Amok-Drohung: US-Schüler muss für acht Jahre ins Gefängnis

Texanische Richter haben einen 17-Jährigen zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Der Schüler hatte ein Blutbad an einer Highschool angekündigt - das Gericht wertete das als "terroristische Bedrohung". Eine US-Rechtsexpertin ist entsetzt über das harte Urteil.

Für acht Jahre muss Terrance T. hinter Gitter, so lautet das Urteil des Bezirksgerichts im texanischen Smith County, nachdem der 17-Jährige eine Schule mit einem geplanten Überfall bedroht hatte. Aus Sicht des Richters handelte es sich um eine "terroristische Bedrohung".

Der Schüler der John Tyler High School hatte am 30. Januar die örtliche Polizei über die Notrufnummer angerufen und damit gedroht, eine andere Schule mit einer Waffe zu betreten und dort das Feuer zu eröffnen. Die Polizei hatte den Anruf gegen 8.20 Uhr entgegengenommen und umgehend die betroffene Robert E. Lee High School abgeriegelt.

Bei der Suche nach dem Anrufer stellten die Ermittler fest, dass Terrance T. das geliehene Mobiltelefon eines Bekannten benutzt und den Drohanruf aus einem Schulbus heraus abgesetzt hatte. Als die Ermittler ihn wenig später festnahmen, fanden sie keine Waffen. Der Jugendliche gab gegenüber der Polizei an, es habe sich um einen Scherz gehandelt.

Trotzdem wertete das Bezirksgericht den Anruf als "terroristische Bedrohung". Der Staatsanwalt hatte den Fall in seiner Anklage zuvor als Straftat dritten Grades ("3rd degree felony") eingestuft - dafür sieht das texanische Recht Gefängnisstrafen zwischen zwei und zehn Jahren sowie Geldstrafen bis zu 10.000 Dollar vor.

Strafrechtlerin fehlt Verständnis für das Urteil

Hintergrund: Im Strafgesetzbuch des Bundesstaates gibt es fünf Stufen je nach Schwere der Tat. Die niedrigste Stufe wird als "state jail felony" bezeichnet, mit Gefängnisstrafe zwischen 180 Tagen und zwei Jahren. Danach folgen Straftaten dritten, zweiten und ersten Grades sowie Kapitalverbrechen, die mit lebenslangem Freiheitsenzug oder der Todesstrafe geahndet werden.

Der Anwalt des Schülers hatte US-Medien gesagt, der Richter habe das Strafmaß mit "den Zeiten, in denen sich die USA derzeit befinden", gerechtfertigt. Eine Sprecherin des Schulbezirks äußerte Verständnis für die harte Strafe: Zwar sei der Richterspruch schwerwiegend, sagte Angela Jenkins - "allerdings leben wir in einer Zeit, in der Sicherheit eine der wichtigsten Sorgen ist".

Eine amerikanische Professorin hält die Entscheidung dagegen für deutlich übertrieben: "Ich bin entsetzt über dieses harte Urteil, selbst im Kontext der allgemein harten Rechtsprechung in Texas", sagte Michele Deitch, Strafrechtlerin an der Universität von Texas, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Auch bei einer Straftat dritten Grades hätte es die Möglichkeit einer Bewährung gegeben. Der Richter hatte also einen deutlichen Ermessensspielraum."

"Das Gefängnis sollte denen vorbehalten sein, vor denen wir uns fürchten, und nicht denen, auf die wir sauer sind", so Deitch weiter. Die harte Strafe sei offenbar eine Reaktion auf die öffentliche Angst vor Terrorangriffen und solle eine Botschaft an Nachahmer senden, dass es keine Toleranz bei Terrorspäßen gebe. Nach Auffassung der Juristin handelt es sich aber um eine "schreckliche Verschwendung von Gefängnisbettenkapazität und Steuerzahlergeld".

Schüler ist rechtlich praktisch chancenlos

Im amerikanischen Rechtssystem entscheide der Staatsanwalt vor dem Prozess, auf welcher Stufe er die Tat sehe. Eine solche Bedrohung könne auch als leichte und schwere Ordnungswidrigkeit geahndet werden, erklärte Deitch. Eine Rolle spiele, wie groß der finanzielle Schaden sei, ob sich die Bedrohung gegen ein Familienmitglied gerichtet habe und das öffentliche Leben oder auch Regierungseinrichtungen beeinträchtigt wurden. Die Einstufung als Straftat dritten Grades sei durchaus nachvollziehbar: "Die Tat des jungen Mannes hat tatsächlich die Öffentlichkeit in Angst versetzt und dafür gesorgt, dass eine öffentliche Einrichtung geschlossen werden musste."

Die Rechtsmittel des 17-Jährigen gegen das Urteil sind beschränkt: "Er könnte Einspruch einlegen, wenn das Gericht einen Fehler begangen hat. Ansonsten kann der Richterspruch nicht wirklich angefochten werden, denn Richter haben in den Vereinigten Staaten einen enormen Ermessensspielraum, und die Strafe ist im möglichen Maß", so Michele Deitch. Jetzt könne der Schüler nur noch darauf hoffen, dass ihm bei guter Führung das letzte Viertel der Strafe erlassen werde und er auf Bewährung freikomme.

In den USA müssen sich jugendliche Straftäter ohnehin auf eine harte Gangart vor Gericht einstellen. Es gebe eine ganze Reihe von Minderjährigen mit weitaus längeren Haftstrafen und ohne Chance auf Begnadigung, erklärte Michele Deitch: "Eine aktuelle Erhebung geht von 73 Personen aus, die Verbrechen im Alter von 13 oder 14 Jahren verübt haben und lebenslang einsitzen."

In der Regel geht es dabei allerdings um schwere Verbrechen. Die Rechtswissenschaftlerin hatte selbst im Frühjahr einen Jungen als Anwältin vertreten, der seine Großeltern im Alter von zwölf Jahren umgebracht hatte und inzwischen eine 30-jährige Gefängnisstrafe verbüßt. "In diesem Land gibt es wenig Skrupel, was die harte Bestraftung von Teenagern angeht - eine Vorgehensweise, die anderswo in der Welt als nicht akzeptabel gelten würde", so Deitch.

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