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01.11.2009
 

"Wenn ich groß bin"

Zeitreise mit einer Schulklasse

Schweden-Doku: Wie das Schulleben so spielt
Fotos
DPA

Vom ersten bis zum letzten Schultag hat der Autor Rainer Hartleb eine Klasse im Städtchen Jordbro mit der Kamera begleitet. Seine Doku "Wenn ich groß bin" aus Schwedens Provinz ist ganz nah an übermütigen Kindern, die zu ernsten Jugendlichen werden - ein leiser Film mit großer Wucht.

Gesichter erzählen viele Geschichten, gewollt und nicht gewollt, deshalb werden wir nie müde, sie zu betrachten. Bei Rainer Hartlebs Dokumentationen droht Suchtgefahr: Der schwedische Filmer hat eine Schulklasse mit der Kamera vom ersten bis zum letzten Schultag begleitet, die Jungen und Mädchen vom 8. bis zum 17. Geburtstag immer wieder zu ihrem Leben befragt. Und daraus den Kino-Film "Wenn ich groß bin" ("När jag blir stor") gemacht: spannender als der spannendste Schweden-Krimi.

Zum Beispiel Tolga. Als ernster, vernünftiger, etwas verschlossener junger Mann besucht er seine Ex-Lehrerin und erinnert sich, wie er ihr einst am ersten Schultag die Hand gab. Schnitt: Wie in einer Zeitmaschine zeigt der geduldige Chronist Hartleb, was Tolga und die Lehrerin als Erinnerung austauschen. Zehn Jahre zuvor war Tolga noch ein kleiner, ständig kichernder Verrückter und alberte mit seinem besten Freund Daniel um die Wette. Daniel, Sohn bosnischer Flüchtlinge, erzählt, wie er als Erstklässler der dicke Moppel war. Schnitt: Daniel in der ersten Klasse. Klar ist er ein bisschen rund, aber daran denkt man nur, weil es für ihn in der Erinnerung so wichtig geblieben ist. Viel spannender sind Daniels Betrachtungen, was seine eigentliche Heimat ist, das Land der Eltern oder Schweden.

Hartleb lässt zehn Mädchen und Jungen samt Eltern mit großer Ruhe von ihrem Leben erzählen, die meisten Zuwanderer, gelandet in einem völlig unscheinbaren Städtchen vor den Toren Stockholms: Jordbro. Unterwegs im Film sind aus den Kindern Jugendliche geworden. Offen erzählen sie, wie es ist in Jordbro, wovon sie für die Zukunft träumen, wie sie zurückblicken auf das Vergangene.

Hartlebs Filme strahlen Wehmut und zugleich Lebensmut aus. "Der Dramaturg ist die Zeit", hat er mal gesagt, "vielleicht spürt man stärker als sonst, dass jeder Augenblick unwiederbringlich ist." Seine Jordbro-Filme sind ein Begriff in Schweden: Die erste Serie hat Hartleb mit einer Schulklasse 1972 gestartet und, nach sechs Filmen, 2006 abgeschlossen. Da näherten sich die einstigen Erstklässer dem 40. Geburtstag - und man konnte wahrhaft tiefe, manchmal auch harte Spuren in den Gesichtern lesen.

"Du musst kämpfen, kämpfen, kämpfen"

Die Jordbro-Filme laufen in Kinos und im Fernsehen. Dem Autor haben sie Schwedens Filmpreis "Guldbagge" eingebracht, für den besten Film aller Sparten. Hartleb wurde 1944 in Thüringen geboren, wuchs in Berlin auf und kam 1952 mit seinem Stiefvater nach Stockholm. Er bekennt sich zum skandinavischen Wohlfahrts-Modell als persönlicher Wurzel. Dazu gehört, unangefochten, die Gesamtschule über neun Schuljahre. Die besuchten im Jordbro der siebziger Jahre viele "Gastarbeiter"-Kinder aus Ländern wie Griechenland und Jugoslawien. Im neuen Film ist der Zuwanderer-Anteil gewachsen, die Eltern kommen jetzt aus Gambia, Somalia, Algerien, Bosnien.

Für die Kinder dieser Familien geht es um viel, um gute Zensuren und damit um eine berufliche Zukunft. "Du musst kämpfen, kämpfen, kämpfen", sagt der bosnische Vater beim Elterngespräch zu Narcisa; sein unruhiges Gesicht macht klar, wie ernst er es meint. Warum, ahnen wir beim Besuch mit der Familie und Hartlebs Kamera in ihrer zerstörten bosnischen Heimat.

Die Kinder haben teils atemberaubende Kulturbrüche auszuhalten und schwierige, auch tragische Geschichten. Emilie kam zur Welt, als die Mutter 17 war, die kann sich auch viel später einfach nicht für einen Mann entscheiden. Ein Bruder wird tot geboren, Emilie trägt schwer daran. Sie sieht ihrer Mutter als 14-Jährige noch viel ähnlicher als bei der Einschulung. Aber sie findet ihren eigenen Weg: Der Film zeigt Emilie als Cheerleader in der Sporthalle, meist fröhlich und auch mal verzweifelt, immer gemeinsam mit ihren Freundinnen.

Ein typisches Hartleb-Beispiel dafür, wie alle strampeln und um ihren Weg ringen. Und auch lustig anzusehen mit der Hysterie der Teens, die sich schon ein bisschen sexy herrichten, tanzen wie ausgewachsene Go-Go-Girls und doch noch kleine Kinder sind. Das Interesse des Filmers gilt vor allem dem einzelnen Mädchen und Jungen: Warum gibt Tolga seinen Traum vom Profifußball auf? Wieso macht Charoula so ein trauriges Gesicht, wenn sie sagt, dass das Leben eigentlich sehr gut ist? Und war Niclas wirklich mal in Emilie verliebt?

Schmucklose Bilder mit großer Kraft

"Ich weiß nicht so viel über mich selbst", sagt er. Niclas: Als kleiner Knabe im klirrend kalten schwedischen Winter rennt er jubelnd und kreischend einem neuen Schultag entgegen. Niclas: Als Jugendlicher ist er ernst und nachdenklich, reflektiert darüber, wie es immer schwerer und hoffnungsloser wurde, das Versäumte in der Schule aufzuholen. Dann will er eben Elektriker werden. Oder Jugendliche betreuen oder irgendwas mit Computern.

Rainer Hartleb nimmt den Zuschauer sanft und ohne jeden eigenen Kommentar an die Hand. Kommen die Eltern zu Wort, scheint immer wieder durch, wie sie ihren Kindern unbewältigte eigene Lasten aufbürden. Aber auch sie kämpfen ja um den richtigen Weg. Anas muss zwei oder drei gewesen sein, als die Antiterrorpolizei die Wohnung stürmte und seinen algerischen Vater mitnahm. Wegen Terrorverdachts saß der Vater 1995 zwei Monate in Untersuchungshaft und ging als "mutmaßlicher Mörder" durch die Medien. Der Verdacht wurde irgendwann fallengelassen. Jetzt ist Anas ein sehr ernst wirkender junger Mann und will Anwalt werden. Seine Mutter, mit Kopftuch, macht sich auf den Weg zu einem Algerien-Besuch und zeigt lächelnd ihr schönstes Geschenk: eine Pippi-Langstrumpf-Puppe.

Hartleb hat viele solcher Bilder gesammelt, die klein und schlicht daherkommen und doch manchmal ungeheure Kraft entfalten. Saras Mutter, mit 17 Jahren allein aus Somalia nach Schweden gekommen, hat vier Kinder. Ihre Älteste läuft einen Schulmarathon. Am Ziel umarmt die Mutter die erschöpfte Sara, muss aber schnell weg zur Arbeit. Am letzten Schultag wird Sara als beste Schülerin des Jahrgangs ausgezeichnet. Die Mutter weint, umarmt ihre Tochter stolz. Und wieder muss sie ganz schnell zur Arbeit. Wenn sie im unscheinbaren Kleinstädtchen zu einem vermutlich unscheinbaren Job verschwindet, bekommt Jordbro unendlich weite Dimensionen.

In den Jordbro-Filmen fragt Autor Hartleb unsichtbar mit sanfter Stimme aus dem Hintergrund nach einer Vorstellung vom Glück. Fragt man ihn danach, kommt eine Mail von der Ostsee zurück: "Die Sonne scheint noch über Gotland, doch die Nächte sind schon kalt. Gestern plumpste ich in das herrliche Wasser und holte mir hinterher eine Hand voll Pfifferlinge im nahen Strandwald zu meinem Abendbrot."

Thomas Borchert, dpa

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