Von Barbara Hans, Edmonton
Kanadische Schulen sind Gesamtschulen: Schwache, begabte, geistig und körperlich behinderte Kinder werden gemeinsam unterrichtet, sollen aber individuell gefördert werden. Jeder Schüler bekommt einen maßgeschneiderten Lehrplan und im Idealfall die nötige Hilfe, um im Unterricht nicht den Faden zu verlieren. Erst Zehntklässler werden in den Hauptfächern in akademisch und praktisch ausgerichtete Gruppen geteilt. Doch das braucht viele Lehrer, und es verlangt ihnen viel ab.
Michailides kann sein Budget selbst verwalten, rund vier Millionen Dollar pro Jahr. Sind alle Gehälter, Licht- und Heizkosten bezahlt, bleiben etwa 100.000 Dollar, die der Rektor direkt in Aus- und Fortbildung seiner 35 Lehrer investieren kann. "Wir haben keinen Einfluss darauf, aus was für Familien die Kinder kommen, die Weiterbildung der Lehrer ist die einzige Sache, dir wir kontrollieren können."
Am 30. November blieb Balwin deshalb geschlossen: Am "professional development day" bespricht Michailides mit seinen Kollegen die pädagogischen Vorsätze für das kommende Jahr. Wer sich im Umgang mit Laptop, Beamer und Internet schult und sich auf den neuesten Stand der Hirnforschung bringt, um das Verhalten der Schüler besser zu verstehen, bekommt in Kanada mehr Gehalt. Und wer an keiner Fortbildung teilnimmt, ein Problem.
Mehr Verantwortung für die Schulen
Häppchenweise streut Michailides seine Philosophie ein, seinen Masterplan für das Unternehmen Schule. "Die Frage, die wir uns immer stellen müssen: Ist das, was wir tun, im Interesse des Kindes? Wer versucht hier, Gott zu spielen? Wenn wir alle zur gleichen Zeit an einer Linie los laufen, können wir dann alle zur gleichen Zeit ankommen? Können wir nicht."
Aziz sitzt an einem kleinen Tisch und strahlt. Eine reguläre deutsche Schule könnte er nicht besuchen. Aziz ist vier, kommt aus Kurdistan, spricht kein Englisch und leidet unter dem Downsyndrom. Jeden Morgen begleitet ihn seine Mutter, spielt mit ihm und den anderen Kindern der Vorschule. Sie beugen sich über ein Puppenhaus, stapeln buntes Plastikgeschirr, ein Sprachwirrwarr füllt den Raum. Die Mädchen und Jungen kommen aus dem Sudan, aus Somalia, aus Kurdistan - und sprechen in ihren Muttersprachen. Die Klasse hat vier Lehrerinnen, aber nur Lyndsey McDougall ist Kanadierin, ihre drei Kolleginnen stammen aus dem Sudan, Somalia, Kurdistan.
Eine Englischklasse also? Im Gegenteil. In einem Pilotprojekt versucht man in Balwin, die Kinder in ihrer Muttersprache an die Schule und das Lernen zu gewöhnen. "Wir wollen, dass die Kinder einen Bezug zur Schule haben, Routine bekommen, sich wohlfühlen, Spaß am Lernen haben und lernen, ihre eigene Kultur zu schätzen", sagt McDougall. Es ist ihre erste Stelle nach der Uni, ihr persönliches Pilotprojekt.
Kein Aussortieren, alle lernen gemeinsam
Integration bedeutet in Kanada nicht, die eigene Herkunft möglichst schnell hinter sich zu lassen. Im Gegenteil: Nur wer seine Muttersprache beherrscht, kann später gut Englisch sprechen - so die Erfahrung. Nur wer seine eigene Kultur schätzt, kann sich in der neuen zurechtfinden. Die Lehrer animieren die Eltern, zuhause mit den Kindern die Muttersprache zu sprechen, aber sie animieren ihre Schüler auch, gemeinsam mit den Vätern und Müttern englische Texte zu lesen.
"Age appropriate placement" (altersgemäße Einordnung) heißt das zweite Wundermittel der kanadischen Schulerziehung. Demnach kann nur gut lernen, wer die Chance hat, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen in seinem Alter zu lernen. Kinder mit besonderen Bedürfnissen – in Deutschland heißen sie Problemkinder – werden nachmittags gefördert, verbringen aber den Schultag überwiegend in ihrer Klasse.
Speziell ausgebildete Lehrer helfen den Schülern im Rahmen des "Englisch als Zweitsprache"-Programms, möglichst schnell das Sprachniveau ihrer Altersgenossen zu erreichen. Kinder mit Downsyndrom oder Autismus machen mit den anderen Sport, gehen mit in den Musik- oder Kunstunterricht.
"Bildung und Erziehung drehen sich immer um Menschen. Wir müssen uns darum kümmern, wie wir Menschen aufrichten und nicht darum, wie wir sie zerstören. Schüler und Lehrer", sagt Michailides wieder einen seiner Kalenderblatt-Sätze und erwartet keine Erwiderung.
Aber Balwin ist ja auch eine Vorzeigeschule. Auch in Kanada.
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