"Bu dao changcheng fei hao han, sagten meine Freunde, als ich ihnen erzählte, dass ich mit meiner Gastfamilie nach Peking reisen wolle. Frei übersetzt bedeutet das chinesische Sprichwort: Wer die große Mauer nicht bestiegen hat, ist kein richtiger Kerl. Und sie fügten lachend hinzu: 'Wenn du wiederkommst, bist du mehr Chinese als wir, denn wir waren noch nie auf der Mauer.'
Zur Chinesischen Mauer sollte es nämlich unbedingt gehen. Nach neueren Messungen soll Chinas Wahrzeichen noch größer sein als lange angenommen: Nicht 6000, sondern 8851 Kilometer lang erstreckt sich das Bauwerk aus der Ming-Dynastie. Mit dem bloßen Auge vom Mond aus kann man die Mauer trotzdem nicht sehen, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält.
Meine Ferien boten die einmalige Chance, einmal dorthin und in das Herz Chinas zu reisen. Von Hongkong fliegt man nur drei Stunden bis nach Peking. Diese Stunden waren dann auch vorerst die letzte Ruhepause: Wer reist wie ein Chinese, der gönnt sich keine Erholung. Unsere sechs Tage waren ausgefüllt mit Besichtigungen und Ausflügen zu Stätten von teilweise traurigem historischem Ruhm. Wir standen stets im Morgengrauen auf und kamen spätabends wieder.
Doch die Hetzerei lohnte sich. In Peking gibt es unendlich viel zu sehen, neben Pflicht-Stationen wie der Verbotenen Stadt oder dem Himmelstempel auch atemberaubende neue Architektur oder alternative Künstlerviertel wie das '798'. Auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik, die Anfang der fünfziger Jahre als Geschenk der Sowjetunion und der DDR in Peking gebaut wurde, sieht man in Ateliers und Galerien grinsende Maos oder schwangere Tonkrieger.
Annährung trotz Lernstress
Dass das Reisen in Chinas Hauptstadt so einfach und bequem sein würde, hätte ich aber nicht zu hoffen gewagt. Manche nennen das Leben in Hongkong spöttisch 'China light'. Ich hingegen fand Peking viel gemütlicher. Die Menschen auf der Straße waren geradezu freundlich, sobald die Sprachbarriere überwunden war. Sie beharrten darauf, mir den Weg zu Orten zu zeigen, die sie selbst nicht kannten. In Peking sieht man noch Menschen durch die Straßen schlendern - in Hongkong hetzt sich jeder ab.
Ziemlich bequem und billig war dann auch das Reiseangebot zur Chinesischen Mauer zum Abschnitt in Badaling, der von Peking aus am besten zu erreichen ist. In diesen Ausflug hätten wir allerdings ein bisschen mehr Mühe und Geld investieren können: Wir landeten auf einer Art Kaffeefahrt, auf der heiße Süßkartoffeln und unechte Jadeamulette verkauft wurden. Wir waren gezwungen, mehrere Stunden lang falsche Jade zu betrachten und dazu Vorträge auf Mandarin zu hören. Zumindest die warme Mahlzeit fand ich nicht schlecht: Auf der Chinesischen Mauer lag nämlich Schnee, auf diese Temperaturen war ich nicht vorbereitet gewesen.
Zurück in Hongkong ging es dann wieder richtig los mit Schulstress: lernen, vorbereiten, präsentieren. Ich nahm als chinesischer Botschafter an einer Uno-Simulation für Schüler teil und brachte meinem Schulchor die korrekte Aussprache von Brahms' "Wie lieblich sind deine Wohnungen" bei. Und ich habe erfahren, dass sogar in einem straffen Schulsystem Frühlingsgefühle möglich sind: Bei unserem englischen Debattierwettbewerb habe ich ein Mädchen kennen gelernt. Unser zweites Date verbrachten wir lernend in einer Bücherei.
'Deutsche Geschichte gegen Grundwortschatz Chinesisch?', beschrieb sie spöttisch, wie unsere Beziehung in Hongkong zu legitimieren wäre. Die Menschen hier lieben so genannte 'Win-win'-Strategien, bei denen beide Parteien profitieren. Ein guter Tausch, ich konnte nur zustimmen. Und eine bessere Motivation, um chinesische Gedichte auswendig zu lernen, könnte ich auch nicht finden."
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