Trotzdem gibt es noch einige Menschen im Norden des Landes, die daran glauben, dass ein Neuanfang möglich ist. Junge Afghanen versuchen auch in den ländlichen Regionen, in denen Tradition und Islam eine große Rolle spielen, engagiert ihr Leben zu verbessern - zum Beispiel die Menschen im Distrikt Qaly-i-Zal, nordwestlich der Provinzhauptstadt Kunduz.
Vor einem knappen Jahr hatten die Dorfbewohner Char Gul Tepas einen ungewöhnlichen Wunsch geäußert: eine Mädchenschule. Ein Jahr zuvor hatte der deutsche Verein Initiative Afghanistan bereits eine Grund- und Mittelschule für die Kinder der Region gebaut, die bis dahin sowohl bei glühender Hitze als auch im Schnee lernen mussten. Seit Beginn des Schuljahres 2006 werden dort Jungen unterrichtet – die Mädchen müssen sich aber immer noch mit dem staubigen Boden vor dem Schulgebäude begnügen. Eine zweite Schule kann auch diesmal nur mit Hilfe aus dem Ausland verwirklicht werden.
Omar Sayami, Art Director von SPIEGEL ONLINE, ist Vorsitzender der Initiative Afghanistan und hat sich immer dafür stark gemacht, den Mädchen auch ein Gebäude zu spenden. Das ist eine kleine Sensation: Unter der Taliban-Herrschaft war Frauen jegliche Bildung verboten, erst seit Januar 2003 gewährt ihnen die neue Verfassung dieselben Rechte wie Männern.
Lehrer für einen Hungerlohn
Inzwischen geht nach Angaben von Unicef etwa jedes dritte Mädchen zur Schule. Doch ihre Zahl steigt nur langsam: Wo strenggläubige Eltern auf Geschlechtertrennung bestehen, fehlen Lehrerinnen. In Char Gul Tepa dulden die meisten Eltern aber den Unterricht durch männliche Lehrkräfte.
Anders als bei der Jungenschule kann sich die Initiative Afghanistan nun auch auf deutsche Staatsmittel verlassen: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wiederaufbau und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) in den nordöstlichen Provinzen Kundus, Tahar und Badakshan 15 Schulen und Lehrerausbildungszentren im Rahmen eines Grundausbildungsprogrammes errichten. So wird die Kreditanstalt für Wiederaufbau jetzt ein Schulhaus bauen, die Initiative Afghanistan übernimmt die Finanzierung von Außenanlagen, zusätzlichen Klassenzimmern, einer Bibliothek und eines Sportplatzes.
Die Umsetzung eines solchen Projektes verlangt nicht nur den Ausländern Durchhaltevermögen ab, auch die Gemeinde und ihre Lehrer müssen an einem Strang ziehen. Mudir-Saib Ahmanullah ist Schuldirektor der Jungenschule in Char Gul Tepa, fühlt sich aber vom Staat mit seinem Lehrauftrag allein gelassen. "Wir wollen unseren Kindern natürlich eine bessere Zukunft bieten, aber das ist ein schwerer Weg", sagt Mudir-Saib. Nicht zuletzt, weil die Lehrer so schlecht bezahlt werden. "Wir erhalten vom Staat gerade mal 2500 Afghanis (etwa 40 Euro monatlich), damit können wir unsere Familie nicht ernähren."
Mudir-Saib besitzt ein wenig Land, ohne diese Einnahmequelle könnte die Familie nicht überleben. Auch die anderen Lehrer sind Bauern, die erkannt haben, dass die Bildung ihrer Kinder wichtig ist, damit ihre Gemeinde sich entwickeln kann. In vielen Landesteilen werden Lehrergehälter sporadisch oder gar nicht gezahlt.
Angst vor den Taliban
Trotzdem ist das Interesse an der Entwicklung der Gemeinde groß. Char Gul Tepa ist ein Anziehungspunkt, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Viele neue Siedlungen entstehen rund um das Schulzentrum, da es im Distrikt kaum vergleichbare Schulen gibt.
Am Tag der Grundsteinlegung der Mädchenschule sind eigentlich die Abschlussprüfungen angesetzt, doch die Prüfungen werden auf den späten Nachmittag verschoben. In aller Frühe muss Mudir-Saib noch den gedroschenen Reis zum Trocknen ausbreiten. Seine drei Söhne helfen ihm dabei, damit er rechtzeitig zur Zeremonie erscheinen kann, die vor der Jungenschule stattfindet.
Neben vielen Dorfbewohnern sind der Distriktgouverneur, der Abgesandte des Kultusministeriums und einige ausländische Gäste gekommen, unter anderem der Vertreter des Auswärtigen Amtes und die Vertreterin des BMZ. Zum Abschluss der Feierlichkeiten übergibt SPIEGEL ONLINE Art Director Omar Sayami den Schülern eine Bibliothek mit 1000 Büchern aus dem Bereich Literatur, Wissenschaft und Kultur. Der Schuldirektor und die Lehrer wissen das zu schätzen, schließlich bekommen nicht mal sie die dringend benötigten Schulbücher und Hefte vom Staat. Das wird wohl noch lange so bleiben, da die Regierung in Bildung kaum investiert.
Auch das Bildungsniveau der Lehrer ist noch erschreckend niedrig. Zehntausende Lehrer fehlen in Afghanistan, deshalb hilft in den Schulen jeder aus, der kann: Viele haben nie ein Lehramt studiert oder nur einen niedrigen Schulabschluss. Auch hier greift das Ausland dem afghanischen Bildungssystem unter die Arme: Die Lehrer der Gemeinde Char Gul Tepa werden vom deutschen BMZ weitergebildet. Lehrerausbildungszentren in Kunduz und Taloqan werden außerdem mit Chemie- und Physiklaboren unterstützt, denn bisher gab es keine naturwissenschaftliche Ausbildung im Nordosten.
Während im friedlichen Char Gul Tepa die Schüler und Schülerinnen ihrer Zukunft halbwegs optimistisch entgegen sehen können, ist es in vielen Landesteilen deutlich gefährlicher. Im Süden und Osten des Landes sind zahlreiche Schulen und vor allem ihre Lehrer und Schüler in die Schusslinie der radikal-islamischen Taliban geraten. Schuldirektor Ahmanullah zeigt sich besorgt: "Wir haben lange Jahre gegen die Taliban gekämpft, keiner hier will sie je wieder haben. Leider gibt es aber auch hier im Norden Menschen, die sich ihnen anschließen. Wenn es nicht gelingt alle Afghanen beim Aufbruch in das neue Zeitalter mitzunehmen, werden wir alle verlieren."
Gegen ein Wiedererstarken der Taliban hilft nur Bildung und Aufklärung: Afghanistan braucht neue Schulen.
cpa
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