind die Eltern zu verstehen.
5. optional
kimba2010 29.11.2012
Vielleicht liegt es auch an einer falsche Integrationspolitik statt an der Schuld der Eltern. Rütli lässt grüssen.
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