Es war wohl ein Omen: Fast zweieinhalb Monate setzte sich das Schweigen zwischen mir und meinem Gastbruder fort, was letztlich zu einem Gastfamilienwechsel führte. Jetzt aber ist Sommer in Chile, ich habe eine tolle Familie und werde mit drei Monaten Schulferien belohnt. Im Dezember kam allerdings erst einmal depressive Stimmung auf: Die Weihnachtsfeiertage bei 30 Grad zu verbringen, ist nicht mein Ding. Zwar waren die Supermärkte gespickt mit Lametta und beschallt mit "White Christmas", doch die richtige Stimmung blieb aus.
Mit diesem Gefühl war ich nicht allein. Denn genau so steht es in meinem Handbuch fürs Austauschjahr: Schülern in tropischen Ländern wird darin zur Weihnachtszeit der Winterblues prophezeit. Manchmal finde ich mich selbst bescheuert, wenn ich mich im Durchschnitt dieser "mit 30-jähriger Erfahrung" zusammengestellten Ratgeber wiederfinde. Man will ja schließlich individuell sein. Andererseits tut es ganz gut zu hören, dass es anderen Austauschschülern auch nicht besser geht als mir.
"Du musst ins Fernsehen!"
Zum Glück gibt es hier reichlich Ablenkung. Ich genieße es etwa in vollen Zügen, wenn wir aufs Land fahren und ich mit den älteren Herrschaften dort beim Mittagstisch über den zukünftigen Präsidenten von Chile philosophiere. Ständig hat ein Mitglied dieser riesigen Familie Geburtstag, und alle paar Tage wird das auch ausgiebig gefeiert. Mit dabei sind auch immer viele Kinder, denn die Chilenen haben einfach ein anderes Familienverständnis als die Deutschen. Kinder haben hier einen hohen Status in der Gesellschaft, sie sind überall und immer mit dabei. Kein Wunder, dass die Geburtenstatistik in Deutschland so mager ausfällt.
Meine Familie überrascht mich auch immer wieder mit ausgefallenen Ideen. Wenn ich etwa meine Gastonkel treffe, reden sie stets auf mich ein, ich solle mich beim chilenischen Fernsehen bewerben. Und zwar für die Jugendsendungen im Nachmittagsprogramm - das sind schrille, laute Shows, in denen Teenager herumschreien und durchs Bild tanzen während die Moderatoren ihre Silikonkörper und abgefahrenen Frisuren präsentieren. "Yingo" und "La Muralla Infernal" nennen sich die Meisterwerke, die sich kluge Menschen ausgedacht haben, um die jungen Chilenen zu verblöden. "Komm, melde dich da an und ich mach deinen Manager", bekniete mich neulich einer meiner Gastonkel.
Ich lehnte dankend ab. Doch halt - den richtigen Look für diese Sendung hätte ich jetzt. Beim schon längst überfälligen Friseurbesuch kam vor einigen Tagen ein sehr interessantes Resultat zustande. Für etwa fünf Euro verbrachte ich unglaubliche zwei Stunden im Salon. Davon hat er eine Stunde lang meine Haare geglättet. Am Ende dieser Prozedur stand ein neuer "Yingo"-Animateur im Laden. Aber das wird schon wieder.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Querweltein | RSS |
| alles zum Thema Austausch-Log | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH