Als Lehrerin in China: Kreativität - Wer Fehler macht, wird ausgelacht 

Sechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht.

Schüler in China: Gefügig, aber phantasielos Fotos
Katja Meuß

Wenn ich selbständiges Arbeiten und kreatives Denken forderte, hatte ich das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen. Die Schüler hatten Angst, eine falsche Antwort zu geben. Phantasie und Vorstellungsvermögen der Schüler waren recht begrenzt. Ich forderte sie auf, zu bestimmten Begriffen frei zu assoziieren, doch es fiel ihnen nichts ein. Außer Schule findet ja nicht viel Inspirierendes statt.

Besonders störte mich ein anerzogener Mangel an Empathie. Viele Schüler von mir lachten Mitschüler, die falsch geantwortet hatten, hemmungslos aus. Oft fing das Gelächter schon an, wenn ich einen schwachen Schüler nur aufrief. Wenn ich ihn für seine Antwort lobte, schaute er mich verständnislos an und wagte nicht, sich zu freuen. Die anderen Schüler allerdings bemerkten gar nicht, dass ich ihn gelobt hatte.

Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik

Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen

Teamarbeit: Siegen, egal wie

Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht

Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern

Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen

Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern

Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste

Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern

Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher

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1. Lachen in China hat eine andere Bedeutung
essstaebchen 04.04.2012
Das Lachen bei Fehlern anderer hat eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland. Oft versucht man, durch Lachen, eine peinliche Situation erträglicher zu machen. Die Lehrerin, die einen schwachen Schüler aufruft, ist diejenige, die ihn (oder sie) bloßstellt. Man macht so etwas einfach nicht! Das Aufrufen in der Gruppe ist absolut schlechter Stil, da es immer das Risiko einer Bloßstellung mit sich bringt. Oft lachen die anderen Schüler auch deshalb, weil eine Lehrerin hartnäckig ablehnt, die richtige Aussprache eines chinesischen Namens zu lernen. Und wenn man chinesisch falsch ausspricht, dann kommt eben oft ein sehr lustiges Wort dabei heraus. In diesem Fall passt da Frau Meuß sich nie die Mühe gemacht hatte, die Namen der Schülerinnen und Schüler zu lernen. Das Kichern im Klassenverband ist oft nur ein Ventil für zu großen Stress im Allgemeinen. Dieser Kommentar: "Wer Fehler macht, wird ausgelacht" beschreibt eine typische interkulturelle Verwechslung der Bedeutung des Lachens. Erstaunlich, dass Frau Meuß auch nach 6 Jahren in China nicht mehr dazu zu sagen weiß
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  • Dienstag, 03.04.2012 – 16:16 Uhr
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Zur Person
  • Katja Meuß
    Katja Meuß, 61, war schon Konrektorin an zwei bayerischen Schulen, sie hat vier Jahre in Nowosibirsk gearbeitet und vier Jahre in Armenien. Von 2005 bis 2011 unterrichtete sie in China Deutsch. Noch am Ende ihrer sechs Jahre wunderte sie sich über ein raues und wenig inspirierendes Lernklima, selbstherrliche Direktoren und weit verbreitetes Desinteresse an den Mitmenschen.
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