Abi in Südafrika: Jetzt darf geprotzt werden

Für südafrikanische Schüler ist der Abschlussball ein Ausnahme-Ereignis. Maßanzüge und Ballkleider, Limousinen und jede Menge Fotos - auch wer wenig besitzt, legt sich ins Zeug. Bei einer Party im Township war die Hamburger Schülerin Jana Ditz, 17, mittendrin statt nur dabei.

Das verrostete Gartentor fällt ins Schloss. Endlich kann Alan Sauls, 19, aufatmen. Der silberne Chrysler steht wie versprochen vor dem Haus seiner Großmutter in Kapstadt. Jetzt kann nicht mehr viel schiefgehen. Er öffnet die schwere Autotür für mich, ich klettere in den riesigen Wagen. Erschöpft lässt sich Alan auf den Sitz fallen. Mehr als zehn Stunden Vorbereitung liegen hinter uns. Denn heute ist der große Tag des Matricball - des südafrikanischen Abiballs.

Es ist der Ausnahmetag für jeden südafrikanischen Schüler, an dem niemand zur Schule geht, obwohl eigentlich noch Unterricht stattfinden sollte. Jetzt endlich sind wir auf dem Weg zur Feier. Doch an so einem großen Tag muss vor der Party unendlich viel getan werden - und ich, die ehemalige deutsche Austauschschülerin, habe mich ins Zeug gelegt, als sei es mein eigener Abschiedsball. Während meines Austauschjahrs vor zwei Jahren hatte ich Alan versprochen, ihn zum Matricball zu begleiten. Komme, was wolle.

Hier bin ich nun. Obwohl ich nur Alans Begleitung bin, saß ich schon morgens um acht Uhr beim Friseur und ließ meine Haare stundenlang schneiden, aufwickeln und föhnen. Wenn es nach Alan gegangen wäre, hätte der ganze Schnickschnack auf meinem Kopf nicht sein müssen: "Du sieht auch so gut aus! Außerdem hängen die Locken morgen sowieso wieder."

Ein bisschen Glamour muss schon sein

Nach drei Stunden bekam ich den Lohn für die lange Sitzung. Meine Haare waren fertig, ich strahlte über das ganze Gesicht: Locken wie gekräuseltes Geschenkband! Die Friseurin fädelte kleine blaue Steinchen hinein, sie funkelten in der Sonne. "Alles unnötiger Krimskrams", versuchte Alan cool abzuwinken. Doch dass ihm meine neue Mähne gefällt, konnte er nicht verheimlichen.

Nächste Station: Die Kosmetikabteilung eines Kaufhauses. Wer hier zwei Produkte kauft, wird kostenlos geschminkt - der perfekte Deal für Schülerinnen, die mit wenig Geld glamourös aussehen wollen. Unter Südafrikanerinnen wäre das wohl verpönt: Für den großen Auftritt am Ehrentag scheuen hier selbst die Bedürftigsten keine Kosten, ob für maßgeschneiderte Anzüge, ein neues Piercing oder einen eingesetzten Goldzahn. Ein Klassenkamerad ließ sich gar mit der Limousine aus dem Township abholen.

Und dann die Fotoaufnahmen. Alan hat für seinen Ehrentag eine private Fotografin engagiert. 200 Euro Gage und Kieferschmerzen vom vielen Lächeln nimmt er gern in Kauf. Jeder Moment, vom Nagelstudio bis zum Eintreten in den Ballsaal, muss festgehalten werden. Natürlich sind die meisten Fotos gestellt. Das interessiert später aber niemanden. Hauptsache, alles sieht perfekt aus. Für die Fotos liefen wir Hand in Hand die Straße herunter, posierten vor einer alten Mauer und ließen uns mit unzähligen Freunden und Familienmitgliedern ablichten.

Kein Zutritt für Mama und Papa

Ich fühlte mich im Blitzlichtgewitter wie ein von Paparazzi umlagerter Star. "Na siehst du, das war es mir wert", sagte Alan und legte den Arm um mich. Sofort blitzte die Kamera wieder. Sogar auf dem Weg zum Ballsaal folgte die zierliche Fotografin unserem Auto, um bloß keinen schönen Moment zu verpassen. Alan rutschte unruhig auf dem beigen Ledersitz hin und her. Dass ich ihm meine schwitzige Hand reichte, half da auch nicht mehr viel.

Jetzt wird es ernst! Nur noch wenige Meter trennen den Chrysler vom Eingang des hohen Gebäudes. Eigentlich ist Alan eher still, ein schüchterner Typ. Doch vor Aufregung redet er plötzlich wie ein Wasserfall. Als das Auto hält, reißt er sich zusammen und spielt den Gentleman, geleitet er mich in die Eingangshalle. Dort werden wir herzlich von Lehrern und Mitschülern empfangen. Mama und Papa mussten leider zu Hause bleiben, denn der Matricball ist nur für die Abiturienten und deren Begleitung.

Gefühlte 300 Fotos später machen wir uns auf den Weg zum Saal. Vor dem Fahrstuhl herrscht Trubel. Die Feier steigt im vierten Stock, jeder möchte den ersten Blick auf die Dekoration erhaschen. So quetschen sich jetzt 15 Schüler in einen Fahrstuhl, der eigentlich nur für sieben zugelassen ist.

Abitur erst in einigen Monaten

Als sich die silbernen Fahrstuhltüren öffnen, wird es hell, man bekommt wieder Luft. Vor der offenen Saaltür stehen weiße Säulen, der Boden ist mit Kerzen bedeckt. Auch im Saal ist alles romantisch geschmückt. Alan und ich fügen uns wunderbar in dieses Bild in schwarzer und hellblauer Dekoration. Nach unzähligen Reden und der Übergabe von etlichen Blumensträußen an die Lehrer wird das Buffet eröffnet. Es gibt traditionelles südafrikanisches Essen: Lammcurry mit Reis und Potjiekos, einer Art Eintopf. Und zum Nachtisch Kuchen und Fancies, das sind kleine Törtchen und Pralinen.

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Auf der Tanzfläche gibt es keinen Walzer und steifen Paartanz, sondern HipHop und Electroklänge. Meine störenden High Heels fliegen sogleich in die Ecke, auch die ein oder andere Krawatte landet auf der Stuhllehne. Trotzdem: Sorglose Abi-Partys wie bei uns in Deutschland kennen die Südafrikaner nicht. Das Matric hat zum Zeitpunkt des Matricball nämlich noch keiner in der Tasche, die Abschlussprüfungen sind erst in einigen Monaten. Außerdem wäre knapp die Hälfte aller Schüler mit den Noten des Halbjahreszeugnisses durchgefallen. So kommt es schon mal vor, dass dies für jemanden der zweite oder dritte Abiball im Leben ist.

Alan ist zuversichtlich, dass er den Matric beim ersten Anlauf schafft: "Man muss nur ganz viel lernen, dann klappt das schon." Doch wie viele Mitschüler muss er neben der Schule arbeiten, um über die Runden zu kommen, er kellnert und hilft seiner Mutter im Kiosk. Welchen Berufsweg er später einschlagen wird, weiß er noch nicht. Ein Studium in Südafrika kann er sich wohl nicht leisten, und bei 23 Prozent Arbeitslosigkeit sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt mäßig. Im Schnitt findet nur die Hälfte der Schüler einen Job, nachdem sie die Schule verlassen haben.

Von diesen düsteren Aussichten will sich hier jedoch keiner den Abschiedsball vermiesen lassen. Was immerhin bleibt, sind glänzende Fotos, die aussehen, als hätten die Schüler Hochzeit gefeiert.

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Abiball südafrikanisch: Glitzer, Glamour, Goldzähne


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