SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. März 2012, 08:59 Uhr

Austausch-Log Färöer

Mein Leben ist so hunaligt

Bares zum Geburtstag und gelegentlich ein Tänzchen: Austauschschülerin Alexandra Piloth, 16, ist schon so sehr in färöische Sitten und Bräuche versunken, dass sie die deutschen fast vergessen hat. Anfangs war ein Leben auf den Inseln unvorstellbar, jetzt will sie nicht mehr weg.

Vor sieben Monaten dachte ich nicht, dass ich ein Jahr auf den 18 kleinen Inseln mitten im Nirgendwo leben könnte. Inzwischen würde ich sagen, dass ich es bisher ganz gut gemeistert habe. Aus Ängsten und Missverständnissen wurden Witze und Gewohnheiten.

Für Freunde und Familie in Deutschland hören sich meine Geschichten manchmal nach einer Mischung aus Märchen, Traum und Alptraum an. Für mich ist es ein Traum, hier leben zu dürfen, und ein Alptraum, dass ich in vier Monaten die Inseln verlassen muss.

Vieles auf den Färöer-Inseln klingt erst einmal anders, ist aber doch recht ähnlich wie in Deutschland. Zum Beispiel gibt es hier auch Karneval, er heißt hier aber føstulávint. Man geht, wie zu Halloween, von Tür zu Tür und bittet um Süßigkeiten. Einen Karnevalsumzug, bei dem verkleidete Frauen und Männer von ihren geschmückten Festwagen Kamelle schmeißen, gibt es hingegen nicht. Ich werde zu meinem Geburtstag zu einem kleinen føstulávint gehen. Eine Perücke habe ich mir schon gekauft, nun fehlt nur noch ein lustiges T-Shirt und bunte Hosen.

In der Schule haben wir zu Ehren des føstulávint ein paar färöische Tänze getanzt. Der färöische Tanz ist sehr einfach und leider auch der einzige Tanz, den ich perfekt beherrsche - was nicht sonderlich schwer ist: Zwei Schritte nach links, einen nach rechts. Das wiederholt man so lange, bis man keine Lust, Luft oder Zeit mehr hat. Dabei nehmen sich alle an den Händen, bilden so eine geschlossene Kette durch den Raum und fangen dann an zu singen. Das Singen ist viel schwieriger, denn es gibt viele verschiedene Texte. Die Räume, in denen man diesen Tanz tanzt, sind meist sehr klein und deshalb wird es schnell stickig. Eine Freundin sagte mir, manche Färinger tanzen die ganze Nacht.

Fast alles ist hier gemütlich

Es gibt natürlich noch viel mehr färörische Traditionen. Wenn ich aber nach den deutschen Traditionen gefragt werde, weiß ich nie, was ich antworten soll. Bier und Oktoberfest sind wohl eher bayerische Traditionen als deutsche. Auch sonst fallen mir nur regionsspezifische Traditionen ein.

Für meinen Geburtstag kenne ich nur meine Tradition: Kalter Hund. Das ist ein Kuchen, der aus Butterkeksen und einer Schokoladenmischung besteht. Darauf freue ich mich sehr - meine Gastfamilie hoffentlich auch.

Abgesehen davon werde ich in diesem Jahr einen typisch färöischen Geburtstag feiern. Die Gäste kommen gegen 21 Uhr und schenken meist Geld. Also genau das, was man in Deutschland nur gibt, wenn einem nichts anderes einfällt oder wenn man keine Zeit hatte, etwas zu kaufen. Dann gibt es reichlich selbstgemachten Kuchen, verschiedene Desserts, Kaffee, Tee und Kakao. Ich werde mit ihnen einfach einen gemütlichen Abend verbringen. Es gibt kein Kino, kein Eislaufen, kein Bowling. Gegen 1.30 Uhr ist der Geburtstag vorbei und alle können schlafen gehen.

Gemütlich, also "hunaligt", ist hier fast immer alles. Wenn man einen schönen Abend oder ein schönes Wochenende mit Freunden verbracht hat, dann bedankt man sich mit "Takk fyri eitt hugnaligt kvøld" (Danke für den gemütlichen Abend). Im Großen und Ganzen ist es wirklich sehr entspannend und ruhig hier zu leben. Kein Stress und kein chaotisches Großstadtleben - nur ab und an ein Tänzchen.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH