Krishna Choudhari kennt solche Geschichten. Der Gründer und Präsident der Hilfsorganisation Society Welfare Action Nepal (Swan) sagt, Urmila sei noch vergleichsweise glimpflich davongekommen: "Die Mädchen werden oft vergewaltigt, kommen schwanger oder mit einem Kind heim." Üblich sei es auch, die Mädchen als Masseurinnen oder als Windzufächler einzusetzen. Sofern sie nicht gerade Feuerholz sammeln und Wasser holen müssen - oder gleich in einer der zahlreichen Ziegeleien des Landes landen.
Jungen erwischt es selten. Landlords mögen sie nicht sonderlich: Sie liefen ständig weg und seien im Haushalt auch kaum zu gebrauchen. "Die Landlords wollen Mädchen, weil sie hart arbeiten und gehorchen", so Krishna.
Krishna Choudhari ist selbst ein Tharu und trägt deshalb den gleichen Nachnamen wie Urmila. Auch er stammt aus ärmsten Verhältnissen, durfte aber eine Schule besuchen. "Damals schwor ich mir, etwas für die armen Menschen zu tun" - nun kämpft auch er gegen eine jahrhundertealte Tradition.
"Die Arbeit machte Mädchen wertvoller"
"Früher war das Kamalari-System dazu gedacht, die Mädchen im Haushalt zu trainieren", sagt Dam Bahdur Budathoki vom Kinderschutzkomitees in Gangaparaspur. Geld gab es nie, "man war stolz, die Mädchen wegzuschicken. Es machte sie wertvoller."
Mit Hilfe des Kinderhilfswerks Plan International konnten zwischen in den vergangenen vier Jahren allein im Distrikt Dang rund 1700 Kamalari-Mädchen gerettet werden. "Allein wäre das nicht zu schaffen gewesen", sagt Krishna. Denn es sei ja nicht damit getan, die Mädchen zu befreien.
Prem Pant, Chef des Kinderhilfswerks in Nepalgunj, betont, sie bräuchten danach auch eine Perspektive. Das sei nicht billig, seine Organisation gebe allein für das Kamalari-Projekt 625.000 Euro aus, vor allem für die Ausbildung der Mädchen. Und auch die Eltern würden unterstützt, damit sich ihre finanziellen Verluste in Grenzen halten, wenn sie auf den Verkauf ihrer Kinder verzichten.
Bargeld indes bekommen sie nicht. Es geht um Hilfe bei Mikrokrediten, der Gründung kleiner Firmen oder der Pacht eines kleinen Stücks Ackerland. So können sich die Familien selbst versorgen und zudem durch den Verkauf von Obst und Gemüse an Geld gelangen.
Laut Plan International profitieren davon bereits 2900 Familien, 3500 sollen es werden. Santala Choudhari gehört dazu. "Jetzt verdienen wir gutes Geld und können die Kinder in die Schule schicken. Früher war der Hunger das Problem, jetzt die Höhe des Ertrags", sagt sie strahlend, mit Blick auf ihren blühenden Schrebergarten nahe des Städtchens Lamahi.
Urmila trifft die Staatsspitze
Swan-Präsident Krishna Choudhari sagt, die Regierung müsse dennoch viel mehr Verantwortung übernehmen. Es könne nicht sein, dass sie sich auf die Hilfsorganisationen verlasse und selbst nichts unternehme. Gerade in der Hauptstadt, gerade in den Haushalten von Politikern und Wirtschaftsleuten arbeiteten viele Kamalari-Mädchen, so einer seiner Kollegen.
Vielleicht ändert sich das bald - dank Urmila. Längst ist aus dem kleinen verängstigten Mädchen eine junge Frau mit einer Mission geworden. "Ich wusste zunächst gar nicht, dass ich eine Kamalari war", sagt sie. Das lernte sie in einer Gruppe ehemaliger Leibeigener, die vom souveränen Auftreten und der Redekunst Urmilas so beeindruckt waren, dass sie die 19-Jährige zur Präsidentin aller bislang 1600 organisierten Kamalari-Mädchen machten.
Urmila zog bereits an der Spitze eines Protestzugs mit 600 Ex-Kamalaris durch Katmandu zum Regierungssitz. Und ließ nicht locker, bis sie der Staatspräsident und der Regierungschef empfingen. "Meine Vision ist, dass alle Kinder befreit werden, bei ihren Eltern leben und in die Schule gehen dürfen oder ihre Ausbildung machen können", sagt Urmila.
Und was ist mit ihrer früheren Herrin, die sich von ihr gern Exzellenz nennen ließ? Sollte die Politikerin sich weiter weigern, ihr für die Jahre der Leibeigenschaft Lohn zu bezahlen, werde sie die Frau nicht nur öffentlich mit Namen bloßstellen, sagt sie. Urmila Choudhari aus dem kleinen Dorf Manpur will dann im kastenbewussten Nepal das fast Undenkbare wagen: Sie will die Politikerin vor Gericht bringen. "Ich möchte den anderen Mädchen ein Beispiel geben, damit sie lernen, ihre Rechte wahrzunehmen."
Von Markus Klemm, dpa
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