Als Lehrerin in China: Gemeinschaft - Jeder ist sich selbst der nächste

Sechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht.

Schüler in China: Gefügig, aber phantasielos Fotos
Katja Meuß

Manchmal war ich fassungslos, wie distanziert Lehrer und Schüler einander gegenüber standen. Vier Lehrerinnen aus der Inneren Mongolei reisten mit einer Gruppe von 20 Schülern tausend Kilometer weit nach Tianjin, um sich an der Nankai High School fortzubilden. Alle wohnten im selben Wohnheim wie ich, die Lehrer blieben vier Wochen in Tianjin, die 15-jährigen Schüler sollten hier erst mal ein Jahr lang lernen.

Kurz vor der Abreise der Lehrerinnen unterhielt ich mich mit ihnen. Auf welchem Stockwerk, in welchem Zimmer ihre Schüler untergebracht seien - nein, das wüssten sie nicht. Sie hatten sie in den vier Wochen auch nicht gesehen oder mit ihnen gesprochen, schließlich saßen sie gerade nicht in ihrem Unterricht.

Auch dachte keiner in der Schule daran, mir zu erzählen, dass gerade eine Gruppe von deutschen Schülern und Lehrern in der Nankai High School zu Besuch war. Keiner informierte mich, dass einige meiner Schüler während der Sommerferien zur Partnerschule nach Deutschland fuhren. Zufällig liefen mir zwei deutsche Schüler auf dem riesigen Campus über den Weg und erzählten mir, dass sie für mehrere Monate hier den Unterricht besuchten. Man kreiste nur um sich selbst und schottete sich gedanklich von den anderen ab.

Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik

Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen

Teamarbeit: Siegen, egal wie

Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht

Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern

Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen

Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern

Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste

Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern

Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher

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insgesamt 5 Beiträge
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1. beruhigend!
wwwwebman 03.04.2012
wäre ja noch schöner, wenn dieses milliardenvolk hunderttausende kreative köpfe hervorbringen würde! nein, liebe chinesen - wir denken und entwickeln - und ihr beschränkt euch weiter auf das "abkupfern" unserer ideen - so haben wir beide was davon...
2. Kulturexperiment - gescheitert
el-gato-lopez 03.04.2012
Das mag jetzt verkürzt klingen - aber China ist letztlich das grösste sozio-kulturelle Freiluftexperiment der Erde. Ein-Kind-Politk (damit verbundenes "Optimierungsbedürfnis" von Seiten der Eltern hinsichtlich des einzigen Nachkommens) + Ein vom Westen "abgekupferter" Leistungsbegriff, der aber völlig aus dem kulturgeschichtlichen Kontext herausgerissen wurde (Sowas wie charakterliche Grösse, Teamgeist oder "Edelmut" gegenüber Verlieren scheint man nicht kopieren zu wollen...) + Ein im Grunde positives (aber mittlerweile pervertiertes) konfuzianisches Ethikverständis = Eine Gesellschaft, der es am Selbstverständnis als Solidar- und Schicksalgemeinschaft komplett mangelt, sich dafür aber einem mechanistischen Leistungs- und Konformitätsbegriff verpflichtet fühlt. Solche Gesellschaften bringen keine konstruktiven Querdenker hervor, weil selbige schon im Frühstadium aussortiert werden - oder später im Gefängnis landen.
3. Ha, ha von wegen nur chin. Problem
gypsy-mike 04.04.2012
Ein Besuch an der deutschen Botschaftsschule in Peking hätte gezeigt das es noch perverser zu gehen kann, zumindest ist das meine Erfahrung. 12.000,00 € für 1 Jahr bezahlt mit null Ergebnis für meinen Sohn. Er ist damals eingeschult in der Hoffnung das er seine deutschkenntnisse verbessert und schon nach 3 Monaten fiel der Schule nichts Besseres ein als mir zu schreiben das es für mein Sohn besser wäre er würde auf eine chinesische Schule gehen. Er hätte keinen deutschen Background bzw. er würde nicht wie gefordert zu Hause lernen und vergäße häufig div. Schulmaterialien. Dabei war der Schule von Beginn klar gemacht worden das es nicht einfach werden würde. Ich bin Auslandsmonteur und nicht nur in China tätig, meine Frau ist Chinesin spricht aber nur englisch und kein deutsch. Nachdem ich damals (2009) das Schulgeld überwiesen hatte war es auch schon aus mit der "Gemeinschaft". Nicht ein einziger Moment wo ich das Gefühl gehabt hätte das man den Jungen in die Gemeinschaft einbezogen hätte und unterstützt hätte. Stattdessen immer nur ein Rumgejammere das bei den Jungen zuhause keiner deutsch spräche. Also, bevor man sich bei anderen Schulen sich auslässt, sollte man lieber erstmal vor der eigenen Haustür saubermachen und dann hätte man immer noch Zeit sich etwas weiter aus den Fenster zu lehnen. PS: Nach einen Jahr musste ich den Jungen von der Schule nehmen quasi ohne Resultat. Soviel zum Thema: Jeder ist sich selbst der Nächste
4. Als Lehrerin in China
eldro 04.04.2012
Zitat von sysopKatja MeußSechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,824360,00.html
Nach mehr als zweijähriger Lehrtätigkeit als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an einer chinesischen Universität (in dieser Zeit habe ich auch Frau Meuß kennen gelernt), kann ich ergänzen, das Meuß' kritische Sicht in vielen Facetten auch für die chinesischen Hochschulen Gültigkeit hat. Allerdings sollte man auf das "System" und die Studierenden einen jeweils eigenen Blick haben. Jeder, der China näher kennen gelernt hat, weiß, dass das, was wir modernistisch 'System' nennen, in China auf einem viele Jahrhunderte alten kulturellen Geflecht beruht, das zu verändern mehr als wenige Jahrzehnte benötigt. Umso größer muss die Achtung vor der Anpassungsleistung derjenigen chinesischen Studierenden sein, die nach Deutschland kommen und hier unter unserem System und unseren Lebensbedingungen nicht nur erfolgreich studieren, sondern danach in vielen Fällen auch erfolgreich berufstätig sind.
5. .
cekay 05.04.2012
Zitat von eldroNach mehr als zweijähriger Lehrtätigkeit als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an einer chinesischen Universität (in dieser Zeit habe ich auch Frau Meuß kennen gelernt), kann ich ergänzen, das Meuß' kritische Sicht in vielen Facetten auch für die chinesischen Hochschulen Gültigkeit hat. Allerdings sollte man auf das "System" und die Studierenden einen jeweils eigenen Blick haben. Jeder, der China näher kennen gelernt hat, weiß, dass das, was wir modernistisch 'System' nennen, in China auf einem viele Jahrhunderte alten kulturellen Geflecht beruht, das zu verändern mehr als wenige Jahrzehnte benötigt. Umso größer muss die Achtung vor der Anpassungsleistung derjenigen chinesischen Studierenden sein, die nach Deutschland kommen und hier unter unserem System und unseren Lebensbedingungen nicht nur erfolgreich studieren, sondern danach in vielen Fällen auch erfolgreich berufstätig sind.
Und welch arrogantes creatives Hirn kann nur soweit denken dass das eigene System auf jeden Fall "besser" ist? Der ganze Artikel ist wieder der übliche arrogante Müll, der über eine andere Kultur ausgeschüttet wird, weil sie nicht kompatibel ist. So haben die arroganten Europäer schon vor hunderten von Jahren über Afrikaner und andere Völker geredet. Wenn diese Frau 6 Jahre in China unterrichtet hat, und nur Negatives erfahren hat, dann sollte sie mal in sich selbst geht und fragen, wie weit es mit ihrer Kreativität Lernfähigkeit bestellt ist.
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Zur Person
  • Katja Meuß
    Katja Meuß, 61, war schon Konrektorin an zwei bayerischen Schulen, sie hat vier Jahre in Nowosibirsk gearbeitet und vier Jahre in Armenien. Von 2005 bis 2011 unterrichtete sie in China Deutsch. Noch am Ende ihrer sechs Jahre wunderte sie sich über ein raues und wenig inspirierendes Lernklima, selbstherrliche Direktoren und weit verbreitetes Desinteresse an den Mitmenschen.
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