Von Maximilian Popp, Syracuse
Sandy entscheidet jetzt über das Wetter. "Regen" tippt sie in ihren Laptop ein, auf dem Bildschirm poppt eine finstere Wolke auf. "Wind" schreibt sie, das Gerät heult. Dann reist die Sechsjährige ans Meer. Vor ihr erscheint eine virtuelle Landkarte der amerikanischen Westküste. Mit der rechten Maustaste klickt das blonde Mädchen auf San Francisco – doch das war's: Die Schulglocke läutet, der Erdkunde-Unterricht ist beendet. "Jetzt schon?", ruft Sandy und verzieht das Gesicht. "Ich will weitermachen!"
Robert Sheitz lächelt zufrieden. Er ist Direktor der Soul Road School nahe Syracuse im US-Bundesstaat New York. "Dank moderner Technik entdecken die Schüler Spaß am Lernen", sagt er und lässt die Fingergelenke knacken. Von der Debatte über Sinn und Unsinn von High-Tech im Klassenzimmer, die durch das Land wogt, will er sich nicht beirren lassen. "Kinderkram" nennt Sheitz das. "Wer Computern abschwört, schwört der Zukunft ab."
In Liverpool, einer Kleinstadt am Lake Ontario, hatte die örtliche High School Laptops aus dem Klassenzimmer verbannt. Schüler hatten dort die Geräte missbraucht, um Firmenseiten zu knacken und Pornos aus dem Internet auf ihre Rechner zu laden. Schulen im ganzen Land zogen nach und stoppten ebenfalls ihre Laptop-Programme – für das fortschrittsgläubige Amerika ein Schock. Medien und Bildungsexperten orakeln bereits vom Untergang der Generation Online.
Robert Sheitz rollt genervt die Augen. Seine Schule ist nur eine halbe Autostunde von der Liverpool High entfernt. Es ärgert ihn, wie die Kollegen plötzlich über Technik sprechen. "Computer sind Teil der Welt der Jugendlichen, wir dürfen sie ihnen im Unterricht nicht vorenthalten", sagt er. Die Soul Road School rüstet daher weiter digital auf. Dabei erscheint diese Grund- und Mittelschule schon jetzt wie ein Nasa-Versuchslabor. All die Dinge, von denen deutsche High-Tech-Fans nur träumen oder von deren Existenz sie nicht einmal wissen, sind dort längst umgesetzt.
Ein Schock für Amerika
Besuch im Biologieunterricht: Die Schüler sitzen auf klapprigen Holzstühlen, am Boden kleben Kaugummi und Orangensaft. "Attention please!", ruft die Lehrerin. Auf einer digitalen Tafel erscheint ein Schmetterling. Sheitz hat einige der alten Schiefertafeln schon vor Jahren durch moderne Touchboards ersetzen lassen. Mit einer einfachen Handberührung können die Jugendlichen Linien und Kreise ziehen, über einen Scanner lassen sich Bilder und Dokumente einspeisen.
Für Neue Medien im Klassenzimmer sind die Mittel, die der Staat zur Verfügung stellt, beinahe unerschöpflich. Für die Renovierung des Gebäudes fehlt das Geld. In manchen Räumen bröckelt der Putz von der Decke. Durch die schmalen Fenster dringt kaum Licht in den engen Raum.
Die Biologie-Lehrerin fährt jetzt eine Slideshow ab. Per Powerpoint-Präsentation erklärt sie die Entwicklungsstadien eines Schmetterlings. Die Kids starren zur Decke, spielen mit ihren Kugelschreibern, nesteln in ihren Haaren. Wer eine Unterrichtsstunde verpasst, kann sich das Skript von der schuleigenen Homepage auf seinen Rechner laden.
"Die Welt da draußen bewegt sich, wir dürfen uns vor ihr nicht verschließen", sagt Robert Sheitz. Seine Schüler sollen deshalb von der ersten Klasse an mit modernster Technik arbeiten. Die Kritik, Computer würden die Leistung der Schüler nicht verbessern, hält er für kleingeistig. "Es geht nicht um bessere Noten, es geht darum, für morgen gerüstet zu sein." Andere Länder würden technologisch aufholen. "Wir müssen am Ball bleiben. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel", sagt Sheitz. Nennt jemand ihn einen Eiferer, empfindet er das als Kompliment.
"Wir dürfen uns vor der Welt nicht verschließen"
Die Biologin kramt in einem rostigen Wandschrank. Sie zieht ein Gerät hervor, das aussieht wie ein Glückspielautomat. Es ist ein Elmo, eine Kombination aus Mikroskop und Beamer. Eine Schülerin legt eine Raupe unter den Elmo. Die Raupe erscheint hundertfach vergrößert auf dem Touchboard. "Ist das nicht großartig?", ruft die Lehrerin, ihre Stimme überschlägt sich. Schweiß hängt in der Luft.
Der Schulgong läutet zur Mittagspause. Durch die Flure zieht der Geruch von Frittenfett. Am Boden liegen zerknüllte Arbeitsblätter. Teenager in weiten Baggies-Jeans und Basketball-Shirts schlurfen durch die Gänge, unterm Arm tragen sie Schulbücher und – wie selbstverständlich – weiße iBooks. Die Kids können sich die Laptops in der Bibliothek leihen. Eine Unterrichtsstunde ohne Laptops ist an der Soul Road fast undenkbar. Ihre Tests schreiben die Jugendlichen nicht mehr auf vergilbten Klausurbögen, sondern online auf der Schulhomepage. Fünf Minuten nach der Prüfung erfahren sie ihre Noten. "Wir sind hier technologische Avantgarde", sagt Direktor Sheitz.
Was aber ist mit den Problemen, von denen andere Schulen wie die Liverpool-High berichten? Was ist mit Chatprogrammen, die zum Schummeln missbraucht werden? Mit schulinternen Sicherheitssystemen, die lahm gelegt werden?
Sheitz hebt die Brauen und zuckt die Schultern. "Mir ist das hier nie begegnet", sagt er. Auch habe er bisher nicht festgestellt, dass durch neue Medien die Konzentration der Schüler nachlasse. "Wer sich ablenken will, kann das mit oder ohne Laptop tun." Das Problem, dass Schüler im Unterricht nicht immer voll bei der Sache seien, sei so alt wie die Schule selbst. Früher habe man sich Briefchen geschrieben, Comics gezeichnet oder Papierschiffe gebastelt. "Heute surfen die Kids eben im Internet."
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