Viele Lehrer riefen ihre Schüler mit den Nummern der offiziellen Namensliste auf. Manche Lehrer kannten ihre Schüler auch bis zum Ende des Schuljahres nicht mit Namen. Kein Wunder bei bis zu 60 Schülern pro Klasse und möglicherweise zehn und mehr Parallelklassen. Andersherum begrüßten auch die Schüler ihre Lehrer nur mit: "laoshi hao!". Also: "Guten Tag, Lehrer!", wörtlich: "Lehrer gut".
Meine Schüler als namenloses Stückgut anzusprechen, erschien mir seelenlos. Ich behalf mir mit einem Trick: Zu Schuljahresbeginn schrieb ich bis zu 500 deutsche und englische Namen auf Kärtchen, die die Schüler während des Unterrichts mit Clips an ihrer Kleidung befestigten. Die jüngeren Schüler liebten diese Namensschilder mit deutschen Vornamen und die Individualität, die damit verbunden war. Nur die Achtklässler steckten sich manchmal nur unwillig die Namensschilder an. Individualität hieß eben auch hervortreten aus der Masse, wovor man sich in der Pubertät scheut - egal ob in Europa oder in China.
Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik
Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen
Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht
Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern
Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen
Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern
Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste
Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern
Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher
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