Als Lehrerin in China: Selbstmord einer Schülerin - Schweigen statt trauern

Sechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht.

Schüler in China: Gefügig, aber phantasielos Fotos
Katja Meuß

Eine Zehntklässlerin hatte Selbstmord begangen. Xinyi war zu Hause aus dem 18. Stock gesprungen. Eltern, Schulleitung und Polizei vereinbarten, dass darüber kein Wort verloren wird. Die Schule fürchtete einen beträchtlichen Imageverlust, die Eltern einen Gesichtsverlust. Xinyis Lehrer wussten Bescheid, sprachen aber nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton über den Suizid.

Der Platz des Mädchens im Klassenzimmer war leergeräumt. Manche Klassenkameraden munkelten, sie sei an eine andere Schule gewechselt. Die wenigen, die Bescheid wussten, saßen verstört im Klassenzimmer. Man hatte ihnen strikt verboten, über den Vorfall zu sprechen. Sie konnten die Entscheidung ihrer Freundin, einer sehr guten Schülerin, nicht verstehen, sie wussten keine Hintergründe, sie durften auch niemandem ihr Herz ausschütten. Der wahre Grund für die Tat wurde nie aufgeklärt.

Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik

Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen

Teamarbeit: Siegen, egal wie

Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht

Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern

Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen

Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern

Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste

Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern

Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher

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insgesamt 43 Beiträge
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1. grausame Verhältnisse
velociraptor 03.04.2012
Zitat von sysopSechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht. Als Lehrerin in China: Selbstmord einer Schülerin - Schweigen statt trauern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,824361,00.html)
Man kann nur hoffen, dass Entwürdigung und Entindividualisierung, wie sie in China vorkommt, in der übrigen Welt nicht Schule macht. Das ist einfach nur grausam, selbst wenn es sich hier im konkreten Fall um eine Eliteschule handelt.
2. Stumpf auswending
ofelas 03.04.2012
Zitat von sysopSechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht. Als Lehrerin in China: Selbstmord einer Schülerin - Schweigen statt trauern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,824361,00.html)
Chinesische Studenten an meiner alten Uni; Buecher wuerden vorsaetzlich geschwaertz damit andere nicht die gleichen Mittel zur Verfuegung haben - bis eine erwischt wurde.
3. Ich wage die These,
julekh 03.04.2012
daß das auch mit fehlender christlicher Nächstenliebetradition und dem fehlenden christlichen Menschenbild vom Wert des Einzelnen als Gottes geliebten Geschöpfs abhängt.
4. Tod in China
Blaue Fee 03.04.2012
Der Klassenkamerad meiner Nichte (in Beijing) ist vor ca. 2 Jahren im Schwimmbad ertrunken. Die Grosseltern, die den Jungen erzogen, empfingen nur in den ersten 30 Tagen Kondolenzbesucher, dann schotteten sie sich 3 Monate zuhause von der Aussenwelt ab und ab dann wird nie mehr von dem Jungen gesprochen. Trauer in China ist nunmal anders als in der westlichen Welt. (Nur in den ehemals portugiesischen und englischen Kolonien läuft es ein wenig anders.) Man merkt, dass die Lehrerin nichts von der Kultur der Leute begriffen hat, sie wirkt auf mich wie Bill Murray in "Lost in Translation". Lehrer sind reine Wissensvermittler, es ist nicht ihr Job Sozialverhalten einzuüben. Kinder müssen hervorragend sein, sie müssen den Namen der Familie hochhalten und ihm Ehre machen. Sie brauchen klare Anweisungen und kein Wischiwaschiblabla-Gruppengeschreibsel, das funktioniert natürlich nicht.
5. Japan
postmaterialist2011 03.04.2012
Das klingt ja fast wie Japan. Bei Gruppenarbeiten wird getobt, in den hintersten Reihen meist geschlafen und ob man im Unterricht etwas mitbekommt oder nicht ist egal, da man nach dem Schulunterricht sowieso in die Paukschule geht. Wo Kindergartenkinder noch quicklebendig und neugierig sind, haben Grundschulkinder meist schon ein Phlegma wie Senioren. Zuwenig Schlaf und zuviel Druck führen zu Apathie. Auch heute sprechen noch 99% der Japaner so gut wie Null Englisch und dies obwohl in der Zwischenzeit meist 10 Jahre Englischunterricht Pflicht sind. Angeblich ist man ganz toll in Grammatik, aber wenn ich die Grammatik nicht in einer Konversation anwenden kann dann ist sie für die Katz.
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  • Katja Meuß
    Katja Meuß, 61, war schon Konrektorin an zwei bayerischen Schulen, sie hat vier Jahre in Nowosibirsk gearbeitet und vier Jahre in Armenien. Von 2005 bis 2011 unterrichtete sie in China Deutsch. Noch am Ende ihrer sechs Jahre wunderte sie sich über ein raues und wenig inspirierendes Lernklima, selbstherrliche Direktoren und weit verbreitetes Desinteresse an den Mitmenschen.
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