"Genau hier in Costa Rica, irgendwo zwischen Pazifik und Karibik, finden Sie diese einzigartige Ansammlung von Pflanzenvielfalt und Biodiversität!" Und: "Ein Paradies, für jeden gestressten Europäer oder Workaholic aus den Staaten." So buhlen die Plakate in Costa Rica um Touristen. Ich aber bin kein Urlauber, sondern ich werde ein Jahr in einer Gastfamilie leben. Ob es leicht wird? Sicher nicht!
Schon der Abschied fiel mir schwerer, als ich dachte. Doch anfangs hatte ich nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn wegen eines Unwetters musste das Flugzeug notlanden. Nach einer Nacht in Panama kam ich in Costa Rica an. Alles leuchtete grün und es regnete. So wie ziemlich oft. Wenn es regnet, dann richtig laut, lange und meist mit Blitz und Donner. Und eigentlich kann man nur ins Fitnessstudio oder Filme schauen - doch dazu später.
Meine Gastfamilie wohnt in Guapiles, Limon, auf der Karibikseite Costa Ricas. Sie sagen, für ein blondes Mädchen könne es nachts auf der Straße gefährlich werden. Deswegen darf ich im Dunkeln niemals allein gehen, und da es keine Linienbusse gibt und es früh dämmert, rufe ich mir fast täglich ein Taxi. Die sind zwar günstiger als in Deutschland, trotzdem wird es auf Dauer teuer.
Bald ist Hollywoods Filmvorrat aufgebraucht
Meine Gastmutter Mari ist Hausfrau und pflegt ihre krebskranke Schwester. Mein Gastpapa heißt Omar und besitzt drei Taxen, auf die er sehr stolz ist. Außerdem leben hier noch meine gleichaltrige Gastschwester Carolina, mein 8-jähriger Gastbruder Diego und Pupi, der kleine übergewichtige Familienhund.
Wie sie ihre Kinder erziehen, war für mich ein Kulturschock. Wenn ich in Deutschland in den Ferien zu lange geschlafen habe, weckte mich meine Mama und sagte jedes Mal: "Madlene, schau dass du aufstehst und was aus deinem Tag machst! Unternimm etwas und sei zum Abendessen wieder da!" Hier sagt mein Gastvater, nachdem ich ausgeschlafen habe: "Na, ruhst du dich schön aus? Ist das nicht gemütlich? Wir können uns ja alle zusammen Filme ansehen."
Ich werde nach der Schule erst richtig wach und aktiv. Doch wenn die Freunde sich ausruhen wollen, es alleine in der Dunkelheit zu gefährlich ist, und ein Tropengewitter alle in die Häuser treibt, bleibt mir fast nichts anderes übrig, als mich der Kultur anzupassen und mich auszuruhen oder mir mit der Familie Filme anzusehen.
Costa Ricaner können das alles viel besser genießen als ich. Sie essen langsamer, spazieren langsamer und machen sich keinerlei Freizeitstress. Ich hingegen bin angestrengt auf der Suche nach Hobbys. Denn bald ist Hollywoods Filmvorrat aufgebraucht...
Wochenende - endlich was los
Die Sonntage verbringen meine Gasteltern mit der Familie und mit Freunden bei ihren Pferden auf dem Land in der Nähe einer Finca. Wir picknicken dann und manchmal gibt es sogenannte Cabalgatas, das sind Ausritte durch die wunderschöne Landschaft Costa Ricas.
Über diese Abwechslung am Wochenende bin ich sehr froh. An Wochenenden war ich auch schon auf einem Konzert der Red Hot Chili Peppers, an den Karibikstränden Puerto Viejo und Manzanillo und in der Hauptstadt San Jose. Dort ist das Leben ganz anders: Viele Nationalitäten treffen aufeinander, es gibt Einkaufszentren und nicht nur Pulperias, die kleinen Tante Emma Läden. Außerdem gibt es Kinos, auch die hat es in meiner Kleinstadt nicht. Und als blondes Mädchen bin ich hier nicht ganz so außergewöhnlich wie in den Dörfern.
Solche Ausflüge machen einiges wett. An diesen Tagen denke ich: Oh mein Gott, wie unendlich toll! Oft bin ich aber auch weniger euphorisch, dann heißt es eher "Ich kann nicht mehr!" oder "Ich will heim!" Stimmungsschwankungen gehören wohl zu einem Auslandsjahr und ich freue mich schon jetzt wieder auf meinen geliebten Freizeitstress in Deutschland. Bis dahin aber versuche ich einfach, das Leben so entspannt zu genießen wie die Ticos.
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