14. Januar 2009, 16:56 Uhr

Raus aus Deutschland

Einmal weltwärts und zurück

Dieses Programm macht junge Menschen zu Herumtreibern - zu hilfsbereiten: Mit "Weltwärts" arbeiten 18- bis 28-Jährige für ein halbes Jahr zum Beispiel in Mexiko, Guatemala oder Indien. 2000 Jugendliche schickte die Bundesregierung schon auf Reisen, Zehntausende sollen folgen.

Irgendwie sieht Deutschland für Denise Villis, 22, anders aus, seit sie im Ausland war. Ein halbes Jahr lang lebte sie als Entwicklungshelferin in Tapachula, einer 500.000-Einwohner-Stadt im Süden von Mexiko, gleich an der Grenze zu Guatemala. "Dann kam ich zurück, es war so eng. Die Häuser waren hoch. Und alles war sauber, klar und strukturiert."

"Weltwärts": Ab ins Ausland, aber subito
TMN

"Weltwärts": Ab ins Ausland, aber subito

Noch etwas hat die junge Frau aus Bielefeld festgestellt, wenn sie ihre Landsleute mit den Mexikanern vergleicht: "Hier redet man vor allem mit Leuten, die man kennt. Und hat Angst vor den anderen."

Solche und ähnliche Erfahrungen haben in den letzten Monaten viele junge Deutsche gemacht. Bereits mehr als 2100 Bundesbürger zwischen 18 und 28 Jahren haben sich an einem Freiwilligen-Projekt namens "Weltwärts" beteiligt, das Anfang 2008 das Entwicklungsministerium startete. Die meisten gingen gleich nach dem Abitur oder während des Studiums in Länder wie Mexiko, Indien oder die Dominikanische Republik. Aber auch 200 junge Leute mit Hauptschul-Abschluss waren dabei.

Praktische Arbeit im Ausland

Mindestens ein halbes Jahr dauern die Einsätze fern der Heimat. Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zahlt an die Entsendeorganisation 580 Euro pro Teilnehmer und Monat. In den meisten Ländern reicht das aus, um Unterkunft, Verpflegung, Reisekosten und Versicherung zu decken; zusätzlich erhalten die Teilnehmer ein Taschengeld von mindestens 100 Euro monatlich. Nur wenige kamen vorzeitig zurück.

Später einmal, so die Planung, sollen mit "Weltwärts" jedes Jahr 10.000 junge Deutsche unterwegs sein. Bewerbungen gibt es bereits genug. Aus dem Entwicklungs-Etat stehen dafür bis zu 70 Millionen Euro zur Verfügung. "Der Dienst darf nicht vom Geldbeutel der Familien abhängen", sagt Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Unter den Teilnehmern sind viele, denen es nicht reicht, nur bei globalisierungskritischen Demonstrationen auf der Straße dabei zu sein. Sie wollen - wie Denise Villis - praktische Arbeit leisten. Die Bielefelderin kümmerte sich in der "Albergue Buen Pastor del Pobre y el Migrante" um Flüchtlinge aus Guatemala, die auf dem Weg in die USA bereits an der Grenze zu Mexiko gestrandet waren. "Als ich zurück kam, war ich zufriedener" als vor dem Abflug, sagte sie.

"Als Freiwilliger profitiert man mehr als die Leute vor Ort"

Auch Laurin Vierrath, 20, der ein halbes Jahr in einem Armenviertel in der Dominikanischen Republik arbeitete, kam verändert zurück. "Man kann nicht allein die Welt retten", sagt der Berliner. "Aber als Freiwilliger profitiert man von der Zeit enorm. Vielleicht mehr als die Leute vor Ort."

Das Projekt, das im ersten Jahr 15 Millionen Euro kostete, soll soziale und kulturelle Kompetenzen bei jungen Leuten fördern. Zum Dienst gehörte für die ersten Heimkehrer des "weltwärts"- Programms aber auch, immer wieder über Deutschland Auskunft zu geben - über den FC Bayern, über Mercedes und BMW, immer wieder auch auf die Frage, wie das damals mit Adolf Hitler war. "In Mexiko gibt es gerade viele junge Leute, die ein völlig verqueres Bild von der deutschen Vergangenheit haben", sagt Denise Villis. Einiges konnte sie geraderücken. Auch dafür hat sich die Entwicklungshilfe gelohnt.

Christoph Sator, dpa

Die wichtigsten Fragen zu "Weltwärts" im Überblick

Das Projekt richtet sich an 18- bis 28-jährige Deutsche, die entweder einen Haupt- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder das Abitur haben. Sie sollten die Sprache des Gastlandes sprechen. "Grundkenntnisse reichen", sagt Michael Pahl vom Verein "AFS - Interkulturelle Begegnungen" in Hamburg, "man sollte sich im Alltag verständigen können."

Auslandsprojekte: Andere Kulturen kennenlernen
BMZ

Auslandsprojekte: Andere Kulturen kennenlernen

Wichtig sei vor allem, dass die Teilnehmer offen für neue Kulturen und andere Menschen sind, sagt Pahl. Denn nur so fänden sie sich in einer fremden Kultur zurecht. Außerdem müssten sie bereit sein, sich aktiv in die Projekte einzubringen. Von den Bewerbern wird erwartet, dass sie sich bereits in irgendeiner Form sozial engagiert haben - etwa im Sportverein oder in der Schule.

Mindestens sechs Monate. In vielen Projekten wird aber eine zwölfmonatige Teilnahme verlangt. Männer, die statt Zivildienst einen Freiwilligendienst mit "Weltwärts" leisten wollen, müssen mindestens elf Monate mitarbeiten.

Die Teilnehmer müssen für den Freiwilligendienst nichts zahlen, für die Auswahltreffen können laut BMZ aber Kosten anfallen. Von den Freiwilligen wird erwartet, dass sie sich bereits vor der Ausreise für ihr Projekt einsetzen und zum Beispiel über einen Unterstützerkreis Spenden sammeln. Am Ort erhalten sie ein Taschengeld von 100 Euro im Monat. Unfall-, Haftpflicht- und Auslandskrankenversicherung werden bezahlt.

Ihre Bewerbung richten Interessierte direkt an die Entsendeorganisation. Sechs bis neun Monate Vorlauf sollten sie einplanen, sagt Pahl: "Bei uns gibt es keinen Bewerbungsschluss. Aber die Plätze werden nach Eingang vergeben. Und irgendwann sind sie voll."

Organisation ICJA Freiwilligenaustausch weltweit entsendet im Januar und im August oder September Teilnehmer. "Für 2009 sind alle Plätze weg. Für 2010 kann man sich aber noch bewerben", sagt Andrea Schwieger Hiepko von ICJA. Dort müssen Interessierten umfangreiche Bewerbungsunterlagen ausfüllen und unter anderem ihre Motivation schildern. Offene Fragen werden am Telefon besprochen. "Da wir mehr Bewerber als Plätze haben, versuchen wir die Besten für ein Projekt zu finden." Bei AFS gibt es Informationstage mit Einzel- und Gruppengesprächen.

Zu den Auslandszeiten kommen noch Vorbereitungs-, Begleit- und Nachbereitungstage. Dort bekommen die Teilnehmer Informationen zu den Projekten, zum Land und zur Kultur. Aber auch das Thema Entwicklungshilfe wird diskutiert. Bei ICJA beginnt der Auslandsaufenthalt mit einem Sprachkurs.

Die Palette ist breit - Projekten in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Nothilfe, Umweltschutz, Menschenrechte, Demokratieförderung und Sport. Häufig werden die Teilnehmer in der Kinder- und Jugendbetreuung eingesetzt, sagt Schwieger Hiepko. Manche Einsätze verlangen bestimmte Kenntnisse, können dafür aber als Fortbildung genutzt werden. "Etwa, wenn man als Assistant Teacher arbeitet und Englisch unterrichtet", so Pahl. Das ist für angehende Lehrer interessant.

Die Freiwilligen wohnen in den Projekten mit anderen internationalen Helfern oder - und das gilt für die Mehrheit - in Gastfamilien. "Das ist die beste Variante, weil man direkten Kontakt ins Land bekommt", sagt Schwieger Hiepko. Unterkunft und Verpflegung werden bezahlt.

jol/tmn


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