Von Falko Hennig
Das Zentrum Nairobis, der Hauptstadt Kenias, erinnert eher an Frankfurt am Main oder New York City als an den größten Slum Afrikas. Doch über die Hälfte der drei Millionen Einwohner lebt ohne Eigentumsrechte, ohne Zugang zu sauberem Wasser und ohne sanitäre Einrichtungen oder ausreichenden Wohnraum. Verbunden sind die unterschiedlichen urbanen Welten durch "Matatus", Kleinbusse, die als Sammeltaxis den öffentlichen Verkehr der Metropole bewältigen. Sie werden von Piraten der Straßen betrieben und rasen halsbrecherisch an Bretter- und Wellblechhütten vorbei durch die schlammigen Gassen.
Eine knappe Stunde rumpelt der mit Porträts von Saddam Hussein, Osama Bin Laden und diversen Gangsta-Rappern tapezierte Bus durch die Slums, die basslastige Musik begleitet uns bis zum Vorort Kariobango. Hier befindet sich zwischen Siedlung und Hauptstraße eine Oase der Ordnung, der Ruhe, der Bildung und des Friedens: das Gelände der Marura Primary School.
Der Wahlspruch der Grundschule lautet "Only The Best" – "Nur die Besten". Jeden Montag versammeln sich 1500 Schüler auf dem Schulhof und werden auf die neue Woche eingeschworen. Direktor Kamau fragt nach dem aktuellen Motto, die Schüler rufen im Chor: "Wissen ist Macht, deshalb erwirb Wissen!" Bevor die Schülerschaft in ihre Räume marschiert, erläutert Herr Kamau die Parole, es gehe um "das Wissen von unseren Vorfahren, von unseren Lehrern und aus unseren Büchern".
Geboren 1920, ungefähr - Papiere gibt es keine
Ein alter Mann fällt auf, der von Direktor und Lehrern begrüßt wird. Ist es der Hausmeister? Nein, dafür ist er wohl zu alt, und außerdem trägt er die gleiche Schuluniform wie die Kinder, einschließlich kurzer Hosen. Es ist Kimani Ng'ang'a Maruge, der älteste Schüler der Welt.
Maruge spricht Suaheli und nur sehr wenig Englisch, er hört nicht mehr so gut und zieht ein Bein etwas nach, aber wenn er lächelt, dann scheint er das Geheimnis ewiger Jugend zu kennen. Jeden Morgen ist er einer der Ersten hier. Er treibt seine Mitschüler zur Eile an, scherzhaft mit dem Stock drohend.
Maruge ist Witwer und Urgroßvater und war sein Leben lang Bauer. Bis 2004, als er sich einschulen ließ, da die Regierung Kibaki kurz zuvor ihr Wahlversprechen eingelöst und das Schulgeld für die Grundschulen abgeschafft hatte. Bis dahin waren die Schulen nach dem Harambee-Prinzip unterhalten worden, das heißt, sie wurden von den Eltern durch Spenden selbst finanziert. Nun hatten plötzlich nicht nur Kinder aus ärmeren Familien zum ersten Mal Zugang zur Bildung, sondern auch Urgroßvater Maruge.
Er tauchte damals zur Überraschung der Lehrer in der Grundschule von Eldoret im Westen Kenias auf, ein Greis von ungefähr 85 Jahren. Er selbst vermutet, 1920 geboren zu sein, aber es gibt darüber keine Urkunden oder Papiere. Zuerst dachten die Pädagogen an einen Scherz, aber der alte Mann, der sich die Hosenbeine seiner Schuluniform selber abgeschnitten hatte, damit sie passte, ließ sich nicht abwimmeln und berief sich auf die Bekanntmachung der kenianischen Regierung, wonach jeder Bürger auch ohne Geld das Recht auf Schulbildung habe. Nur für die Einheitskleidung muss man selber sorgen.
So nutzte Maruge, der 10 seiner 15 Kinder überlebt hat, nach einem Leben als Analphabet seine Chance, wurde zum ältesten Schüler der Welt und schnell berühmt. Zwei seiner 30 Enkelkinder gingen an dieselbe Schule, aber waren einige Klassen über ihm. 2005 wurde der Vorzeigeschüler Maruge zum Sprecher der Schule gewählt und bestieg im September des Jahres sogar zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug mit dem Ziel New York, um dort bei den Vereinten Nationen für freie Schulbildung zu werben. Eigentlich wollte er dort eine reiche amerikanische Frau heiraten, erzählt er lachend. Sie hätte ein Haus und ein Auto haben sollen, denn arm war er ja allein.
Nach der Schule will er Tierarzt werden
Doch mit der Heirat wurde es nichts, dafür hat Maruge in Amerika den Fortschritt gesehen: Dort befanden sich Grund- und Oberschule im selben Gebäude. Das wünscht er sich auch für seine kenianische Schule. Denn in zwei Jahren könnte Maruge ans Gymnasium wechseln und nach weiteren vier Jahren an die Universität. Er würde gern Tierarzt werden. Wie das gelingen kann, ist noch offen, schließlich sind sowohl Gymnasium als auch Hochschule kostenpflichtig. Aber vielleicht hat Maruge Glück und wird zu den begabten Kindern aus den Slums gezählt, die von manchen der höheren Bildungseinrichtungen kostenlos aufgenommen werden.
Maruge hat nicht gerade eine ruhige Schulzeit hinter sich. Nach den letzten Präsidentschaftswahlen im Dezember 2007 tobte in seinem Heimatstädtchen Eldoret die Gewalt: Allein 30 Angehörige des Volkes der Kikuyu, zu dem auch Maruge gehört, verbrannten in einer Kirche, in der sie Schutz vor marodierenden Milizen gesucht hatten. Die Kikuyu wurden nach der umstrittenen Wiederwahl Präsident Mwai Kibakis von Banden angegriffen und mehr als 1000 von ihnen nur wegen ihrer Stammeszugehörigkeit ermordet.
Maruge hatte Glück, sein Haus wurde nicht abgebrannt, aber ihm wurden 15 Säcke Mehl und Maschendraht gestohlen. Auch sein Leben war bedroht, er fand Zuflucht in einem Flüchtlingslager. Jeden Morgen verließ er es pünktlich, um die vier Kilometer zu seiner Schule zu laufen. "Ich bin nicht verbittert", sagt er, "ich habe den Leuten vergeben, die mein Mehl gestohlen haben, so wie ich den britischen Kolonialherren vergeben habe."
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