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Ältester Schüler der Welt 88-Jähriger besucht vierte Klasse

2. Teil: Die Schule, eine Insel des Friedens im brennenden Kenia - und Maruge möchte "für immer weiter lernen"

Die Briten hatten Maruge als einen der Freiheitskämpfer im Mau-Mau-Aufstand in den fünfziger Jahren inhaftiert und gefoltert. Er hofft auf eine Haftentschädigung, und die Aussicht, nachrechnen zu können, ob sie korrekt ausfällt, ist ein Grund für seinen Schulbesuch. Außerdem möchte er die Bibel selber lesen lernen, denn Maruge ist misstrauisch, ob das in den Kirchen Vorgetragene tatsächlich der Wahrheit entspricht. So sind Mathematik und englische Sprache seine Lieblingsfächer, auch wenn er außerhalb des Unterrichts das ihm vertraute Suaheli vorzieht.

Doch zurück zur Gegenwart und dem blutigen Jahreswechsel. Die Ursache der Gewalttätigkeiten sieht Schuldirektor Kamau in der Art, wie in Kenia Wahlkämpfe geführt werden. Als auch in der Hauptstadt Nairobi Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Stämmen abgeschlachtet wurden, stellte er einen Wachmann ans Schultor. Niemand von den Lehrern oder Schülern wollte in der Zeit der Unruhen überhaupt noch nach Hause gehen, hier in der Schule fühlten sie sich sicher. Seine Schule war eine Insel des Friedens im brennenden Kenia.

Inzwischen ist Kenias Präsident Kibaki, ebenfalls ein Kikuyu, eine große Koalition mit der Opposition eingegangen, aber der Schreck über die Ausschreitungen sitzt tief. Die 300.000 Flüchtlinge im Land fühlen sich längst noch nicht sicher genug, um in ihre alte Heimat zurückzukehren.

"Wissen ist das einzige, was ich mir wünsche"

Auch Maruge will in Nairobi bleiben. Der alte Herr kam nach den Unruhen hierher, meldete sich an der Schule und fand sogar Aufnahme in einem Altersheim. Er fühlt sich wie im Siebenten Himmel. "Das ist mein Bett?", fragte er überglücklich, als er ankam.

Nun lebt er keine 100 Meter von der Schule entfernt, ein Laufweg, der dem Greis keine Probleme macht. Auch die Trennung von seinen Kindern, Bauern wie er, kann er verschmerzen. "Wenn ich einen Platz für mich in einem Haus habe, einen Ort zum Leben, dann werde ich für immer weiter lernen, dann werde ich niemals aufhören. Wissen ist das Einzige, was ich mir wünsche."

Ein normaler Schüler ist er natürlich nicht, dafür interessieren sich zu viele Leute für ihn, die sonst den Weg nach Kariobangi wohl kaum finden würden. Während der Pausen darf er im Lehrerzimmer mit Tee trinken. Und tatsächlich kann man sich nicht vorstellen, wie der trotz seiner geringen Körpergröße sehr würdige Alte in der Pause mit den Kindern Seil springen sollte. Zum Frühstück um elf wird den Schülern Porridge serviert, mittags Reis und Erbsen, für die meisten sind das die einzigen Mahlzeiten des Tages.

In der kleinsten Klasse mit nur 60 Schülern

Maruges Geschichte wirft auch ein Schlaglicht auf die Probleme des kenianischen Schulsystems. Er war nach der Reform nicht der einzige neue Schüler, plötzlich besuchten 1,7 Millionen Kinder zusätzlich die Grundschulen, ohne dass diese besser ausgestattet worden wären. Eine Besichtigung der Schulgebäude hier in Kariobango bestätigt es. "Allein die Bausubstanz", ereifert sich Direktor Kamau: Zehn Toiletten für 700 Jungen, man möge sich das mal vorstellen.

Auch die Schulgebäude selbst ähneln den Hütten der Slums vor den Mauern. Die meisten Klassenräume befinden sich in einer 300 Meter langen Baracke aus Holz und Wellblech, in der kalten Jahreszeit frieren die Schüler, es regnet durchs Dach, wenn es heiß wird, heizen sich die Räume unerträglich auf. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist auf 1:100 gefallen. Dass ein qualitativ guter Unterricht bei einem Lehrer für 100 Schüler in baufälligen Gebäuden ohne Hefte, Lehrbücher oder andere Hilfsmittel kaum möglich ist, liegt auf der Hand.

Zwar ist Maruge in der kleinsten Klasse mit nur 60 Mitschülern. Trotzdem will "Kenya's 88-year-old schoolboy" seine Berühmtheit für die Verbesserung der Ausstattung seiner Schule einsetzen. Nur ein Hörgerät und eine Brille hätte er gern für sich selber, und nach Deutschland möchte er auch einmal reisen: "Ich würde gern für zwei oder drei Tage zu Ihnen kommen und mir ansehen, wie es bei Ihnen aussieht. Dafür würde ich sogar mit einem Fallschirm über Deutschland abspringen."

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