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09.09.2006
 

Jugendgewalt

"Hitliste" von Brutalo-Schulen schockiert Franzosen

Eine französische Zeitschrift hat eine Hitliste der schlimmsten Schulen veröffentlicht. Nun können schwere Gewalttaten, Drogendelikte und Polizeieinsätze genau nachgelesen werden. Lehrer und Bildungsexperten sind empört - sie fordern ein Ende der Debatte.

Paris - Pünktlich zum Schulbeginn in dieser Woche sind die Franzosen daran erinnert worden, dass Schulen nicht nur Stätten der Bildung sind, sondern auch als Zonen brutaler Gewalt und Erpressung wahrgenommen werden. Eine "Hitliste" der schlimmsten Schulen, die das Magazin "Le Point" nach einem 18-monatigen Rechtsstreit mit dem Erziehungsministerium veröffentlichte, erbost viele Lehrer.

Butterfly auf dem Pausenhof: Frankreichs Horrorschule steht in Nîmes
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DPA

Butterfly auf dem Pausenhof: Frankreichs Horrorschule steht in Nîmes

Auf seiner Webseite präsentiert das Magazin eine Datenbank aller an das Bildungsministerium gemeldeten Gewalttaten. Dort können nach Bezirken die Vorkommnisse der Schulen recherchiert werden: wie oft Drogen kursierten und Prügeleien angezettelt wurden, ob Räume demoliert oder Lehrer angegriffen wurden, Waffen auftauchten oder ob Schüler Selbstmordversuche begingen. Dort ist auch nachzulesen, wie oft die Polizei anrücken musste und ob die Ereignisse ein gerichtliches Nachspiel hatten. Insgesamt registrierte das Bildungsministerium im vergangenen Schuljahr 82.007 schwere Vorfälle in 7924 weiterführenden Schulen.

Von vielen Experten wird das Ranking jedoch nicht ernst genommen. Anstatt die Gewaltakte zu zählen, müsste die Regierung sich über Vorbeugung Gedanken machen, kritisiert der Soziologe Eric Debarbieux. Doch auch ein nun vom Erziehungsminister präsentierter "Aktionsplan" enthält keine vorbeugenden Maßnahmen. Die "Hitliste" der gewalttätigsten Schulen sei nicht aussagekräftig, sagt Debarbieux. "Es handelt sich nicht um Schulen, die die meisten Gewaltprobleme haben, sondern um solche, die die meisten Vorkommnisse melden."

"Gewaltproblem wird verschärft"

Nach dem Erscheinen der Liste, die eine Schule in Nîmes mit 285 gemeldeten Gewaltakten im vergangenen Schuljahr anführt, kündigten prompt zahlreiche Lehrer an, sie würden keine Informationen mehr an die Datenbank des Ministeriums weitergeben. Denn eine stigmatisierte Schule verliere weiter Schüler - wer bleibt, seien die ohnehin gefährdeten Kinder, deren Familien zum Beispiel den Wechsel auf eine Privatschule nicht finanzieren können. Das Gewaltproblem werde damit verschärft. "Ein Teufelskreis", so Debarbieux.

Während der Fall der Berliner Rütli-Schule, deren Lehrer sich mit einem Hilferuf an den Senat wandten, in Deutschland im vergangenen Frühjahr wie eine Bombe einschlug, gehört die Schulgewalt in Frankreich längst zur Tagesordnung. So wurde im Dezember 2005 eine Lehrerin in einer Pariser Vorortschule von einem Schüler niedergestochen, im März wurde eine schwangere Lehrerin von einem Schüler auf dem Flur gewürgt, während die Kameraden jubelnd zuschauten. Und jeder neue Fall lässt mehr Eltern vor staatlichen Schulen zurückschrecken.

"Das Schulsystem ist zweigeteilt", erläutert Debarbieux. Auf der einen Seite gebe es die staatlichen Schulen in sozialen Problemvierteln, wo vernachlässigte Einwandererkinder von völlig überforderten Junglehrern betreut würden. Auf der anderen Seite gebe es staatliche und private Eliteschulen, zu denen besorgte Eltern ihren Sprösslingen auch schon mal mit einem falschen Wohnsitz den Zugang erschwindeln.

Aufgrund eines komplizierten Punktesystems der Lehrergewerkschaft finden sich tatsächlich in den Problemschulen fast nur unerfahrene Lehrer wieder, jährlich wechselt dort 80 Prozent des Personals. Unter diesen Bedingungen Stabilität zu schaffen sei unmöglich, sagt Debarbieux. "Wir brauchen mehr Mittel, und wir brauchen vor allem Ruhe", sagt die Direktorin einer Schule im Norden von Paris, die ihren Namen nicht nennt, weil die Schulbehörde Interviews nicht zulässt. Weil die die Schülerzahlen sinken, werden die staatlichen Mittel weniger.

Neue Ideen hat die Regierung bislang nicht. Zwar stellte Erziehungsminister Gilles de Robien diese Woche seinen "landesweiten Plan zum Kampf gegen die Gewalt in der Schule" vor und wählte für die Präsentation medienwirksam eben die Schule, in der die junge Lehrerin im vergangenen Jahr niedergestochen worden war. Doch sein Plan enthält vor allem praktische Hinweise, wie auf Gewalt reagiert werden soll – zukünftig soll es etwa möglich sein, Polizisten vor Schulen zu postieren. Ein Programm zur Prävention fehlt dagegen. "In Wirklichkeit will niemand von dem Thema etwas wissen", kritisiert Debarbieux. "In der Politik herrscht zu diesem Thema eine allgemeine Gedankenlosigkeit."

Von Kim Rahir, AFP/cpa

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