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07.02.2008
 

Furor in Frankreich

Lehrer ohrfeigt Schüler - und erntet Zustimmung

Ein Elfjähriger nannte ihn "Arschloch". Da schlug der Lehrer zu. Die Ohrfeige im Klassenzimmer bewegt die Franzosen: Eltern und Politiker sind empört - über den Schüler. Dass der Lehrer einen Tag hinter Gitter musste, findet Premierminister Fillon schockierend.

Berlaimont - Das Pult: ein einziges Chaos aus Heften und Büchern. Vor versammelter Klasse mahnte der Lehrer den elf Jahre alten Schüler zur Ordnung, wurde aber ignoriert. Mit einer Handbewegung wischte der 49-Jährige daraufhin sämtliche Sachen vom Tisch. "Arschloch" schimpfte der Sechstklässler - und der Lehrer verpasste ihm eine Ohrfeige. "Es war reiner Reflex", entschuldigte er sich später. Noch nie habe ihn ein Schüler so behandelt.

Journalisten vor der Schule Gilles-de-Chin: Eine Backpfeife wird zum Medienereignis
AFP

Journalisten vor der Schule Gilles-de-Chin: Eine Backpfeife wird zum Medienereignis

Der Vorfall Ende Januar hatte für beide Folgen - und bewegt die Nation. Für die derbe Beleidigung verwies die Schule den 11-Jährigen drei Tage von der Schule. Der Vater des Jungen, ein Polizist, sorgte dafür, dass der Lehrer vorgeladen, vernommen und für 24 Stunden unter Arrest gestellt wurde.

Seitdem belagern Fernsehteams die Schule Gilles-de-Chin im nordfranzösischen Berlaimont. Der Pädagoge musste viel öffentliche Kritik einstecken, schwimmt aber zugleich auf einer regelrechten Sympathiewelle. So versammelten sich am Montag Eltern, ehemalige Schüler sowie Kollegen des Lehrers auf dem Schulhof und bekundeten ihre Solidarität mit ihm. "Er ist ein guter Lehrer, anerkannt in der Verwaltung und als Pädagoge", sagte Michel Devred von der Lehrergewerkschaft Snes-FSU der Zeitung "Le Monde". Die Sympathisanten sammelten über 15.000 Unterschriften. Viele beließen es nicht bei ihrem Namen unter der Petition, sondern fügten einen kleinen Kommentar hinzu, etwa: "Eins ist sicher - die sind alle verrückt geworden" oder "Nur Mut, wir sind alle mit dir".

Der Premier: "Ja, ich unterstütze diesen Lehrer"

Diese Reaktionen scheinen verblüffend. Wie in Deutschland ist auch in Frankreich die Prügelstrafe an Schulen verboten, wie es sich für ein zivilisiertes Land gehört. Aber es gibt gewisse Unterschiede: In Deutschland ist es Eltern seit 2000 gesetzlich untersagt, Kinder "körperlich zu bestrafen oder seelisch zu verletzen". Französische Eltern dagegen dürfen noch immer zur körperlichen Züchtigung greifen, zu einer maßvollen. Und dieses Recht will sich die Mehrheit auch nicht nehmen lassen, sie ist gegen ein Verbot. Und in einer im Dezember veröffentlichten Umfrage der Europäischen Familienunion gaben neun von zehn Eltern an, ihr Kind bisweilen zu schlagen.

Das Verständnis für den Ohrlaschen-Lehrer ist in Frankreich groß. Sympathien schlagen ihm auch von Seiten der Politik entgegen: Bildungsminister Xavier Darcos ließ Verständnis anklingen und sagte in einem Interview, dass mehr Lehrer Opfer von Schülergewalt seien als umgekehrt. Ohne jeden Zweifel habe der Lehrer schlecht reagiert, aber der Junge sei schon oft durch eine extrem vulgäre und brutale Art aufgefallen.

Auch Frankreichs Premierminister François Fillon bekundete: "Ja, ich unterstütze diesen Lehrer." In einem Radiointerview sagte er, die Ohrfeige sei zwar keine "gute Lösung", doch Lehrer bräuchten "ein wenig Disziplin und ein wenig Respekt", um ihren Unterricht abhalten zu können. "Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Schüler einen Lehrer als Arschloch bezeichnet." Auch wenn der Schlag des Lehrers nicht zu entschuldigen sei, halte er die drohenden juristischen Folgen für unverhältnismäßig: "Offen gesagt, als Bürger und als Vater von Schulkindern schockiert es mich", dass der Lehrer in Polizeigewahrsam genommen wurde.

Am 27. März muss sich der Pädagoge, den der Vater des Jungen wegen schwerer Tätlichkeit angezeigt hatte, vor dem Zivilgericht von Avesnes-Sur-Helpe verantworten. Im Falle einer Verurteilung könnte es auch zu einer Haftstrafe kommen. Die Schule hat sich noch nicht zu etwaigen Konsequenzen geäußert.

sil/Reuters/AFP

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