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16.11.2009
 

Rabiate Eltern

Frankreich will Prügelstrafe verbieten

Was in vielen Ländern Europas längst gilt, bedeutet für Frankreich eine kleine Revolution: Noch dürfen Eltern ihre Kinder dort schlagen - aber das will die Regierungspartei UMP jetzt verbieten. Eine Politikerin fordert gar, das Gesetz allen Brautpaaren bei der Hochzeit vorzulesen.

Noch vor knapp zwei Jahren applaudierte fast das ganze Land einem Lehrer, der einen Schüler geohrfeigt hatte. Jetzt scheint das Ideal einer gewaltfreien Erziehung langsam auch in Frankreich anzukommen. Die konservative Regierungspartei UMP hat erstmals einen Gesetzentwurf eingebracht, der körperliche Züchtigung verbietet. In Deutschland ist es bereits seit dem Jahr 2000 gesetzlich verboten, Kinder "körperlich zu bestrafen oder seelisch zu verletzen".

In Frankreich begründete die UMP-Abgeordnete Edwige Antier die Initiative ihrer Partei: "Je eher man die Hand gegen ein Kind erhebt, desto eher wird es ungezogen und aggressiv", sagte sie der Zeitung "Le Parisien".

Anders als in Deutschland hat sich in Frankreich ein autoritärer Erziehungsstil in Elternhaus, Kindergarten oder Schule auch nach der 68er-Bewegung gehalten - und wurde weithin akzeptiert. Nach Umfragen der "Organisation des Familles en Europe" gaben 87 Prozent der französischen Eltern an, eine Tracht Prügel gehöre zu ihren Praktiken. Und 53 Prozent sprachen sich gegen ein Prügelverbot aus, wie es in Deutschland und 17 anderen Ländern der EU schon in Kraft ist.

Das Prügelverbot soll ins Bürgerliche Gesetzbuch

Das einzige, was ein Kind aus Prügelstrafen lerne, sei, "dass man Konflikte mit Gewalt lösen kann und der Stärkere das Recht hat, den Schwächeren zu schlagen", sagte die Abgeordnete Antier. Sie will das Verbot wie in Deutschland ins Bürgerliche Gesetzbuch aufnehmen lassen. Antier geht sogar noch weiter und schlägt für Hochzeiten eine wenig romantische Lektüre des Gesetztestextes vor: Die Paragrafen sollen bei Eheschließungen dem Brautpaar vorgelesen werden, "um die Mentalität zu verändern", so die Parlamentarierin.

Das ist ein ziemlicher Schwenk für Frankreichs Politik. Der ohrfeigende Lehrer im Februar 2008 bekam noch Unterstützung aus der Politik. Der damalige Bildungsminister Xavier Darcos ließ Verständnis anklingen und sagte in einem Interview, dass mehr Lehrer Opfer von Schülergewalt seien als umgekehrt. Ohne jeden Zweifel habe der Lehrer schlecht reagiert, aber der Junge sei schon oft durch eine extrem vulgäre und brutale Art aufgefallen.

Auch Frankreichs Premierminister François Fillon bekundete damals: "Ja, ich unterstütze diesen Lehrer." In einem Radiointerview sagte er, die Ohrfeige sei zwar keine "gute Lösung", doch Lehrer bräuchten "ein wenig Disziplin und ein wenig Respekt", um ihren Unterricht abhalten zu können. "Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Schüler einen Lehrer als Arschloch bezeichnet." Der Lehrer hatte vor Gericht ausdrücklich gesagt, als der Schüler ihn beleidigte, habe er mit einer spontanen Reaktion "wie ein Familienvater" gehandelt. Er fand milde Richter und musste am Ende lediglich 500 Euro Geldstrafe zahlen.

Sollte das Gesetz verabschiedet werden, dürfen sich auch Eltern künftig nur noch verbal wehren.

otr/AP

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