Von Christian Bleher
Mein Unterrichtsstil unterschied sich deutlich von dem chinesischer Fremdsprachenlehrer. Lebhaft und emotional, vieles demonstrierte ich mit Mimik und Gestik. Wenn ich den Schülern Farben beibrachte und für "Schwarz" auf die schwarzen Haare eines Mitschülers zeigte, lachten alle laut - als ob sie dachten: "Wie gut, dass es mich nicht erwischt hat!" Wenn ich auf mein eigenes T-Shirt deutete, gab es verwirrtes Gekicher oder verlegenes, betroffenes Schweigen. In kreischendes Gelächter brachen die Schüler aus, wenn ich Begriffe für die Körperteile vorsprach und dabei auf meinen Arm, meine Schulter oder den Kopf deutete. Zu körpernah, geradezu gruselig.
Ich hatte den Eindruck, dass ich weniger erreichte als beim Unterrichten in einer deutschen Schule. In der siebten Klasse lasen die meisten Schüler noch laut vor, sprachen laut und meldeten sich im Unterricht. Schon ein Jahr später änderte sich das. Nicht vorübergehend, für eine wohl in aller Welt übliche Phase der Pubertät, sondern nachhaltig. Eine chinesische Kollegin sagte einmal: "Die Schüler verstummen einfach und werden so schrecklich schweigsam."
Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik
Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen
Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht
Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern
Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen
Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern
Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste
Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern
Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher
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