Aus Istanbul berichten Markus Flohr und Maximilian Popp
Sie tragen graue Anzüge und sprechen leise: Aus Ankara seien sie und hätten ein paar Fragen. Die Schüler sitzen starr auf den Bänken. Eben redeten sie noch über ihre Lieblingsfilme und -Schauspieler. Alle hatten etwas gesagt, es gab viel zu lachen. So ist das meist in den Stunden bei Azad Türkmen. Jetzt ist es so still im Klassenzimmer, dass man ein Schiff vom Bosporus tuten hört. Der Lehrer weiß: Wenn den Männern aus Ankara die Antworten der Schüler nicht gefallen, ist er seinen Job los.
Erste Frage: "Wie hieß Atatürks Großmutter?" Und: "Wie endete die Schlacht von Gallipoli? Wer möchte die ersten drei Zeilen des Freiheitsmarsches singen?" So geht es weiter.
Die Männer arbeiten für das Bildungsministerium; sie überwachen in den Schulen, ob die "Bildungsstandards" eingehalten werden. In der Türkei bedeutet das: Was wissen die Kinder über Mustafa Kemal Atatürk, den Gründer der Republik? Was über die Flagge, das Militär, die Nation?
Atatürk ist zu einer Obsession geworden
Man kann die Türkei mit einer Turnerin beim Spagat vergleichen: Ein Bein setzt sie schwungvoll in die Moderne, mit dem anderen hängt sie in der Vergangenheit fest. Wo der nächste Schritt landen soll, das weiß sie noch nicht genau.
Die Moderne, das sind: Unternehmer, die Filialen in Peking und New York eröffnen; die jungen Künstler aus Istanbuls Altbauten; die fortschrittlichen Universitäten des Landes. Die Vergangenheit - das ist der finstere Nationalismus, das Misstrauen gegenüber Fremden und die quasi-religiöse Verehrung des Staatsgründers Atatürk. Sein Leben und Wirken ist in der Türkei zur Staatsdoktrin geronnen: "Kemalismus".
Mehrmals im Jahr reisen die Bildungswächter aus Ankara von Schule zu Schule und prüfen, ob die Kinder und Jugendlichen Atatürks Botschaft auch ausreichend verinnerlicht haben. Sie sind unterwegs, um die weltliche, die kemalistische Türkei gegen den politischen Islam zu verteidigen, so sagen sie das. Mustafa Kemal Atatürk, Vater der Türken, Sohn eines Zöllners aus Thessaloniki, erster und ewiger Präsident der modernen Türkei, ist für seine Nachfolger zu einer Obsession geworden.
Das Verhör endete gut für Azad Türkmen. Seine Schüler haben den Kontrolleuren erzählt, wie viel sie von Atatürk wissen und wie sehr sie ihn alle lieben. Sie waren ein wenig zurückhaltend, weil sie sich lieber mit dem Lehrer weiter über Kino unterhalten hätten. Er wird seinen Job behalten. Aber die Männer in den Anzügen blieben nach der Stunde und fragten, ob ihm sein Beruf wirklich Spaß mache. Da musste er lachen.
Der Staatsgründer ist allgegenwärtig
Jetzt gießt Azad Türkmen sich im Lehrerzimmer einen warmen Cay ein. "Du denkst, an den Schulen sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, aber nein: Alles dreht sich nur um Atatürk." Im Geschichtsunterricht sei für die Antike kein Platz, für die Französische Revolution nicht, allenfalls für Hitler. Selbst in Fächern wie Mathematik und Biologie stehe Atatürk im Mittelpunkt: "Wir erklären sogar den Dreisatz am Beispiel Atatürks", sagt Türkmen sarkastisch. In Mathe komme Atatürk in jeder zweiten Sachaufgabe vor, etwa mit Anekdoten aus seinem Leben. Und gehe es um Größenordnungen, werde die Truppenstärke der türkischen Armee mit jener der Allierten im Ersten Weltkrieg verglichen.
In der Pausenhalle begrüßt die Schüler jeden Morgen ein Atatürk-Schrein, groß wie ein Fußballtor: in der Mitte ein Bild des jungen Atatürk, dazu der Text des Unabhängigkeitsmarsches (eine Hymne auf den Befreiungskrieg des jungen Generals gegen die westlichen Alliierten im Ersten Weltkrieg), kemalistische Sinnsprüche und eine türkische Fahne. Eine Wanduhr steht immer auf fünf nach neun - da starb Atatürk am 10. November 1938 in Istanbul.
In den Klassenzimmern sind Schautafeln aufgestellt: Atatürk als Kind, als Soldat, als Feldherr, als Staatsmann. "Ne mutlu Türküm diyene" steht drüber, "wie froh dürfen wir sein, uns Türken zu nennen".
Diese Schule ist nicht etwa eine Ausnahme - Atatürk ist 70 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig in der Türkei. Straßen sind nach ihm benannt, Stadien, Flughäfen. In jedem Büro hängt sein Porträt an der Wand, in vielen Restaurants, in Wohnzimmern, an wichtigen Gebäuden. Sein Gesicht prangt auf jedem Geldschein. Die Atatürk-Fanpage auf Facebook hat über eine Million Anhänger. Winston Churchill bringt es auf gerade 3500.
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