Austausch-Log Costa Rica: Sehnsucht nach dem Freizeitstress

Über Hektik kann Austauschschülerin Madlene Scheiderer, 16, nicht klagen - im Gegenteil. Sie nervt die ausgeprägte Gemütlichkeit der Costaricaner. In ihrer Gastfamilie stellt sie fest: Nachmittags wird entspannt und am Morgen ausgeschlafen. Wenn das ihre Mutter wüsste.

Madlene in Costa Rica: Zwangsentschleunigt auf der Insel Fotos
Madlene Scheiderer

"Genau hier in Costa Rica, irgendwo zwischen Pazifik und Karibik, finden Sie diese einzigartige Ansammlung von Pflanzenvielfalt und Biodiversität!" Und: "Ein Paradies, für jeden gestressten Europäer oder Workaholic aus den Staaten." So buhlen die Plakate in Costa Rica um Touristen. Ich aber bin kein Urlauber, sondern ich werde ein Jahr in einer Gastfamilie leben. Ob es leicht wird? Sicher nicht!

Schon der Abschied fiel mir schwerer, als ich dachte. Doch anfangs hatte ich nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn wegen eines Unwetters musste das Flugzeug notlanden. Nach einer Nacht in Panama kam ich in Costa Rica an. Alles leuchtete grün und es regnete. So wie ziemlich oft. Wenn es regnet, dann richtig laut, lange und meist mit Blitz und Donner. Und eigentlich kann man nur ins Fitnessstudio oder Filme schauen - doch dazu später.

Meine Gastfamilie wohnt in Guapiles, Limon, auf der Karibikseite Costa Ricas. Sie sagen, für ein blondes Mädchen könne es nachts auf der Straße gefährlich werden. Deswegen darf ich im Dunkeln niemals allein gehen, und da es keine Linienbusse gibt und es früh dämmert, rufe ich mir fast täglich ein Taxi. Die sind zwar günstiger als in Deutschland, trotzdem wird es auf Dauer teuer.

Bald ist Hollywoods Filmvorrat aufgebraucht

Meine Gastmutter Mari ist Hausfrau und pflegt ihre krebskranke Schwester. Mein Gastpapa heißt Omar und besitzt drei Taxen, auf die er sehr stolz ist. Außerdem leben hier noch meine gleichaltrige Gastschwester Carolina, mein 8-jähriger Gastbruder Diego und Pupi, der kleine übergewichtige Familienhund.

Wie sie ihre Kinder erziehen, war für mich ein Kulturschock. Wenn ich in Deutschland in den Ferien zu lange geschlafen habe, weckte mich meine Mama und sagte jedes Mal: "Madlene, schau dass du aufstehst und was aus deinem Tag machst! Unternimm etwas und sei zum Abendessen wieder da!" Hier sagt mein Gastvater, nachdem ich ausgeschlafen habe: "Na, ruhst du dich schön aus? Ist das nicht gemütlich? Wir können uns ja alle zusammen Filme ansehen."

Ich werde nach der Schule erst richtig wach und aktiv. Doch wenn die Freunde sich ausruhen wollen, es alleine in der Dunkelheit zu gefährlich ist, und ein Tropengewitter alle in die Häuser treibt, bleibt mir fast nichts anderes übrig, als mich der Kultur anzupassen und mich auszuruhen oder mir mit der Familie Filme anzusehen.

Costa Ricaner können das alles viel besser genießen als ich. Sie essen langsamer, spazieren langsamer und machen sich keinerlei Freizeitstress. Ich hingegen bin angestrengt auf der Suche nach Hobbys. Denn bald ist Hollywoods Filmvorrat aufgebraucht...

Wochenende - endlich was los

Die Sonntage verbringen meine Gasteltern mit der Familie und mit Freunden bei ihren Pferden auf dem Land in der Nähe einer Finca. Wir picknicken dann und manchmal gibt es sogenannte Cabalgatas, das sind Ausritte durch die wunderschöne Landschaft Costa Ricas.

Über diese Abwechslung am Wochenende bin ich sehr froh. An Wochenenden war ich auch schon auf einem Konzert der Red Hot Chili Peppers, an den Karibikstränden Puerto Viejo und Manzanillo und in der Hauptstadt San Jose. Dort ist das Leben ganz anders: Viele Nationalitäten treffen aufeinander, es gibt Einkaufszentren und nicht nur Pulperias, die kleinen Tante Emma Läden. Außerdem gibt es Kinos, auch die hat es in meiner Kleinstadt nicht. Und als blondes Mädchen bin ich hier nicht ganz so außergewöhnlich wie in den Dörfern.

Solche Ausflüge machen einiges wett. An diesen Tagen denke ich: Oh mein Gott, wie unendlich toll! Oft bin ich aber auch weniger euphorisch, dann heißt es eher "Ich kann nicht mehr!" oder "Ich will heim!" Stimmungsschwankungen gehören wohl zu einem Auslandsjahr und ich freue mich schon jetzt wieder auf meinen geliebten Freizeitstress in Deutschland. Bis dahin aber versuche ich einfach, das Leben so entspannt zu genießen wie die Ticos.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. oke
Layer_8 23.12.2011
Zitat von sysopÜber Hektik kann Austauschschülerin Madlene Scheiderer, 16,*nicht klagen - im Gegenteil. Sie nervt die ausgeprägte Gemütlichkeit der Costaricaner. In ihrer Gastfamilie stellt sie fest:*Nachmittags wird entspannt und am Morgen ausgeschlafen. Wenn das ihre Mutter wüsste. Austausch-Log Costa Rica: Sehnsucht nach dem Freizeitstress - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,801772,00.html)
16 Jahre alt. Dann in Costa Rica. Bei mir war es damals, 1980, auch 16 Jahre alt, eher Griechenland. Interrail für einen Monat. Mit nem Hoppelzug durch Jugoland gefahren. Und Costa-Ricaner müssen irgendwie griechische Vorfahren haben, wenn ich den Artikel so lese. Und jetzt muss ich irgendwie die derzeitige Eurokrise während der Weihnachtszeit mental in mein Kleinhirn verschieben
2. Na sowas !
marypastor 23.12.2011
Zitat von sysopÜber Hektik kann Austauschschülerin Madlene Scheiderer, 16,*nicht klagen - im Gegenteil. Sie nervt die ausgeprägte Gemütlichkeit der Costaricaner. In ihrer Gastfamilie stellt sie fest:*Nachmittags wird entspannt und am Morgen ausgeschlafen. Wenn das ihre Mutter wüsste. Austausch-Log Costa Rica: Sehnsucht nach dem Freizeitstress - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,801772,00.html)
Wer haette gedacht, dass Costaricenser eine Mittagspause einlegen. Diese Austausch-Logs haben es in sich.
3. Peinlich
mrmcdonald 23.12.2011
Zitat von sysopÜber Hektik kann Austauschschülerin Madlene Scheiderer, 16,*nicht klagen - im Gegenteil. Sie nervt die ausgeprägte Gemütlichkeit der Costaricaner. In ihrer Gastfamilie stellt sie fest:*Nachmittags wird entspannt und am Morgen ausgeschlafen. Wenn das ihre Mutter wüsste. Austausch-Log Costa Rica: Sehnsucht nach dem Freizeitstress - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,801772,00.html)
Hoffentlich sehen es die Menschen der pubertierenden Göre nach und denken nicht, dass alle Deutschen so drauf sind. Schon von Mutti auf die Höher-Schneller-Weiter-Schiene gesetzt und vermutlich mit 25 im dicksten Burnout.... Apropos Mutti. Hat die nicht letztens dem Regierungschef des Kosovo erklärt, dass es mit der Korruption im Kosovo ein Ende haben muss? Und das bei einem Bundespräsi wie unserem. Manchmal sind wir nur noch peinlich.
4. amateure + profis
esnike 23.12.2011
Madlene ist journalistische Amateurin. Die Flachheit des Textes sei ihr nachgesehen. Der Autor des Titels der Fotostrecke " Zwangsentschleunigt auf der Insel" ist erkennbar bezahlte SPON Kraft. Schämen und setzen! Ihr schmaler journalistischer Output strotzt vor Fehlern, zeugt von mangelnder Bildung und arrogantem Eurozentrismus. Costa Rica ist eine seid 190 Jahren selbständige demokratische Republik in Zentralamerika und keine Insel! Die Insel, mit der Costa Rica von Ignoranten gerne verwechselt wird heisst Puerto Rico, liegt im karibischen Meer gleich neben Cuba und gilt als Apendix der USA......
5.
widower+2 24.12.2011
Zitat von esnikeMadlene ist journalistische Amateurin. Die Flachheit des Textes sei ihr nachgesehen. Der Autor des Titels der Fotostrecke " Zwangsentschleunigt auf der Insel" ist erkennbar bezahlte SPON Kraft. Schämen und setzen! Ihr schmaler journalistischer Output strotzt vor Fehlern, zeugt von mangelnder Bildung und arrogantem Eurozentrismus. Costa Rica ist eine seid 190 Jahren selbständige demokratische Republik in Zentralamerika und keine Insel! Die Insel, mit der Costa Rica von Ignoranten gerne verwechselt wird heisst Puerto Rico, liegt im karibischen Meer gleich neben Cuba und gilt als Apendix der USA......
Ein in allen Punkten hervorragender Kommentar! Aber wie leer muss man innerlich sein, um sich nach dem "Freizeitstress" in Deutschland zu sehnen? Wenn Menschen deutscher Herkunft Zeit bekommen, über sich selbst und die Welt im Allgmeinen nachzudenken,scheint das für die meisten unerträglich zu sein. Warum? Diese Phänomen scheint mir gerade unter Teenager-Mädchen verbreitet zu sein. Ich wohne in einer Ortschaft mit ca. 4000 Einwohnern und habe seit 3 Jahren kein Mädchen zwischen 13 und 18 auf dem Fahrrad gesehen, das KEINE SMS geschrieben oder telefoniert hat während der Fahrt.
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