Wie nahe dürfen Schüler sich in den Pausen kommen? Bloß nicht zu nah, findet Victoria Sharts, Rektorin einer Schule in Oak Park (US-Bundesstaat Illinois). "Letztes Jahr war es so, dass hier auf der einen Seite zehn und auf der anderen Seite zehn Schüler sich in einer Art von Umarmungs-Kette den Gang hinunter drückten", sagte sie und zeigte einem Reporter der Senders CBS vergangene Woche einen leeren Schulkorridor - "und das war wirklich ein Problem".
Sharts hatte prompt die Lösung parat: den "hug ban". Jetzt sind alle Gänge in der Schule "umarmungsfreie Zonen". Knuddeln dürfen die 860 Schüler dort nicht mehr. Die Rektorin sagte, das Ziel sei, "immer für sichere und ordentliche Flure" zu sorgen, "wo jedermann durchkommt und pünktlich ist". Die Schüler seien nämlich oft zu spät zum Unterricht gekommen, weil sie sich an- und ausdauernd in den Armen lagen.
Pünktlichkeit, Ordnung, Sicherheit im Schulgebäude - ging es wirklich nur darum? Victoria Sharts hat auch noch ein anderes Problem mit dem Umarmen und bestätigt so ein europäisches Klischee über die Amerikaner: die US-Prüderie. "Das Umarmen passt besser auf Flughäfen oder zu Familienfeiern", sagte Sharts dem Reporter. Und die Umarmungen an ihrer Schule seien "zu lang, zu eng, meist zwischen Jungen und Mädchen".
Noch schlimmer: die "Gruppen-Umarmung"
Am Wochenende musste die Rektorin aufgebrachte Eltern beruhigen, dass nicht überall an der Schule Umarmungen komplett verboten seien, sondern nur in den Gängen. Außerdem gehe es um die "group hugs" - denn gerade die Gruppen-Umarmungen würden die Gänge verstopfen. "Wir finden es gut, wenn die Kinder sich umarmen. Aber nicht alle 40 Minuten im Flur." Es werde auch keiner bestraft, sagt Sharts jetzt, es sei denn, die Kinder lösten sich nicht voneinander, obwohl ein Lehrer sie dazu aufgefordert habe.
Die Schule in Oak Park ist nicht der erste Fall von kurioser Berührungs-Politik: Vor knapp zwei Jahren hatte bereits eine Schule aus Culver City (Kalifornien) ihren Schülern jede Art von Körperkontakt verboten. Die "No contact"-Vorschrift sollte eigentlich dafür sorgen, dass sich Klassenkameraden nicht prügeln, schlagen oder schubsen. Sie war Teil eines landesweiten Programms gegen Gewalt und sexuelle Belästigungen.
Die Regel war vielleicht gut gemeint - aber manche wollten ja bloß kuscheln. Die Schüler waren verwirrt, wie die Vorschrift zu interpretieren war, die sie nirgendwo nachlesen konnten. Einige hatten Angst, ihre Freunde zur Begrüßung zu umarmen, andere wollten gehört haben, dass Körperkontakt innerhalb gleichgeschlechtlicher Freundschaften okay sei. Was allerdings bei einem Kuss von zwei frisch Verliebten passieren sollte, war unklar.
Erst Händchen halten, dann küssen, dann...
"Erst halten sie Händchen, bald findet man sie küssend auf dem Rasen wieder", sagte Schulleiter Jerry Kosch - und was dann passiere, könne man sich denken. Deswegen wolle er keine intimen Kontakte dulden, schließlich wüssten selbst die Eltern oft nicht, was ihre Kinder in der Schule so anstellten.
Es sind nicht allein amerikanische Lehrer, die Anstoß nehmen an körperlicher Annäherung ihrer Schüler. Auch den Rektor einer Schule im britischen Cornwall störten die "exzessiven Umarmungen" der Jugendlichen. Also verhängte er im Herbst 2006 eine Kontaktsperre - und machte sich zum Gespött der Nation.
Allerlei Spott muss jetzt auch die Rektorin in Illinois ertragen. Die Schüler an der Prince Julian School in Oak Park beantworteten das Verbot jedenfalls auf ihre Art: Vor der Schule fielen sie sich scharenweise in die Arme, knuddelten, herzten einander, gaben sich Küsschen - CBS filmte fleißig mit. Auf dem Bürgersteig bildeten sich große Schülertrauben. Und beschwert hat sich keiner.
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